Auf dem Sofa, auf dem Volker Sommerfeldt sitzt, hat kurz zuvor jemand geschlafen. Der Gast kam aus einer stressigen Situation und legte sich einfach hin. Sommerfeldt freut das. "Das ist ein gutes Zeichen", sagt er. "Ein Zeichen dafür, dass sich jemand hier geborgen fühlt." Vielleicht erklärt das besser als jedes Konzept, was die Stadtmission ausmacht.

Hier muss niemand schnell wieder funktionieren. Man darf ankommen, Kaffee trinken, reden oder schweigen. "Der Raum ist ja ein Raum zum Sein", sagt Sommerfeldt. "Du musst ja hier nichts." Für Menschen, die ständig Erwartungen erfüllen oder sich erklären müssen, ist das keine Selbstverständlichkeit.

Ein Café, in dem niemand etwas darstellen muss

Seit dem 1. April 2020 leitet Sommerfeldt die Stadtmission. Noch immer freut er sich morgens aufs Hereinkommen, denn auch er muss hier nichts darstellen. Zu den Gästen zählen Obdachlose, Ältere, Menschen mit Behinderungen, Einsame – und Bankangestellte, die mittags auf einen Kaffee vorbeischauen. Mitbringen muss niemand etwas, nicht einmal Geld. Es zählt keine besondere Würde, nur die eigene. "Jeder kann das sein, was er will."

Dass die Gäste ihm vertrauen, führt Sommerfeldt auch auf seine Unabhängigkeit zurück. So kann er vermitteln und geht etwa mit aufs Jobcenter. Als "Anwalt der Armen und Obdachlosen" sieht er sich nicht: Auch Ämter machten Fehler, doch viele dort wollten eigentlich das Gute. "Ich bin keine Therapieeinrichtung", sagt er. Wer etwas verändern will, bekommt Hilfe, "wenn ich es kann. Alles kann ich ja nicht." Und wer nur einen Kaffee braucht, ebenso.

Doch der Bedarf wächst. Nach Corona kamen Geflüchtete aus der Ukraine, jetzt immer mehr Wohnungslose und arme Menschen. Wer zu spät zum Frühstück kommt, findet oft keinen Platz mehr. "Das stimmt mich nachdenklich." Dabei ist heute nur montags geschlossen, und von Dienstag bis Freitag frühstücken mindestens 15 Menschen gemeinsam.

Als an Heiligabend die Sonne aufging

Besonders eingebrannt hat sich Sommerfeldt Heiligabend. Menschen, die ohnehin einsam sind, seien dann noch einsamer. Während Corona brachte er mit seiner Frau Festessen zu Menschen, die allein in ihren Wohnungen saßen: Entenviertel, Gänseviertel, Klöße, Kraut. An den Türen schlugen ihnen Einsamkeit und Verzweiflung entgegen. Dann kamen sie herein, und für manche sei "richtiggehend die Sonne aufgegangen".

Deshalb bedeutet ihm das große Essen an Heiligabend in der Stadtmission so viel. Es gibt Geschenke und einen Festtagsbraten für alle Menschen in Not. "Das war kein verlorenes Weihnachten für mich", sagen die Gäste. "Das sind so die Tage, die ich liebe", sagt Sommerfeldt, wenn jemand "in seiner Seele erfreut und aufgerichtet" ist.

Leid gehört zum Leben

Wer täglich Menschen in Not begegnet, müsste besonders stark sein, könnte man meinen. Sommerfeldt widerspricht. Die Gesellschaft rede den Menschen ein, jedes Leid lasse sich mit der richtigen Methode überwinden. Seine Erfahrung sei eine andere. "Wie der Tod zum Leben gehört, gehört auch das Leid zum Leben."

In der Stadtmission leidet der eine an Einsamkeit, der andere, weil er seine Kinder nicht sehen kann, der Dritte an einer Sucht, der Vierte an Krebs. "Wir sitzen hier nicht alle und sagen uns: Hurra, wir überwinden, wir sind die Besten." Morgens komme er herein und sage: "Hey, hier sind meine Leidens Buddys." Das klingt flapsig, meint aber etwas Ernstes: Niemand muss hier die schweren Seiten seines Lebens verbergen. Ratschläge gibt Sommerfeldt keine. Er gibt Kaffee, hört zu und akzeptiert, dass jemand leidet. "Da wird wenig vorgemacht, weil auch wenig zu zeigen ist." Und deshalb sagt er: "Mich richtet diese Gemeinschaft mit auf. Das hört sich komisch an."

Mit seinem Glauben hängt das eng zusammen. Der christliche Glaube verlange nichts, sagt Sommerfeldt, "man nimmt einander an, so wie wir sind". Er sei eine Gemeinschaft, die teilt: gute und schlechte Zeiten, Lebensmittel, Kleidung, manchmal auch Geld. "Einer trage des anderen Last", heißt es im Galaterbrief. Nicht alles lässt sich lösen, manches aber gemeinsam tragen.

Gäbe es die Stadtmission nicht mehr, fehlte Bayreuth ein Ort für Menschen, die sonst nirgends zu Hause sind. Anderswo werde man therapiert oder bekomme Ratschläge von Leuten, die über einem stehen. "Das ist nicht schlecht", betont er, "das ist nötig." Aber einen Ort, an dem all das nicht sei, gäbe es dann nicht mehr.

Mehr gelernt, als er je erwartet hätte

Als Sommerfeldt anfing, hatte er Pläne. Dann kam Corona, das Café schloss, und alles erledigte sich. Seither malt er nicht mehr selbst die Linie, sondern folgt dem Stift: "Ich folge eigentlich eher der Linie, die der Stift malt, und staune." So kamen Autos fürs Carsharing, Kooperationen mit Firmen und die Anfrage für einen Brunch im Friedrichsforum. Nichts davon hat er sich ausgedacht.

Vor allem aber hat sich sein Blick auf die Menschen verändert. "Ich hatte gedacht, die müssen alles von mir lernen." Heute staunt er, wie viel er selbst gelernt hat. Vielleicht ist das die Besonderheit der Stadtmission: Hier gibt es nicht nur Helfende und Hilfsbedürftige. Beide Seiten bekommen etwas zurück.

Wenn er eines Tages nicht mehr hier arbeitet, werde er das gemeinsame Frühstück vermissen, die Menschen, den oft schwierigen Alltag, der ihn trotzdem froh macht. Und Bayreuth ohne die Stadtmission, da würde etwas fehlen, das sich nicht in Zahlen messen lässt: ein Ort, an dem jemand, der sonst nirgends zur Ruhe kommt, auf einem Sofa einschlafen kann.