Sie haben es gemerkt: Das Tagesevangelium vom Epiphaniasfest ist kein klassischer Kirchweihtext! Vielleicht ist er sogar das Gegenteil davon. Denn in der Fortsetzung der Weihnachtsgeschichte macht unser Predigttext uns heute klar: Gott braucht keine Kirchen, um uns nahezukommen.
Gottes Nähe kennt keine Mauern
Christus, das Licht der Welt, braucht keine Kathedralen, um zur Welt zu kommen. In den Palästen der Herrschenden sucht man den neugeborenen König der Welt vergeblich. In einer Futterkrippe, draußen bei den Tieren, vielleicht in einem schäbigen Unterstand oder einer Höhle, da hat er das Licht der Welt erblickt. Ein Provisorium, eine Notlösung, wie wir wissen. Eine Geburt zwischen Obdachlosigkeit und Flucht.
Später werden sie über den so zur Welt gekommenen sagen:
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Wie passt es da, wenn wir – zwar inzwischen hierzulande selten, aber hier und dort mit großem Einsatz und noch größerer Freude – Gotteshäuser errichten und heute in Laineck eine neue Kirche einweihen? Zugegeben, Ihre neue Epiphaniaskirche ist keine Kathedrale, aber gewiss doch auch kein Provisorium mehr und erst recht kein schäbiger Stall!
Der dreieinige Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – sie brauchen unsere Gotteshäuser nicht. Sie lassen sich nicht in Häusern aus Stein beherbergen, domestizieren, festhalten. Ihnen kann ich genauso im stillen Kämmerlein oder auf einem Berggipfel, an der Bushaltestelle oder im Büro begegnen.
Gottes Gegenwart in allen Lebensräumen
Aber wir Menschen, wir brauchen die Orte der Gemeinschaft im Glauben, die Orte der Andacht, der Verkündigung und der Stille, Orte, wo Musik erklingt und mich einhüllt, wo gemeinsamer Lobpreis uns Gemeinde werden lässt und aus der Vereinzelung unserer Gottsuche zusammenführt und stärkt. Wir Menschen, wir brauchen und suchen solche Orte. Schon der Stall von Bethlehem, so könnte man es verstehen, wurde ja zu einer allerersten Kirche, in der sich eine spontane Gemeinde aus Tieren und Hirten um Maria, Josef und das Kind in der Krippe versammelt hat.
Und heute hören wir, auch noch andere haben sich dorthin aufgemacht. Sternenkundige Weisen aus dem Morgenland. Der Evangelist Matthäus erzählt, auch sie sind gekommen, ihn – den neugeborenen König, das Christuskind anzubeten.
Sie sind gekommen, ihn anzubeten, so wie wir uns heute aus Laineck und Bayreuth und manche von noch weiter her aufgemacht haben, um hier Gottesdienst zu feiern und diese Kirche als Ort der Anbetung in den Dienst zu nehmen. Sie sind gekommen, ihn anzubeten, und so sind jene Weisen aus dem Morgenland heute früh unsere Vorläufer und Zeugen.
Sehnsucht, Vertrauen und Beharrlichkeit
Es sind Menschen, die einen weiten Weg gegangen sind. Vermutlich zu Fuß, durch Sand- und Steinwüsten, sicher manchmal auch mit Diskussionen untereinander: Lohnt sich das alles? Ist das nicht ein Hirngespinst, dem wir folgen? Sollten wir nicht lieber die Probleme auf Erden lösen, statt in den Himmel zu starren?
Auch Sie, liebe Lainecker, sind einen langen Weg gegangen bis heute. Seit Jahrzehnten hatten Sie Geld gesammelt und zurückgelegt für einen Kirchenneubau. Immer wieder stand das ganze Projekt auf der Kippe.
Landeskirchliche Zuschüsse wurden geringer, das Bauen immer teurer. Die Feuerwehr nebenan beanspruchte Erweiterungsflächen. Ein Architekt musste gefunden werden, der bereit war, sich auf zukunftsfähiges, und das heißt effizientes und sparsames Bauen einzulassen. Ein kräftezehrender Weg war das, oft genug eine endlos scheinende Wüste, in der Ihnen manch ein Felsbrocken vor die Füße gerollt wurde. Sie haben durchgehalten, oft vielleicht mit einem flehenden Blick zum Himmel. Aber Ihre Vision von einer Gemeindezukunft in und mit einer neuen Epiphaniaskirche hat Sie durchhalten lassen. Nun sind Sie angekommen!
Mut und Gehorsam der Weisen
Die Weisen aus dem Morgenland bezeugen uns die Sehnsucht von Menschen, Vertrautes und Gewohntes zu verlassen und Gottes Spuren zu folgen. Dass es drei Könige waren, dass sie Caspar, Melchior und Balthasar hießen, dass sie aus drei Erdteilen kamen und drei verschiedenen Generationen angehörten, davon weiß die Bibel noch nichts. Wohl aber, dass es Fremde waren, die von weit her kamen, aus dem Zweistromland, Menschen anderen Glaubens, aus einem anderen Kulturkreis, und dass sie Sterndeuter waren, also nach damaligen Maßstäben hochspezialisierte, kritische Wissenschaftler. Und sie folgen ihrer Neugier, ihrem Staunen über einen so noch nie gesehenen Stern. Sie stellen Fragen, wollen begreifen, öffnen sich dem Heiligen:
Wir sind gekommen, ihn, dessen Stern wir gesehen haben, anzubeten!
