"Grüß Gott" oder "Adieu" beziehungsweise "Ade" – wer heute diese Grußworte hört, denkt selten an Segen, zumal sie allenfalls noch im Süden Deutschlands erklingen.
Und doch steckt nichts anderes dahinter als der Wunsch nach göttlichem Beistand: "Grüß(e) dich Gott" ist die Kurzform von "Gott segne dich". "Adieu" – vom lateinischen "ad deum" – bedeutet schlicht "Gott befohlen".
Sprachliche Überreste: Segensworte entdecken
Es sind Überreste einer Zeit, in der Worte und Gesten Schutz und Geborgenheit vermitteln sollten – durch eine Kraft, die von außen kommt, ohne dass man selbst etwas dafür tun könnte.
Selbst der allgegenwärtige Kultschlager zu jedem Geburtstag – "viel Glück und viel Segen" –, der jede zweite Glückwunschkarte ziert und den manch eine*r sogar laut mitsingt, lebt von der uralten Ahnung: gelingendes Leben ist nicht nur Glückssache, sondern ein Geschenk.
Segen in Ritualen und Redewendungen
Überall im Alltag lassen sich Reste dieses alten Segensgedankens entdecken. Wer "Mahlzeit!" wünscht, deutet auf eine "gesegnete Mahlzeit" zurück. Wer die Treppen nimmt statt den Aufzug, hört den Reim im Hinterkopf: "Sich regen bringt Segen".
Und wenn der Haussegen nach einem Streit mit der Partnerin schief hängt oder ein Antrag nicht abgesegnet wird, fehlt etwas Entscheidendes: die unsichtbare Kraft, die dafür sorgt, dass Dinge wirklich gelingen und wir uns verbunden fühlen.
Segen widerspricht dem Zeitgeist – und liegt vielleicht gerade deshalb im Trend. Wir leben in einer Welt, die das Leben wie einen Software-Code behandelt: formbar, optimierbar, kontrollierbar. SpaceX schießt gerade erst wieder eine neue Rakete ins All, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Elon Musk auf dem Mars Burger isst. Alles scheint machbar. Alles – außer Segen.
Denn er erinnert daran, dass wir nicht allmächtig sind. Dass wir angewiesen bleiben: auf etwas, das sich nicht erzwingen lässt, aber zum Leben dazugehört. Zum Glück. Sonst gäbe es keine Überraschungen. Keine Sehnsucht. Kein Prinzip Hoffnung.
Moderne Sehnsucht nach Schutz und Gelingen
Vielleicht erklärt das die neue Sehnsucht nach Segen. "Segen to go" boomt – nicht nur bei Kirchenmenschen, sondern auch bei denen, die lange keinen Fuß in eine Kirche gesetzt haben. Ob in der Fußgängerzone, vor dem Supermarkt, beim Elektrofestival, im Riesenrad auf dem Ebbelwoifest, beim CSD oder morgens beim Bäcker, wo ein Sticker mit QR-Code und der Aufschrift "Ich brauche Segen" an der Tür klebt – der Segen zieht hinaus in die Welt.
Die Theologin Uta Pohl-Patalong wirbt seit Jahren dafür, die gewohnten Kirchenräume zu verlassen und den Segen dorthin zu bringen, wo Menschen ihn suchen. Auch heute bleibt der Wunsch nach Segen: nach einem Zuspruch, der von außen kommt, nach einer Kraftquelle, auf die man vertrauen kann.
Ursprünglich heißt Segen soviel wie "Zeichen setzen" (lateinisch "signare" beziehungsweise "signum"). Im Hebräischen klingt im Wort (Grundwort "brk“) sogar die Vorstellung einer Kraft an, die das Leben nicht nur schützt, sondern wachsen lässt. Ob gesprochen ("Der Segen sei mit dir"), gezeichnet (als Kreuz auf die Stirn), gelegt (durch die Hand auf den Kopf oder die Schulter): Segen ist performativ – er beschreibt nicht, was ist. Er geschieht.
Wer darf segnen und wer nicht?
Segnen dürfen übrigens nicht nur Pfarrer*innen – alle Christ*innen können anderen Menschen Gottes Segen zusprechen. "Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein", heißt es in der Geschichte von Abraham (1. Mose 12,2).
Mit diesen Worten fordert Gott jeden auf, zum Segen für andere zu werden – das heißt die Botschaft seiner Liebe weiterzugeben. Für manche wird sich das wie eine Trockenübung anfühlen, doch oft sind es gerade diese ungewöhnlichen Erfahrungen, die Kraft schenken.
Segen in Bayern
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