Pilgern liegt im Trend – nicht nur auf dem Jakobsweg. In einer Zeit voller Reizüberflutung und Rastlosigkeit suchen viele Menschen nach Entschleunigung und Sinn. Michael Kaminski bildet seit Jahren Pilgerbegleiter aus und weiß, warum gerade das begleitete Pilgern so heilsam sein kann – und welche Chancen darin auch für die Kirche liegen.

"Man ist zu Fuß unterwegs und reduziert sich – vom Gepäck und von den Reizen her"

Pilgern ist heute wieder sehr populär. Wie hängt das mit unserer Zeit der Reizüberflutung und Rastlosigkeit zusammen?

Michael Kaminski: Ich denke, Pilgern ist gerade in Zeiten der Reizüberflutung attraktiv, weil es verlangsamt. Man ist zu Fuß unterwegs und reduziert sich – vom Gepäck und von den Reizen her. Die kommen in angenehmer Geschwindigkeit. Die Mischung aus Zeit, Natur, Bewegung, Gemeinschaft und gleichzeitig Individualität ist für Menschen von heute eine perfekte Kombination.

Wie lange sind Sie schon mit dem Thema Pilgern beschäftigt?

Pilgern ist 2007 in mein Leben getreten. Ich komme nicht vom Wandern her – ich wandere nicht gerne, aber ich habe gelernt, dass Pilgern für mich wunderbar ist.

Was ist denn der Hauptunterschied zwischen Wandern und Pilgern?

Wandern ist auch toll, das ist keine Konkurrenz. Beide Dinge sehen ähnlich aus und sind wertvoll. Man kann auf Pilgerwegen wandern und ohne Pilgerwege pilgern.

Wer wandert, möchte normalerweise Bewegung in schöner Natur und vielleicht noch Berggipfel erleben. Wer pilgert, bei dem geht es nicht um die Schönheit des Weges, sondern um einen inneren Prozess. Menschen nehmen eine Frage, ein Thema, eine Krise oder einen Übergang mit. Das beschäftigt sie auf dem Weg. Von außen sieht es nicht anders aus, aber der innere Prozess ist das Entscheidende – und den kann man nicht sehen.

Können Sie diesen inneren Prozess beschreiben?

Als Pilgerbegleiter begleiten wir diesen Prozess – deshalb heißen wir auch nicht Wanderführer, sondern Pilgerbegleiter. Menschen machen sich oft allein auf den Weg. Mit der Zeit lösen sich Dinge innerlich. Wenn man sich stundenlang damit beschäftigt, was gerade wichtig ist, kann das sehr helfen. Dazu kommen die anderen Pilgernden, der Kontakt treibt die Prozesse voran.

Das Spektrum ist groß: Die Kinder sind aus dem Haus, ein drohender Burnout, eine überwundene Krebserkrankung, der Übergang in den Ruhestand, oder Menschen, die jemanden durch Tod verloren haben und hoffen, dass Pilgern beim Trauerprozess hilft.

"In den ersten Wochen nach einem Todesfall haben Menschen oft kaum Kraft – das ist kein guter Zeitpunkt"

Gibt es Situationen, wo Sie vom Pilgern abraten würden?

Nicht jeder Mensch muss pilgern. Für manche sind ganz andere Dinge gut. Bei Trauer zum Beispiel: In den ersten Wochen nach einem Todesfall haben Menschen oft kaum Kraft – das ist kein guter Zeitpunkt. Ein halbes Jahr später sieht das anders aus.

Prinzipiell können alle Menschen pilgern. Es gibt Menschen mit Behinderung, die pilgern – Blinde, Menschen im Rollstuhl. Man muss sich den passenden Weg aussuchen. Aber wie ich sage: Nicht für jeden ist Meditieren gut, nicht für jeden Yoga – und so ist es auch mit Pilgern. Es hilft vielen, aber nicht allen.

Michael Kaminski

Michael Kaminski ist evangelischer Religionspädagoge und leidenschaftlicher Pilgerreferent, der eng mit der Pilgerwelt rund um St. Jakob verbunden ist. Seine Mission: Dem Pilgern innerhalb der evangelischen Kirche in Bayern und darüber hinaus mehr Raum zu geben. Dabei begleitet er Pilgergruppen zu vielfältigen Lebensthemen, organisiert Veranstaltungen und Beratungen – auch online – und sorgt dafür, dass das Pilgerzentrum in St. Jakob lebendig und einladend bleibt.

