Seit dem 6. Februar wird die Lorenzkirche in Nürnberg regelmäßig beim Projekt "Luminiscence" zum immersiven Raum aus Licht, Klang und Erzählung. Das 360°-Illuminationserlebnis, geht jetzt in die zweite Verlängerung bis zum 31. Mai. Produktionsleiter Manuel Meloh erklärt die technischen wie ideellen Herangehensweisen.
Herr Meloh, welche Rolle haben Sie und Ihr Unternehmen bei LUMINISCENCE in Nürnberg?
Manuel Meloh: Ich bin Geschäftsführer der Cape Cross Entertainment Services. Wir sind ein Tochterunternehmen der Banijay-Gruppe und in Deutschland für die komplette technische Umsetzung von TV-Produktionen und Live-Events verantwortlich – von Licht, Ton und Video über Medientechnik bis hin zu komplexen Studioproduktionen und Sonderformaten. Bei "Luminiscence" verantworte ich mit meinem Team den gesamten technischen Part: die Planung, die Installation und den Betrieb der Projektions-, Licht- und Medientechnik. Das geschieht in enger Zusammenarbeit mit den kreativen und inhaltlichen Teams aus Frankreich, denn bei einem Projekt dieser Größenordnung greifen Inhalt und Technik unmittelbar ineinander.
"Daraus entsteht ein hochpräzises digitales 3D-Modell der Kirche"
Wie beginnt ein solches Projekt aus technischer Sicht?
Der allererste Schritt ist immer die präzise Erfassung des Raums. Bevor auch nur ein Effekt entworfen wird, muss die Kirche vollständig digital vermessen werden. In Nürnberg haben wir dazu vor mehr als einem halben Jahr einen millimetergenauen 3D-Scan der Lorenzkirche erstellt. Mein Team war dafür rund zwei Tage vor Ort. Wir haben aus unterschiedlichsten Perspektiven jede Säule, jede Wand, jedes Gewölbe und jedes Ornament vermessen und fotografiert. Daraus entsteht ein hochpräzises digitales 3D-Modell der Kirche. Dieses Modell bildet die Grundlage für sämtliche weiteren Schritte – sowohl für die kreative Entwicklung als auch für die technische Planung.
Warum ist dieses 3D-Modell so entscheidend?
Weil Videomapping nur dann funktioniert, wenn Inhalt und Architektur exakt aufeinander abgestimmt sind. In dem virtuellen Modell wird zunächst festgelegt, welche Flächen überhaupt bespielt werden: in der Regel das Mittelschiff mit Decke und Seitenwänden, teilweise auch angrenzende Bereiche. Auf dieser Basis simulieren wir bereits digital die spätere Projektion. Wir legen virtuell Projektor auf Projektor, berechnen Projektionswinkel, Distanzen, Bildgrößen und Überlappungen. Erst dadurch lässt sich bestimmen, wie viele Projektoren benötigt werden, welche Optiken zum Einsatz kommen und wo die Geräte physisch im Raum stehen müssen.
Wie viele Projektoren kommen in Nürnberg zum Einsatz?
In der Lorenzkirche arbeiten wir mit 28 Hochleistungsprojektoren. Diese stehen überwiegend zwischen den Säulen des Mittelschiffs und projizieren jeweils auf die gegenüberliegenden Flächen. Die große Herausforderung ist dabei die Höhe des Raumes. Das Kreuzgewölbe der Lorenzkirche ist extrem hoch, der Raum zugleich relativ schmal. Das erfordert sehr präzise berechnete Projektionswinkel und Geräte, die in nahezu jeder Neigung zuverlässig arbeiten – auch aus technischer Sicht, etwa im Hinblick auf Kühlung und Wärmeabfuhr.
"Fast alle Geräte stehen am Boden"
Wie wird die Technik im Kirchenraum möglichst unsichtbar integriert?
Unser Anspruch ist es, die Technik so dezent wie möglich zu halten – gerade weil es sich um einen aktiven, geweihten Raum handelt. Deshalb verzichten wir bewusst auf klassische Traversenkonstruktionen oder hängende Technik. Fast alle Geräte stehen am Boden. Wir arbeiten mit speziellen Stativen und Sonderhalterungen, die eine millimetergenaue Ausrichtung erlauben. Zusätzlich werden die Projektoren durch schlichte, stoffbespannte Aluminiumrahmen kaschiert, sodass sie optisch kaum wahrnehmbar sind und sich ruhig in den Raum einfügen.
