Es war ein typisch bayerischer Synoden-Tag in Amberg: draußen graue Novemberstimmung, im Congress Centrum die Synodalen, die nach mehreren Stunden Debatte aussahen wie Menschen, die dringend ein weiteres Abendmahl bräuchten, aber vor allem eines: eine Entscheidung. Es ging um die Gründung eines neuen Kirchenkreises. Und zwar nicht irgendeines Kirchenkreises.

Denn Bayern sollte kirchlich neu geordnet werden. Aus den drei Kirchenkreisen Ansbach-Würzburg, Bayreuth und Nürnberg würde einer. Und dieser eine sollte nach Wunsch der meisten Beteiligten "Franken" heißen. Kurz, klangvoll, traditionsreich – und ein klein wenig das, was sich fränkische Heimatvereine seit Jahrzehnten von der Politik wünschen. Doch wie es in Bayern nun einmal ist: Kaum nimmt jemand das Wort Franken in den Mund, meldet sich irgendwo ein nicht-fränkischer Bayer und ruft: "Ja halt, langsam!"

Fränkische Identität vs. Nordbayern: Debatte um den Bindestrich

So hatte der Rechts- und Verfassungsausschuss, der sich offenbar gern mit geografischen Rätseln beschäftigt, den genialen Vorschlag ausgeheckt, den neuen Kirchenkreis "Franken-Nordbayern" zu nennen. Ein Name, so griffig wie ein Pudding, so sinnvoll wie ein Schneeschipper im Hochsommer. Der Ausschuss erklärte ihn aber mit ernster Miene: Die "komplexe geografische Situation" müsse "adäquat abgebildet" werden. Das ist die Art von Satz, die nur jemand ausspricht, der selbst nicht weiß, was er meint, aber hofft, niemand fragt nach.

An dieser Stelle betraten die beiden Regionalbischöfinnen die Bühne, deren Geduld bereits mehrfach in Gremiensitzungen getestet worden war. Berthild Sachs aus Bayreuth ergriff das Mikrofon, und man sah sofort: Jetzt wird’s ernst. Sie sprach mit der Klarheit einer Frau, die sich nicht von einem Bindestrich erpressen lässt.

Die Begriffe "Franken" und "Nordbayern" seien "tautologisch", sagte sie, was in fränkisch übersetzt heißt: Des is a Schmarrn.

Ihre Kollegin Gisela Bornowski pflichtete ihr bei, mit dem Hinweis, dass der Name Franken "identitätsstiftend" sei und eine Arbeitsgruppe schon längst alles entschieden habe.

Währenddessen fehlte die Nürnberger Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern im Raum, was aber nichts ausmachte, denn sie meldete sich noch um Mitternacht per Handy aus dem fernen Nürnberg. Ihre Botschaft war eine Mischung aus Solidarität und Schlaflosigkeit: Ja zu Franken, nein zu Bindestrichen. Es war der Moment, in dem klar wurde: Dieser Kirchenkreis wird fränkisch, egal wie viele sich querstellen.

Oberpfalz zwischen Humor und Widerstand: Identitätskonflikt im Kirchenkreis

Doch bevor die Entscheidung fiel, durfte die Oberpfalz natürlich nicht fehlen. Die Oberpfälzer sind in Bayern bekannt dafür, dass sie weder Bayern sein wollen, noch Franken, aber auch nicht Preußen, was zu einer Art Identitätsvakuum führt, das man nur mit Wald, Bier und leichtem Misstrauen gegenüber allem aus Westen oder Süden füllen kann. Einer sprach warnend von den "17.000 Gemeindemitgliedern im Dekanat Neumarkt", die nicht unbedingt Freudensprünge machten, wenn man ihnen sagt: "Du bist jetzt Evangelisch und Franke." Es sei zudem gefährlich, wenn Pressemitteilungen erscheinen würden, in denen stehe: "Neumarkt gehört jetzt zu Franken."

Man kann sich den Aufschrei vorstellen, der durch manche Wirtshäuser gegangen wäre: "A Franke? I? Ja seid’s narrisch?"

Dekanin Christiane Murner aus Neumarkt zeigte jedoch, wie man mit der Situation diplomatisch umgeht. Sie dankte der Synode ernsthaft dafür, dass man die Minderheit ernst nehme. Und sie sprach von der Identitätsschwierigkeit mit einer Ruhe, wie sie nur Menschen haben, die 40 Jahre lang jeden Tag entweder erklären mussten, dass sie nicht fränkisch sprechen, oder aber von Franken je nach Laune trotzdem als solche bezeichnet werden. Doch sie relativierte auch: Für normale Gemeindemitglieder spiele der Kirchenkreis kaum eine Rolle.