Außerdem verantwortet er die Qualifizierung von Pilgerbegleiterinnen und -begleitern ("Räume zum Wachsen eröffnen"), engagiert sich für die Website "Pilgern Bayern" und bringt das Pilgern in kirchliche Großveranstaltungen und das jährliche Pilgerforum "Auf geht’s!".

Wie wichtig ist der körperliche Aspekt, das Laufen?

Bewegung ist schon wichtig. Manche sagen: Durch die äußere Bewegung kommt auch innerlich etwas in Bewegung. Das muss nicht unbedingt Laufen sein – man kann auch Radpilgern oder mit dem Pferd. In neueren Pilgerausweisen kann man sogar ankreuzen, dass man mit dem Segelschiff pilgert. An gewisse Grenzen zu stoßen, ist dem Pilgern auch zuträglich.

Wie sind Sie zur Pilgerbegleitung gekommen?

2007 haben zwei Kollegen von der Evangelischen Jugend eine dreitägige Pilgerreise für junge Männer geplant. Beide sind ausgefallen und fragten mich, ob ich einspringen könnte. Ich hatte keine Ahnung vom Pilgern, bin den Weg abgelaufen und habe mir überlegt: Hier könnte man inhaltlich was gestalten – wenn wir an der Kläranlage vorbeikommen: Was gibt es gerade zu klären?

Die vier jungen Männer hatten alle etwas auf der Seele: Der Jüngste litt unter der Scheidung seiner Eltern, einer wollte Theologie studieren, hatte aber Glaubenszweifel, ein anderer war unsicher mit seinem Mathematikstudium, und der Älteste überlegte, ob er sich als Arzt selbstständig macht. Ihre Fortschritte in drei Tagen haben mich begeistert.

Ich bin dann selbst weitergegangen – zum Bodensee, in die Schweiz, durch Frankreich und Spanien. Irgendwann kam ich in Santiago an. Unterwegs traf ich viele Menschen mit vielen Themen. Da ich in der evangelischen Erwachsenenbildung arbeitete, kam die Idee: Können wir an Lebensthemen nicht auch auf Wegen arbeiten? Die Seminare auf den Weg bringen?

"Allein ist erstmal besser als in der Gruppe, aber Gruppe ist auch toll"

Würden Sie Anfängern eher empfehlen, mit Begleitung zu pilgern?

Anfänger können sich durchaus allein auf den Weg machen, wenn sie sich trauen. Besonders Frauen fragen oft: Darf ich mehrere Tage allein unterwegs sein? Ist das gefährlich? Da kann Begleitung unterstützen. Aber man kann durchaus allein pilgern – das entfaltet besonders seine Wirkung. Allein ist erstmal besser als in der Gruppe, aber Gruppe ist auch toll.

Wer Pilgerbegleiter werden will, sollte über größere Pilgererfahrung verfügen. Man kann schlecht jemanden in einem Prozess begleiten, wenn man selbst wenig Gespür dafür hat. Wie beim Englischlehrer: Englisch sollte man schon können, dann kommt die Pädagogik dazu.

Nehmen Sie als Begleiter auch etwas für sich mit?

Man nimmt das Geschenk mit, dass Menschen ihr Leben mit einem teilen. Wir erfahren ein größeres Spektrum an Möglichkeiten, mit Lebenssituationen umzugehen. Es ist sinnstiftend. Nach fünf Tagen mit Trauernden bin ich erschöpft, aber ich habe das Gefühl, helfen zu können – nicht durch Beratung, sondern durch Zuhören und gemeinsames Erarbeiten von Lösungen. Die Arbeit als Pilgerbegleiter ist für mich sinnstiftend.

Wie viel Struktur braucht eine Pilgerbegleitung?

In der Ausbildung lernt man: Den Weg vorher allein gehen. Man kennt dann Wegführung, mögliche Gefahren, Pausenplätze und wie sich der Weg anfühlt.

Pilgern ist klassisch der Weg zu einem heiligen Ort. Als Begleiter muss ich das Ziel definieren. Die Spanne zwischen Anfang und Ziel gilt es zu füllen. Jeden Tag beginnen wir mit einem Segenswort – nicht einfach loslaufen, sondern sich in einen spirituellen Rahmen stellen.

