Bei den Olympischen Winterspielen in Italien begleitet Pfarrer Thomas Weber deutsche Athlet:innen als Seelsorger. Er erzählt, wie er Sportler:innen inmitten von Leistungsdruck, Wettkampfstress und hoher Erwartungshaltung unterstützt, welchen Stellenwert Glaube im Hochleistungssport hat und wie persönliche Begegnungen zwischen Kulturen, Religionen und Generationen Olympia zu einem besonderen Erlebnis machen.

Welche Fragen bewegen Sportler:innen, wenn sie zu Ihnen kommen?

Thomas Weber: Grundsätzlich gilt: Wer sich für Olympia qualifiziert hat, hat schon eine herausragende Leistung gebracht, oft auch über Jahre hinweg im Weltcup. Die Athletinnen und Athleten, die zu uns kommen, haben ihren Fokus auf die olympischen Topleistungen gerichtet. Und dazu gehört immer, dass nur einer gewinnen kann, zwei Medaillen bekommen, und der Rest muss mit dieser Realität umgehen. Mit dem Druck umzugehen, das kennen sie die ganze Saison über, auch wenn es je nach Sportart unterschiedlich im Fokus der Öffentlichkeit steht.

Ich würde nicht sagen, dass Olympia ein Ort ist, an dem plötzlich Existenzängste ausbrechen. Gerade hier in Italien haben wir viele Familien und Freunde gesehen, die ihre Verwandten unterstützen. Es ist nicht so, dass Athletinnen und Athleten zu uns, meiner katholischen Kollegin Lisa und mir kommen und völlig niedergeschlagen sind, nicht wissen, wie es weitergeht und uns alles aus dem Herzen ausschütten. So darf man sich Olympia nicht vorstellen. Die Gespräche drehen sich eher um den Umgang mit Leistungsdruck, Motivation, aber auch um persönliche Fragen.

Wie präsent ist der Glaube im Olympischen Dorf? Kann Spiritualität die Leistung fördern?

Über die Jahre habe ich gemerkt, dass Athleten dann Topleistungen bringen können, wenn das gesamte Umfeld stimmt. Es gibt verschiedene Bausteine: Familie, Verein oder Trainingsgruppe, Sportpsychologen, die die Athleten betreuen, und die Trainer, die eine zentrale Rolle spielen. Bei Olympia geht es auch darum, aus Einzelathleten ein Team zu formen. Einzelathleten wohnen teilweise ein, zwei Wochen zusammen im Athletendorf.

Ein weiterer Baustein ist der christliche Glaube. Das ist etwas, das ich nicht nur im Sport, sondern auch als Gemeindepfarrer in Gevelsberg erlebe. Athleten sagen: "Der Glaube ist mir wichtig." Sicherlich ist unsere deutsche Mentalität etwas zurückhaltender als beispielsweise die südamerikanische, wo Sportlerinnen und Sportler ihren Glauben oft bewusst in der Öffentlichkeit zeigen.

Ein eindrückliches Beispiel war 2024 bei den Sommerspielen in Paris: Die deutsche Kugelstoßerin Yemisi Ogunleye sagte nach ihrem Goldgewinn öffentlich, dass Gott ihr Kraft gegeben habe. Bei der Feier im Deutschen Haus war es mucksmäuschenstill, als sie dieses Bekenntnis abgab. Man merkt dann, dass der Glaube neben den anderen Bausteinen – Familie, Verein, Trainer, Psychologen – eine starke Stütze sein kann. Die Parallele zwischen Sport und Leben ist offensichtlich: Wir alle kämpfen mit Niederlagen und freuen uns über Siege, und Glaube kann dabei ein Fundament sein.

Olympische Spiele stehen auch für Völkerverständigung. Wie erleben Sie den Austausch unter den Athlet:innen?

Religionen spielen eine Rolle, aber bei den Winterspielen ist das etwas anders als bei den Sommerspielen. Die Winterspiele sind kleiner, und die großen Wintersportnationen sind meist christlich geprägt. Im Sommer kommen viele Athleten aus Asien oder Afrika hinzu, im Winter ist es überwiegend der christliche Glaube.

Wir haben südkoreanische Pastoren getroffen, die ihr Team begleiteten, und den österreichischen Kollegen Johannes Lackner für Team Österreich. Das sind schon Begegnungen, die den interkulturellen Austausch zeigen.