Inmitten der ganzen Debatte blitzten immer wieder zwei Argumente auf, die man nur in Franken mit solcher Würde vortragen kann: Erstens, dass Franken kein geografischer Begriff sei, sondern – wie ein Synodaler mit der Überzeugung eines Mannes, der zu viele Kerwa-Biere erlebt hat – ein "Lebensgefühl". Und weil man Lebensgefühle nicht durch Bindestriche verletzen dürfe, müsse der Name Franken rein, klar und unverwässert bleiben.

Zweitens kam selbstverständlich die historische Keule aus dem Jahr 1806 auf den Tisch, jenem Schicksalsjahr, in dem Franken von Bayern "angegliedert" wurde, wie es höflich heißt, oder – übersetzt – zwangsweise unter weiß-blauer Verwaltung landete. Seitdem leben die Franken in einer Art höflich gepflegtem Widerstand, der ungefähr so laut ausgesprochen wird wie ein fränkisches Kompliment. Und genau deshalb, so die Logik der Befürworter, sei es höchste Zeit, dass die Kirche korrigiere, was Napoleon und der bayerische Staat damals angerichtet hätten. Ein eigenständiger Kirchenkreis Franken: endlich wieder ein Stück Selbstachtung – und ein Lebensgefühl, das kein Mensch freiwillig "Franken-Nordbayern" nennen würde.

Währenddessen schwebte über all dem die unausgesprochene Frage: Was würde wohl die Altneihauser Feierwehrkapell'n aus dem Ganzen machen? Jeder wusste: Das Thema ist ein Geschenk des Himmels. In Veitshöchheim könnte Norbert Neugirg nächstes Jahr im Februar auf die Bühne stolpern, die Tuba hinter sich herziehend, und sagen:

"Die Evangelischen ham a neuen Kirchenkreis gmacht. Franken! Des erste Mal in der Geschichte, dass Franken a eigenes Land hat – wenn aa bloß in der Kirche. Aber immerhin: Schäufele und Kloß werden jetzt kirchenrechtlich verbindlich!"

Und spätestens dann wird er dem Publikum erklären, dass die Oberpfälzer nun zwar offiziell zu Franken gehören, obwohl sie sich selbst weder als Bayern noch als Franken fühlen. Damit seien sie jetzt gewissermaßen doppelt gestraft – einmal als Oberpfälzer und einmal als unfreiwillige Franken. Spätestens hier wird der Saal explodieren, die Franken klopfen sich auf die Schenkel und die Oberpfälzer senken ihren finsteren Blick.

Die Diskussion in Amberg ging allerdings weiter, wie Diskussionen in kirchlichen Gremien nun einmal gehen: mit Redelisten, Gegenreden, Gegen-Gegenreden, Anträgen, Änderungsanträgen und digitaler Abstimmungstechnik.

Franken triumphiert: Abstimmung über Bindestrich als Mini-Staatsakt

Und dann geschah es: Die Abstimmung über die Streichung des Bindestrichs, dieses kleinen, aber bösartigen Zeichens, das eine ganze Region gegen sich aufzubringen drohte. Die Zahlen kamen herein und ließen keinen Zweifel: 65 stimmten dafür, den Zusatz "Nordbayern" zu streichen. Der Bindestrich war gefallen. Franken stand. Als Name, als Identität, als evangelischer Mini-Staatsakt.

Damit war klar: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat geschafft, wovon manche Franken seit Jahrzehnten träumen. Zumindest kirchlich gibt es nun ein eigenes Land: Franken. Mit allem, was dazugehört. Stolz. Dialekt. Und einem oberpfälzischen Anhang, der zwar nicht weiß, ob er sich darüber freuen soll, aber immerhin nicht protestiert hat. Viel.

Am Ende wurde alles feierlich verkündet, und irgendwo im Hintergrund, unsichtbar für alle, lächelten drei Regionalbischöfinnen, eine davon in Nürnberg vor dem Handy, und wussten: Die Kirchengeschichte hat wieder ein Kapitel dazubekommen. Eines, das vermutlich komischer ist als die meisten davor.

Der Vizepräsident der Landessynode Hans Stiegler, kommentierte den Beschluss, der am Mittwochvormittag fiel, dann mit einer hermeneutischen Präzision, wie sie nur dem Hirn eines waschechten Franken entspringen kann, der die Last der Welt in zwei Worte fasst, die es auch dem Rest der Welt warm ums Herz werden lässt: "Bassd scho!"