1. Kirche und Politik: Warum Einmischung Teil der DNA ist

Darf Kirche politisch sein? Ja, das darf sie, das muss sie, sie kann nämlich gar nicht anders. Uns gibt es heute als Kirche, weil vor 2000 Jahren ein junger Mann in der Gesellschaft seiner Zeit und seines Landes öffentlich aufgetreten ist. Jesus von Nazareth – unser Christus, unser Retter – hat auf dem Fundament seines jüdischen Glaubens sicht- und hörbar Stellung bezogen, gegen Machtmissbrauch, gegen Diskriminierung, für die Menschen in einem ganzheitlichen Sinne.

Da ging es um den Umgang mit Krankheit, um gesellschaftliche Ausgrenzung, auch um Steuern und Rechtsfragen. Jesus hat sich prophetisch eingemischt in die politischen und gesellschaftlichen Diskurse. Damit war er für viele unbequem. Und für viele hat er ganz neue Wege zur Befreiung aufgezeigt. Sein Antrieb dafür kam aus der klaren Überzeugung, dem Willen Gottes, der Gottesherrschaft verpflichtet zu sein.

Wir stehen heute als gläubige Christinnen und Christen, gleich ob in kirchlicher Leitungsverantwortung oder nicht, ganz klar in dieser Tradition. Da gibt es für mich kein Ausweichen: Einmischung und Positionierung in politischen Fragen gehören zu unserer DNA.

Politische Fragen sind gesellschaftliche Fragen, da geht es um das Zusammenleben aller und da sind wir gefragt. Ich bin immer als ganze Person Christin oder Christ, das kann ich nie beiseite lassen. Davon bin ich überzeugt.

Wenn Bischöfinnen, Synodalpräsidenten, Dekaninnen, Pfarrer im politischen Diskurs das Wort ergreifen, dann verweist Kirche dabei niemals auf sich selbst als Institution oder zivilgesellschaftliche Organisation, sondern sie spricht in Rückbindung an den Gott der Barmherzigkeit und des Friedens, den Gott, der Schöpfer und Vollender ist.

Aus dieser Rückbindung kommen die Werte, die wir vertreten – eben nicht nur nach innen, sondern auch nach außen: Schutz von Leben, Menschenwürde, Freiheit, Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, Solidarität mit Schwachen, Engagement für Nachhaltigkeit.

Mir persönlich hilft sehr, dass wir als Kirche in einer ganz besonderen Freiheit und Unabhängigkeit stehen. Wir müssen uns politisch nirgends anbiedern. Wir können und müssen uns vor Gott nichts verdienen. Ich will auch nicht aus Rücksicht auf eine womöglich privilegierte gesellschaftliche Situation schweigen müssen.

Den Vorwurf, der immer wieder mal von verschiedenen Seiten geäußert wird, "Kirche sei zu politisch", halte ich übrigens eher für den Beweis, dass Kirche ihre unbequeme und unabhängige Funktion in unserer Gesellschaft und gegenüber der Politik durchaus adäquat ausfüllt.

2. Die unpolitische Kirche – ein Widerspruch in sich

Was wäre eine "unpolitische" Kirche? Etwa eine Kirche, die schweigt und wegschaut, wenn Menschen Unrecht geschieht? Die ignoriert, wenn Menschen in ihren Lebens- und Freiheitsrechten, auch in ihrer Religionsausübung, bedroht sind?

Der Kirche kann nicht gleichgültig sein, wenn durch unreflektierte oder gar missbräuchliche Herrschafts- und Machtstrukturen Menschen benachteiligt, ja, entwürdigt werden.

So wie der Einzelne nicht trennen kann zwischen seiner christlichen Existenz als Glaubender und einer weltlichen Existenz als Bürger, Arbeitnehmerin, Familienangehöriger, Konsumentin und so weiter, so kann auch die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden nicht trennen zwischen privat und öffentlich, zwischen geistlich und politisch, zwischen theoretischen Werten und praktischem Verhalten. Wir sind Kirche Jesu Christi: um des ganzen Menschen und der Menschheit willen - und um Gottes willen!

3. Politisches Handeln konkret: Werte, Positionen und Praxis

Selbstverständlich muss Kirche parteipolitisch unabhängig sein. Das heißt aber auch, dass Kirche dennoch mal mit parteipolitischen Positionen übereinstimmt. Daran zeigt sich ja durchaus Positives: Christliche Werte sind auch außerhalb der Kirche relevant und leitend! Fatal wäre es allerdings, wenn es bei tagespolitischen Einlassungen primär um mediale Aufmerksamkeit ginge. Unsere grundsätzlich orientierende Kraft darf nicht verspielt werden!

Wenn Kirche sich in politischen Positionierungen erschöpfen würde, wäre sie schnell eine erschöpfte Kirche.

Uns als Kirche zeichnet aus, dass wir Fachexpertise, etwa aus den Wissenschaften, wahrnehmen, wertschätzen und anerkennen. Unsere eigenen Positionen formulieren wir immer in dem Wissen, dass die Welt noch unerlöst und damit eben zwangsläufig unvollkommen ist. Wir stehen für Demut in dem Sinne, dass die letzte Antwort Gott vorbehalten ist.

Dabei wird auch klar: Nicht Macht, sondern Sinn ist unsere Zielrichtung. Wir können im politischen Diskurs der Meinungen weder Sonderrechte noch eine besondere Wahrheit beanspruchen.

Wir müssen uns wie andere auch um die Kraft der Argumente und die Plausibilität unserer Werte sorgfältig bemühen.

4. Glaubwürdigkeit durch Handeln: Beten, Handeln, Einmischen

Und schließlich, das ist mir besonders wichtig, gewinnt unser kirchliches Reden im politischen Kontext nur dann Glaubwürdigkeit, wenn es mit unserem Handeln übereinstimmt. Zu Recht werden wir daran in besonderer Weise gemessen, zum Beispiel wenn wir als Kirche Arbeitgeberin sind, oder im Umgang mit Geld, oder mit eigenen Fehlern und Versäumnissen.

Zum Handeln gehört für uns als Kirche auch das Beten! Wir brauchen Orte und Zeiten, wo wir uns betend unseres Glaubens vergewissern: im Hören auf Gott, in der Klage unserer Ohnmacht, in Demut angesichts von Vorläufigem, in der Hoffnung auf Geist und Handeln Gottes, voller Sehnsucht nach Erlösung. Erst solche geistliche Rückbesinnung auf die eigenen Quellen schafft Freiheit, Abstand und Kraft, um sich weltgestaltend einzubringen und einzumischen.