Die Kirchen stehen unter großem Druck: Sie sollen modern, anpassungsfähig und vor allem authentisch sein.

Das heißt, den Glauben überzeugend zu vermitteln, ohne dabei jemanden überzeugen zu müssen. Sie sollen spürbar ergriffen sein von dem, was sie predigen, und dabei eine unaufgeregte Ruhe ausstrahlen, die von selbst Aufmerksamkeit bindet. Mit sich im Reinen sein, offen und neugierig. "Echt" glauben, "echt" leben – und andere an dieser Echtheit teilhaben lassen.

Klingt anstrengend? Ist es auch.

Übrigens: Wenn hier von "Kirche" die Rede ist, sind damit die Menschen gemeint, die in ihr arbeiten und sie nach außen vertreten. Nicht die hohen Gebäude, die zumindest in Bayern noch die Skyline prägen. Über Kirchengebäude ließe sich viel sagen, aber das wäre ein anderes, mindestens ebenso wichtiges, aber auch verzwicktes Thema.

Kirche im Spagat: Authentizität zwischen Erwartung und Wirklichkeit

Zurück zum Thema: Die Kirche soll authentisch sein. Ein hehres Ziel – wie die Karotte vor der Nase des Esels, die auf Dauer nur den Blick verstellt und letztlich doch unerreichbar bleibt.

Doch was, wenn das Authentischsein misslingt, wenn Erwartung und Erfahrung auseinanderdriften? Und was, wenn die Pastorin, der Jugendleiter oder die Kirchenvorsteherin, die authentisch sein wollen oder sollen, nicht merken, dass sie es nicht sind?

Wenn Authentizität zum Cringe wird: Die Gefahr fehlender Selbstwahrnehmung

Dann passiert etwas, das heute zwar kein Jugendlicher mehr sagt, aber fast jeder schon einmal gesagt hat. Die Kirche wird cringe. "Cringe ist die Abwesenheit von Selbstwahrnehmung", hat die Autorin und Moderatorin Sophie Passmann einmal in ihrem Podcast erklärt. Man tut etwas in der festen Überzeugung, es sei cool, und ist am Ende die einzige Person, die das glaubt.

"Cringe" zu sagen, ist übrigens selbst schon cringe (sagt jedenfalls Passmann). Ein Label, das niemand will. Als Jugendwort tauchte es 2021 auf – und Susanne Daubner demonstrierte in der Tagesschau wieder einmal performativ und punktgenau, was "die Jugend von heute" meint, wenn sie "cringe" sagt.

Wörtlich übersetzt bedeutet es "zusammenzucken". Und genau darin steckt der Kern: eine körperliche Reaktion, die Gefühle, Beobachtungen und Erfahrungen bündelt – etwas ist so peinlich, dass man sich am liebsten wegbeamen möchte.

Wenn das Bemühen ins Stolpern gerät

Selbstsicherheit kann einen blind machen für die eigene Peinlichkeit. So beginnt der Ü-50-Pastor die Predigt eines Jugendgottesdienstes mit den Worten: "Ich habe da mal gegoogelt, was bei euch so Trend ist”, um dann in bemühtem Englisch aufzuzählen: Bubble Tea trinken, Longboard fahren und TikTok tanzen.

Oder die Kirchenvorsteherin, die bei einer Veranstaltung "Wie erreichen wir die Jugend?” das Wort "WhatsApp” konsequent als "Wazzap” ausspricht und dabei in die Runde zwinkert. Nicht zu vergessen ist auch die Social-Media-Beauftragte, die im Gottesdienst von "unserem sehr erfolgreichen Insta-Post" erzählt, der 17 Likes hat.

Auf dem Weg zur Authentizität sollte die Kirche vor allem versuchen, nicht cringe zu sein – was möglich ist. Und um das zu erreichen, könnte sie eine bislang unterschätzte Ressource nutzen: Ironie.