Unterwegs etwa drei kurze Impulse zum Nachdenken. Nicht predigen, sondern durch Fragen in die Tiefe gehen. Zum Beispiel am Windrad oder einem Wasserkraftwerk: "Was hat mir in meinem Leben Kraft gegeben?" Oder an einer Hängebrücke die neue Lebensphase vorwegnehmen. Eine halbstündige Schweigezeit und Zeit zum Austausch gehören dazu.

Abends gibt es eine Runde, in der jeder erzählt, wie es körperlich geht und wie es mit dem mitgebrachten Thema steht. Diese Abendrunden führen in die Tiefe – wie kollektives Tagebuchschreiben.

"Ich empfehle ausgeschilderte Pilgerwege mit Infrastruktur und Tradition"

Was raten Sie jemandem, der mit dem Pilgern anfangen möchte?

Erstmal klären: Möchtest du allein oder mit anderen pilgern? Mit Partner oder Unbekannten? Unbekannte können dir vorbehaltlos begegnen. Wer sich verändern will und jemanden mitnimmt, der möchte, dass man bleibt, wie man ist, hat einen Hemmschuh dabei.

Dann: Wie umfangreich? Ein Tag mit Rückkehr ins eigene Bett oder die große mehrwöchige Reise? Die Auseinandersetzung mit der Frage "Was brauche ich wirklich?" ist schon Teil des Prozesses.

Ich empfehle ausgeschilderte Pilgerwege mit Infrastruktur und Tradition. Die Jakobswege sind populär, müssen aber nicht sein. In Spanien gibt es nicht einen, sondern fünf große und unzählige kleine Jakobswege. Auf manchen trifft man auf 1000 Kilometern nur drei, vier Pilger.

Ein guter Pilgerreiseführer oder eine App mit Herbergen, Beschreibungen und Karten ist hilfreich.

Möchten Sie noch etwas zur Pilgerbegleiterausbildung sagen?

Der Kurs ist für 20 Menschen pro Jahr. Man bewirbt sich, Mitte November wird entschieden. Wichtigste Voraussetzung: Man sollte selbst gepilgert sein.

Die Ausbildung umfasst drei Module mit insgesamt zwölf Tagen. Sehr praxisorientiert: Aufgaben von Begleitern, mögliche Situationen, Geschichte und Theologie des Pilgerns, Impulse setzen. Man erlebt einen Pilgertag und bereitet dann selbst einen vor. Themen sind auch Erste Hilfe, Seelsorge, Arbeit mit Kirchenräumen, geschlechtsspezifische Fragen und Vernetzung.

Zum Abschluss entwickelt jeder ein eigenes Pilgerangebot. Nach den zwölf Tagen wird man in einem Gottesdienst für die Aufgabe gesegnet. Die Module finden an verschiedenen Orten in Bayern statt, um Menschen aus dem ganzen Land zu erreichen.

"Pilger bringen Segen ins Haus"

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Pilgerns?

Ich freue mich, wenn ich jedes Jahr 20 neue Menschen zu Pilgerbegleitern ausbilden kann. Seit 2014 bilde ich jährlich 15-20 Menschen aus – etwa 50-60 sind aktiv dabei. Die brauchen Veranstalter: Kirchengemeinden, Bildungswerke, Volkshochschulen.

Pilgern geht nicht ohne Gastfreundschaft. Kirchen am Wegesrand sollten geöffnet sein, wissen, dass sie an einem Pilgerweg liegen. Menschen wollen in Kirchen nicht nur sitzen, sondern Kerzen anzünden, ein Segenswort mitnehmen, vielleicht einen Apfel oder eine Toilette nutzen.

Warum sollte Kirche das tun? Erstens: Pilger bringen Segen ins Haus. Zweitens: Eine gastfreundliche Kirche ist eine attraktive Kirche – die Kirche der Zukunft.

Pilgert ihr schon – oder plant ihr noch?

Das Urlaubsmagazin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern macht euch Lust auf den Weg: mit Inspiration, Service und Mutmachgeschichten rund ums Pilgern in Bayern.

Ob ihr den bayerischen Jakobsweg erkunden oder den Europäischen Pilgerweg VIA NOVA kennenlernen wollt – im Heft findet ihr Interviews mit einer Psychologin und einem Theologen, Porträts der evangelischen Pilgerzentren und eine Meditationsreise zu eurem inneren Weg.

Praktisch für unterwegs: Herausnehmbare Karten in der Heftmitte.

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