Die Idee: Die Gemeinde öffnet in der kalten Jahreszeit den Kirchenraum, ihr "Wohnzimmer" und alle sind eingeladen, es gibt eine warme Mahlzeit zum symbolischen Preis, Seelsorge oder Friseure. Damit würde dem Konzept aber noch die wichtige Säule Kultur fehlen, findet Manuela Walcher. Sie managt für die Diakonie Allgäu die Vesperkirche in Memmingen, die am 1. März ihre Türen öffnet. Wie wichtig diese Säule dort ist, zeigt, dass die Münchner Tubaspielerin Jutta Keeß, alias Goldie Horn, in diesem Jahr die Schirmherrin des Projekts ist. Mit "Tuba2go" tritt sie dort auch auf. Die Vesperkirche ist für sie ein Ort, an dem Menschen "einen gemeinsamen Klang finden".
Der Eintritt zu einer Kulturveranstaltung soll für Gäste der Vesperkirche mit geringem Einkommen keine Hürde sein, schildert Walcher das Konzept. Sie hat in diesem Jahr unter anderem die Brassband DonnerBalkan und die Folkgruppe Father and Son engagiert.
In der Vesperkirche in Augsburg ab dem 1. März gehört Kultur ebenso dazu: CASH-N-GO, ein A-Capella-Ensemble, tritt dort auf und Kwaerthon, die sich als Bayerns lutherischste Folk-Band bezeichnen. In St. Paul in Pfersee gibt es aber nicht nur Abendveranstaltungen, sondern - trotz Tellerklappern und Stimmengewirr - auch "Mittagshäppchen" mit Musik. "Im vergangenen Jahr hat da bei uns eine Opersängerin Arien geschmettert, das hat die Leute mitgenommen", erzählt Ines Güther, die für das Programm in der Kirche im Stadtteil Pfersee zuständig ist. Die meisten Künstler verzichten auf eine Gage, berichtet sie.
Hinter die Kulissen schauen
"Schauspiel, Segen, Saxophon" steht bereits auf einem der ersten Programme der Vesperkirche in Nürnberg aus dem Jahr 2016, "Arie, Altar, Achteltakt" titelte man ein paar Jahre später. Für all die Darbietungen seither, Opern-Arien, "Vier singen Brahms", Ausschnitte aus der Oper "Hänsel und Gretel" oder ein klassisches Gitarrenkonzert hätten sich viele Gäste der Vesperkirche kaum die Tickets leisten können. Ein "niederschwelliger Zugang" zu Kultur und in seinem Fall zum Theater ist ganz im Sinne von Dramaturg Paul Berg vom Nürnberger Staatsschauspiel. Er moderiert einen "Rundumschlag" aus dem Theaterprogramm mit Schauspielerinnen und Schauspielern und freut sich, für das Publikum "den Vorhang zu heben und es hinter die Kulissen schauen zu lassen".
"Sind die Gäste denn interessiert an Kultur, hören die überhaupt zu?", fragte sich Kulturmanager Ralf Püpcke, als er in der Mutter aller Vesperkirchen in Stuttgart 1995 erstmals ein Kulturprogramm aufstellen sollte. "Wir wollten keine Armenspeisung, sondern beste Kultur bieten", erklärt er. Was er dann erlebte, war "eine bestimmte Magie": ein Publikum, das konzentriert zuhört und zugleich dankbar ist für ein kostenloses Konzert. "Dass ihr das für uns tut - das bringt mich durch die ganze Woche", erinnert sich Püpcke an eine der schönsten Reaktionen.
Leute gehen beseelt nach Hause
Das Publikum in der Vesperkirche freue sich mal spontan, klatsche bei Konzerten zwischen den Sätzen, was das Hochkulturpublikum gar nicht schätzt, erlebt der Dramaturg am Nürnberger Staatstheater, Hans-Peter Frings. Das Kulturangebot am Sonntagabend sei "eine großartige Idee". Für die Leute ist das ein schöner Ausklang, da geht man dann beschwingt und besinnlich in die neue Woche." Die Leute gingen beseelt nach Hause, erfährt in der Coburger Vesperkirche ihr Organisator Stefan Kornherr. "Eine Vesperkirche ohne Kultur würde nicht funktionieren", sagt er.
"Kann man denn eine Mietminderung verlangen, wenn es in der Wohnung spukt?" "Zahlt der Vermieter einen Geisterjäger?" Drei Frauen stehen an diesem Sonntag in der Vesperkirche und rezitieren aus dem Text "Altbau in zentraler Lage" von Raphaela Bardutzky. Das Publikum an den Tischen im Kirchenraum lauscht, ein paar aber rücken ihre Stühle nach hinten, stehen auf und verlassen den Raum während der Vorstellung.
Aber Maria Eichler, häufiger Gast in der Vesperkirche, gefällt der "Rundumschlag" des Schauspielensembles. "Ganz früher war ich mal im Theater, aber jetzt schon lang nicht mehr", erzählt sie. In einem der Stücke ging es um das Thema Pflege. Das sind die Alltagssorgen der Gäste der Vesperkirche. Ihrem Sitznachbarn Novilla Sherain hat dieser Text nicht so gut gefallen, erzählt er. Das könne er ja selbst schreiben, meint er schmunzelnd. Doch eine Woche zuvor war die Aufführung rappelvoll und ein voller Erfolg: "Ein Bariton hat die ganze Kirche erfüllt".