Ironie als Schlüssel zur Glaubwürdigkeit: Selbstbewusst, ehrlich und gelassen

Ja, wirklich. Ironie kehrt eine Aussage ins Gegenteil. Wer bei der Begrüßung im Gottesdienst mit den Worten beginnt: "Heute ist die Kirche ja mal wieder randvoll, ich hoffe, es findet jeder einen Platz”, während in der ersten und zweiten Reihe nur die vier immer gleichen Damen sitzen, zeigt: Ich weiß genau, was ich sage. Anders als beim Cringe ist die Selbstwahrnehmung hier nicht das Problem, sondern die Voraussetzung.

Humor spielt im Christentum keine Hauptrolle. Ironie ist jedoch ein Augenzwinkern, ein Sich-nicht-ganz-so-ernst-Nehmen. Sie ist ein Türöffner für das eigentliche Anliegen, das hinter dem oft nichtssagenden, religiös aufgeladenen Ruf nach Authentizität steckt. Ja, die Kirche hat ein angestaubtes Image. Na und? Manchmal wirkt Kirche wie der letzte Disco-Fox auf der Party. Na uuund?

Das kann man ironisch nehmen, ohne sich mit falscher Coolness zu verbiegen oder sich als Clown der Botschaft von der Liebe Gottes zu blamieren. Auflockern ja. Aber ehrlich: mit der vorhandenen Situation und mit sich selbst. Denn Interesse weckt, wer ehrlich bleibt. Nichts wirkt dagegen so unecht wie der Versuch, echt zu wirken. Authentizität ist nun mal keine Selbstverständlichkeit. Und seien wir mal ehrlich: Jeder von uns war auch schon mal cringe, nur haben wir es meist nicht gemerkt.

Kommentare

Victoria Lieberum am So, 17.08.2025 - 20:49 Link

Entlarvend: Hier werden Marketingmethoden empfohlen, aber gesucht wird Authentizität! Humor kann sicher sehr entlastend sein, aber er kann Inhalt nicht ersetzen. Viel zu oft wirkt heute das Bodenpersonal Gottes selber massiv verunsichert (ein Pfarrer erklärte mir, dass ewiges Leben darin bestehe, dass die Liebe, die man zu Lebzeiten gegeben habe, nicht vergehe - nett, aber was unterscheidet ihn von einem guten Sozialisten?), andere sind sehr auf ihre eigene Work-Life-Balance bedacht (weh dem, der am Wochenende zu sterben begehrt), andere tatsächlich massiv überlastet. Die Kirche muss aktive, im eigenen Leben hilfreich spürbare Seelsorge betreiben (bei frohen wie schmerzlichen Momenten begleiten und stützen), dann entwickelt sie wieder Anziehungskraft. Sie darf ausdrücklich gerne zu politischen Themen Stellung nehmen, aber darüber nicht ihr Kerngeschäft (siehe oben) vernachlässigen und dann bitte nicht einseitig Richtungen vorgeben.

Florian Meier am Mi, 13.08.2025 - 21:52 Link

Hm, soll die Kirche nun analog zur Deutschen Bahn versuchen den bedauerlich schlechten Kirchenbesuch mit flachem Gewitzel zu übertünchen? Das hielte ich für einen fatalen Weg, der schnell in Richtung Ignoranz gegenüber dem Problem kippt. Was soll Authentizität in dem Kontext überhaupt sein? Dass sich Pfarrer jünger geben als sie sind? Das hat doch nichts mit authentisch zu tun sondern ist sinnfrei. Der Pfarrer oder heute oft die Pfarrerin sollen das tun, was sie gelernt haben und was ihnen an Kirche wichtig und wesentlich erscheint. Nichts ist furchtbarer als ein Pfarrer, der der Gemeinde etwas vorspielt, was er selbst nicht glaubt. Dabei können höchst unterschiedliche Dinge herauskommen, die je nach Person oft auch gut funktionieren. Etwas anbiedern darf sein, aber nötig ist es nicht unbedingt. Wichtiger ist die Klarheit der eigenen Position, die auch einmal sein kann: "Ich weiß es auch nicht, ich verstehe es selbst nicht...".