11. Dezember 2020
Corona-Pandemie

"Völlig überzogen": Kantor zieht gegen Verbot des Gemeindegesangs vor Gericht

Aufgrund der Corona-Pandemie ist es momentan verboten im Gottesdienst zu singen. Der evangelische Kirchenmusiker Jörg Wöltche hat dagegen Beschwerde eingelegt.

Der evangelische Bad Kissinger Kirchenmusiker Jörg Wöltche hat Verfassungsbeschwerde gegen das Verbot des Gemeindegesangs im Gottesdienst eingelegt. "Ich halte den Satz 'Gemeindegesang ist untersagt' in der 10. Infektionsschutzmaßnahmenverordnung für vollkommen überzogen", sagte der Kirchenmusikdirektor und Schweinfurter Dekanatskantor dem Sonntagsblatt.

Eine sitzende Gottesdienstbesucherin stoße beim Singen auch nicht mehr potenziell gefährliche Aerosole aus, "als ein stehender Gottesdienstbesucher beim Vaterunser". Die Verfassungsbeschwerde hat er als Privatperson eingelegt.

Gründe hinter dem Gesangsverbot

Die Staatsregierung berufe sich bei ihrem Gesangsverbot auf Studien mit Profisängern. "Wer als gelernter Sänger mit bis zu 120 Dezibel singt, der stößt natürlich eine andere Menge an Aerosolen aus als ein durchschnittlicher Gottesdienstbesucher", sagte der Kirchenmusiker.

Wenn die Menschen nach Haushalten getrennt mit eineinhalb Metern Abstand säßen und die Ein- und Ausgänge beim Gottesdienst gut geregelt seien, seien Veranstaltungen in den Kirchen keine Superspreader-Events. In Bad Kissingen habe die Kirche - wie vielerorts - ein gutes Hygienekonzept vorgelegt. Nun müsse man für seine Veranstaltungen auch kämpfen.

"Man sollte sich von den Maßnahmen nicht zu sehr einschüchtern lassen und das Gespräch mit den Behörden vor Ort suchen", rät Wöltche. Am vierten Advent beispielsweise werde in Bad Kissingen ein Freiluft-Krippenspiel mit bis zu 400 personalisierten Sitzplätzen aufgeführt. Die Sondergenehmigung dazu sei von den örtlichen Behörden vor einigen Tagen nochmals bestätigt worden. Wöltche kritisierte auch, dass die bayerische Landeskirche per Schreiben an die Gemeinden Posaunen- und Vokalchöre in Gottesdiensten generell verboten habe.

Es komme doch auf die Gegebenheiten vor Ort an, ob genug Abstand eingehalten werden könne.Wöltche sagte, seine Kolleginnen und Kollegen und er versuchten das Bestmögliche, um trotz all dieser Beschränkungen auch am Heiligabend und an den Feiertagen in den Gottesdiensten ein Weihnachtsgefühl entstehen zu lassen. Dass die Gemeinde nun nicht zusammen ihr traditionelles "Stille Nacht" singen könne, sei schmerzlich, betonte er. Aber: "Das wird schon werden, anders als bisher, aber es wird gut."

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