Wie wünschte ich mir, dass auch unsere heiligen Orte, Kirchen – ja, auch diese hier – immer solche Strahlkraft haben, Fragende und Suchende und Sehnsüchtige anzuziehen. Und dass wir uns als Gemeinde den Fremden, den Anderen und ihren auch kritischen Fragen nicht verschließen!
Und noch etwas lernen die Weisen aus dem Morgenland – und wir mit ihnen: Der Friedenskönig lässt sich in den Zentren der Macht nicht finden. In Jerusalem, damals Sitz des Herodes und Hauptstadt des Schreckens, werden sie weitergeschickt. Dort regiert einer, der keine Macht neben sich duldet und der vor nichts zurückschreckt, auch nicht vor peinlichster religiöser Heuchelei. Moskau und Washington lassen grüßen.
Und so mögen sich die Sterndeuter ungläubig die Augen gerieben haben, als es wieder hinaus aus den Toren der Stadt ging und der Stern sie hinaus ins weite judäische Land wies. Ein Weg, der heute gesäumt ist von Checkpoints und Mauern. Damals waren es wohl eher die inneren Widerstände und Zweifel – sollte wirklich hier, am Land, in der Provinz, in aller Ärmlichkeit jener König geboren worden sein, dessen Licht in alle Welt strahlt? Aber sie sind kluge Menschen, diese Weisen – und zu ihrer Klugheit gehört sicher auch, dass sie ihre eigenen Vorurteile überwinden, dass sie wahr nehmen, was ist, auch wenn sie mit ganz anderen Erwartungen aufgebrochen waren.
Freude, Hingabe und geöffnete Herze
Gekommen, um anzubeten.
Als die Weisen beim Kindlein ankommen, da, so heißt es,
wurden sie hocherfreut und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf …
Was für eine wunderbare Beschreibung, liebe Gemeinde, für all das, was Menschen im Glauben finden können. Da ist die große Freude, die wir heute so gut nachempfinden können. Eine Sehnsucht hat sich erfüllt! Eine Suche, die vielleicht durch Zweifel und Erschöpfung und Widerstände hindurchgegangen ist, war endlich erfolgreich! Solche Freude kann überwältigen. Solche Freude macht demütig. Denn nie war es nur eigenes Können, Geschick, Vermögen. Immer sind da auch andere, Sterne, Menschen, Zufälle, sind es die verborgenen Wege Gottes, denen wir uns an den Höhe- und Zielpunkten unserer Sehnsucht verdanken.
Die Suche der Weisen hätte in Jerusalem schiefgehen können. Ihr Kirchbauprojekt hätte an Finanzen oder Genehmigungen scheitern können. Aber nun: Selige Freude, unendliche Dankbarkeit. Und die Weisen, so heißt es wörtlich, sie öffnen ihre Schätze. Was für ein schönes Bild! Menschen, die zutiefst berührt werden, die dem Heiligen begegnen, die öffnen sich und öffnen damit das Beste, was in ihnen steckt. Gold, Weihrauch und Myrrhe, das waren kostbarste Luxusgüter der antiken Welt.
Aber wieviel kostbarer sind die Schätze, die in Menschen stecken – Zeit und Leidenschaft, Humor und Resilienz, Glaube und Begeisterung, Engagement und Spendenbereitschaft. So viele Menschen hier in Laineck haben diese ihre Schätze geöffnet und haben sie ihrer Gemeinde und diesem Kirchenneubau geschenkt, und sie werden es weiter tun! Und hoffentlich auch all die vielen, die neu hierher kommen, um anzubeten.
Und dann ist da noch etwas, was sich mit der Freude der Weisen verbindet – fast könnte man es überlesen: Es ist ihr Mut und Gehorsam, auf einem anderen Weg wieder in ihr Land heimzukehren. Sie widersetzen sich damit dem Deal des Herodes. Sie lassen sich nicht von seiner Macht und seinen Intrigen manipulieren. Sie bleiben ihrem Herrn in der Krippe treu und hören auf Gottes Stimme.
Ein neuer Weg beginnt
An der Krippe, überall dort wo wir Jesus Christus begegnen, in Wort und Sakrament, da tanken auch wir Mut. Mut, auf Gottes Stimme zu hören und seinen Weg zu gehen. Mut, uns nicht verführen zu lassen von denen, die einfache, schnelle Lösungen versprechen, oder die Rückkehr zu alter Größe oder den Glanz von Macht. Als Bürgern und als Christenmenschen, auch als Kirche werden wir diesen Mut brauchen, im gerade begonnenen Jahr 2026. Den Mut, andere Wege zu gehen, unbekannte, womöglich auch unbequeme Wege. Und Demut, Gottes Wege mitzugehen. Denn Gottes Wort: „Siehe, ich mache alles neu“ steht über dem neuen Jahr.
Die Einweihung Ihrer Epiphaniaskirche heute ist nicht nur Zielpunkt eines jahrzehntelangen Ringens und Betens und Arbeitens. Sie ist auch Beginn eines neuen Weges, den Gott mit Ihnen als Gemeinde, mit den Menschen hier in Laineck gehen will. Dieser neue Weg steht unter dem Segen des heutigen Tages:
Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus!
Und er steht unter dem Licht des guten Sterns, der Menschen zu Jesus Christus führt.
Amen.