Wie entsteht technisch eine komplexe Szene, etwa die Darstellung des Zweiten Weltkriegs?
Die Zweiter-Weltkrieg-Sequenz ist ein gutes Beispiel dafür, wie Inhalt, Architektur und Technik miteinander verschmelzen. In dieser Szene bewegen sich Kriegsflugzeuge scheinbar über das Gewölbe hinweg, Explosionen laufen über Decken und Wände, und auch an den Seiten wird diese Thematik bildhaft aufgegriffen. Technisch bedeutet das: Die Animationen sind exakt auf die Geometrie der Decke und der Wandflächen abgestimmt. Die Bewegungen der Flugzeuge folgen nicht einer flachen Leinwand, sondern dem tatsächlichen Verlauf des Kreuzgewölbes. Dadurch entsteht der Eindruck, dass sich die Szene real im Raum abspielt. Besonders anspruchsvoll ist die Synchronisation der Projektoren. Mehrere Geräte arbeiten hier nahtlos zusammen, sodass keine Übergänge oder Bildkanten sichtbar sind. Gleichzeitig wird die Lichtintensität so gesteuert, dass bedrohliche Stimmungen entstehen, ohne den Raum grell oder effekthascherisch zu überzeichnen.
Gab es für Nürnberg besondere technische Anpassungen dieser Szene?
Ja. Der historische Bezug, dass unmittelbar vor der Lorenzkirche im Zweiten Weltkrieg eine Bombe nicht detonierte, ist ein spezifisches Nürnberger Ereignis. Diese Besonderheit wurde auch technisch berücksichtigt, etwa durch die Platzierung und Intensität der Explosionseffekte. Die Projektionen konzentrieren sich hier bewusst auf bestimmte Raumachsen, um die Bedrohung spürbar zu machen, ohne die Kirche selbst symbolisch „zu zerstören“. Gerade diese Balance aus Emotionalität und Zurückhaltung ist technisch wie gestalterisch anspruchsvoll.
"Erst im realen Raum zeigt sich, wie Licht, Farbe und Projektion tatsächlich wirken"
Wie lange dauert der Aufbau einer solchen Installation?
Der reine technische Aufbau in Nürnberg hat knapp zwei Wochen in Anspruch genommen. Das umfasst die Platzierung der Projektoren, die Verkabelung, die Einrichtung der Medientechnik, das exakte Einmessen der Geräte sowie die finale Feinjustierung. Hinzu kommen zahlreiche Testläufe, denn erst im realen Raum zeigt sich, wie Licht, Farbe und Projektion tatsächlich wirken. In Nürnberg kam erschwerend hinzu, dass der Aufbau während eines starken Schneeeinbruchs stattfand – logistisch eine zusätzliche Herausforderung.
Wie viele Menschen arbeiten insgesamt an der technischen Umsetzung?
Das lässt sich schwer in einer Zahl ausdrücken, weil verschiedene Teams in unterschiedlichen Phasen beteiligt sind: technische Planer, Medientechniker, Aufbau- und Integrationsteams, Operatoren für den Showbetrieb. Allein der Aufbau vor Ort bindet über Tage hinweg ein größeres Team, dazu kommen Wochen und Monate der Vorbereitung im Hintergrund.
Was ist Ihnen bei der technischen Umsetzung in einem Kirchenraum besonders wichtig?
Respekt vor dem Ort. Technik darf hier niemals Selbstzweck sein. Sie soll die Architektur unterstützen, die Geschichte erzählen und Emotionen ermöglichen – ohne den Raum zu dominieren. Unser Ziel ist es, die Kirche selbst sprechen zu lassen. Die Technik tritt dabei bewusst in den Hintergrund, auch wenn sie hochkomplex ist. Wenn Besucher am Ende sagen, sie hätten "vergessen, dass das projiziert ist", dann haben wir technisch alles richtig gemacht.
Weitere Infos
Karten gibt es unter luminiscence.com/nuernberg oder direkt bei den Tourist Informationen am Hauptmarkt oder im Handwerkerhof. In oder vor der Lorenzkirche sind keine Karten erhältlich.
Zusätzlich zu den Einzeltickets sind auch verschiedene Ticketpakete mit individuellen Gruppenrabatten verfügbar – flexibel ab 25 Personen. Auch ist es möglich, exklusiv für Firmenevents ganze Vorstellungen zu buchen. Interessierte Gruppen ab 10 Personen können sich an info@myshow.de wenden.