In Mailand, wo wir eine Woche waren, spürte man, dass sich alle freuten, auch Sportarten zu treffen, die man sonst nicht sieht: Eishockeyspielerinnen und -spieler, Eiskunstläuferinnen und -läufer, Schnellläuferinnen und -läufer. Mailand war ein besonderer Ort für diese Begegnungen. Gleichzeitig ist es schade, dass wir zu alpinen, nordischen oder Bob-Sportarten keinen Kontakt haben. Das ist bei Winterspielen leider oft so, anders als bei den zentralen Sommerspielen in Paris. Die Wege sind lang, und die Spiele werden zunehmend unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit geplant, sodass Wettkampfanlagen weit auseinanderliegen.

Winterspiele stehen in der Kritik wegen Umwelteinflüssen wie Kunstschnee und Landschaftsveränderungen. Wie gehen Sie mit diesem Spannungsfeld um?

Das betrifft nicht nur Olympia, sondern den Wintersport allgemein. Bei den Vorbereitungen gab es Diskussionen über die Notwendigkeit einer Bobbahn in Cortina und die Skisprungschanze. Die Italiener wollten diese bauen, weil sie eine starke Wintersportnation sind. Wie die Nachnutzung aussehen kann, wird sich zeigen.

Grundsätzlich ist die Erzeugung von Schnee mit Wasser und Kälte mittlerweile in vielen Skigebieten Standard. Zukünftig wird es schwierig, eine Wintersportsaison ohne diesen Schnee zu garantieren. Es ist daher wichtig, über die Zukunft des Wintersports und nachhaltige Lösungen nachzudenken.

Pfarrer Thomas Weber begleitet seit 2006 deutsche Olympia-Teams zu den Wettkämpfen.

Große Sportereignisse sind stark kommerziell geprägt. Spüren Sie den olympischen Gedanken noch?

Auf jeden Fall. Wir waren eine Woche in Mailand, wo das Deutsche Eishockey-Männerteam mit Stars aus der NHL spielte, ebenso die deutsche Eishockey-Frauen-Nationalmannschaft. Die jungen Athletinnen freuten sich, endlich bei Olympia zu sein und im Blickfeld der Öffentlichkeit zu stehen.

Viele Sportarten erhalten wenig Aufmerksamkeit und die finanzielle Unterstützung ist oft knapp. Wer Olympia erreicht hat, hat bereits Großartiges geleistet, und die jungen Athletinnen und Athleten brauchen Unterstützung. Ich ermutige sie, frühzeitig ein zweites Standbein zu entwickeln, eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Gerade in den zwei, drei Jahren vor Olympia ist das Hochleistungstraining so intensiv, dass nebenbei kaum Raum für Berufliches bleibt. Die Sportkarriere kann schnell zu Ende sein, wenn Erfolg ausbleibt oder der Körper nicht mitspielt.

Gibt es einen Widerspruch zwischen Hochleistungssport, bei dem nur die Besten gewinnen, und christlicher Gnade, die bedingungslos gewährt wird?

Das sehe ich nicht als Widerspruch. Der Apostel Paulus spricht in seinem Korinther-Brief die Läufer an: Sie leben enthaltsam, trainieren hart, und nur der Erste erhält den vergänglichen Siegeskranz. Wenn Menschen schon für einen vergänglichen Kranz so viel investieren, sollten wir als Christinnen und Christen das Ziel eines ewigen Sieges vor Augen haben, der jedem gilt. Als Gemeindepfarrer sehe ich das Symbol des Kranzes oft auf Friedhöfen: Es steht für Ewigkeit und das Leben nach dem Tod. Wir sind also nicht die ewigen Verlierer, sondern Gewinner, und daran erinnert uns auch der Sport. 

Gab es besonders berührende Momente für Sie während der Spiele?

Ja, ein Beispiel: Vor zehn Jahren habe ich eine Pistolen-Schützin im Schwarzwald kirchlich getraut. Jetzt im Deutschen Olympischen Jugendlager kam eine 16-jährige Teilnehmerin auf mich zu und sagte: "Du hast doch meine Eltern getraut." Ich erinnerte mich sofort und bestätigte es. Am nächsten Tag traf ich mich mit den Eltern, die ebenfalls in Mailand waren. Die ehemalige Pistolen-Schützin, inzwischen Bundestrainerin, war selbst dreimal bei Olympia dabei. Die Tochter ist hochtalentiert und träumt von einer olympischen Karriere. Das war für mich ein sehr schönes Highlight, weil man so die Kontinuität und Verbindung von Generationen im Sport erleben kann.

Möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Wir wünschen allen Athletinnen und Athleten verletzungsfreie Wettkämpfe. Im Winter gibt es Sportarten, bei denen man buchstäblich die Luft anhalten muss. Die Stimmung ist gut, wir sind in der ersten Etappe in den Bergen, die Sonne scheint, viele Zuschauerinnen und Zuschauer sind vor Ort. Ich hoffe, dass alle diese olympische Zeit genießen können.