11.03.2018
Diakoniemuseum

Annemarie Naegelsbach: Entdeckungen in Rummelsberg

Mit der Sonderausstellung „Kaiser, Kanzler, Rummelsberger. 21 Fußnoten deutscher Geschichte“ will die Rummelsberger Diakonie zeigen, was Rummelsberger mit der großen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts zu tun hatten. Dabei kommen auch überraschende Biographien zum Vorschein - zum Beispiel die der Münchner Malerin Annemarie Naegelsbach.
Thomas Greif
Archivar und Museumsleiter Thomas Greif hat die Münchner Künstlerin Annemarie Naegelsbach für seine Ausstellung wiederentdeckt und widmet ihr eine Werkschau jenseits des berühmten Altarbilds.

Mit der Ausstellung „Kaiser, Kanzler, Rummelsberger. 21 Fußnoten deutscher Geschichte“ im Museum und Archiv der Rummelsberger Diakonie hatte er nicht nur ehemalige, verdiente Diakone der Rummelsberger und deren Geschichten porträtieren wollen, sondern dazu Persönlichkeiten, die mit der Institution in verschiedenen Kontexten zu tun hatten und deren Verknüpfungen zur Diakonie ebenfalls erzählenswert sind, sagt Thomas Greif, der seit Juli 2016 das Museum und das Archiv der Rummelsberger Diakonie leitet. Seit dem 23. Mai 2017 schon können sich die Besucher 21 solcher Porträts anschauen. Darunter neben den geschichtsträchtigen Stationen der Diakone, die von Schwarzenbruck in der ganzen Welt wirkten auch kleine, nicht minder spannende Nebenschauplätze.

Wie heterogen sich dieser Ritt durch rund 100 Jahre deutscher Geschichte gestaltet, zeigt auch die Vielfalt der Persönlichkeiten. Da findet man den Nürnberger Schlagzeuger Wolfgang Haffner, der mit seiner Familie in den 1970er-Jahren in Rummelsberg wohnte und damals noch nicht wissen konnte, dass er einst Weltruhm erlangen wird. Doch es wird auch vom ehemaligen SS-Hauptscharführer Gerhard Martin Sommer berichtet, der als „Henker von Buchenwald“ zu zweifelhaften Ruhm gekommen war und im Stephanusheim von 1973 bis zu seinem Tod im Jahre 1988 lebte.

Annemarie Naegelsbach malte Altarbild der Philippuskirche

Man begibt sich also auf leisere Sohlen, wenn man sich auf die Spurensuche nach einer heutzutage nahezu vergessenen Künstlerin wie Annemarie Naegelsbach macht. „Es ist auch eine der wenigen Frauen, von der in der Ausstellung die Rede ist. Man darf nicht vergessen, dass die Rummelsberger lange eine reine Männergesellschaft waren“, erklärt Thomas Greif. Dass die Künstlerin mit dem damaligen Direktor verwandt war, mag sicher das i-Tüpfelchen gewesen sein, das ihr den Auftrag für das Altarbild eingebracht hat.

Naegelsbach lebte von 1896 bis 1985 und schuf in dieser Zeit neben einigen knorrig-realistischen Selbstbildnissen, wie sie für diese Zeit typisch waren, kunstvolle Scheren- und Holzschnitte von oft christlichen Motiven oder Musterlandschaften mit Farbe oder Bleifstift. Einige ihrer Werke hat das Museum Rummelsberg an Leihgaben erhalten. Eigentlich sollte am 25. Februar Schluss mit der Ausstellung sein, jetzt wurde sie aber noch einmal bis zum 15. Juli verlängert.

Annemarie Naegelsbach war vielseitige Künstlerin

Doch über die Malerei und Schnittkunst hinaus zeigte Naegelsbach sich zeitlebens äußerst vielseitig im Handwerk. So gehen auf ihre Entwürfe beispielsweise der Brunnen mit Porzellankacheln der St. Anna-Schule Nymphenburg oder der Mosaikfußboden der Aussegnungshalle im Perlacher Forst zurück. „Hier wurde bei Führungen bis vor kurzem noch gesagt, dass man nicht wisse, von wem der schöne Mosaikfußboden stamme. Eigentlich schade“, meint Greif. In der Augsburger evangelischen Kirche St. Markus gestaltete sie die Apsis. Neben Rummelsberg hat Naegelsbach auch andere Altarbilder beispielsweise in Bad Wiessee oder Hof geschaffen.

Ihre Großnichte Barbara Weitz wohnt noch heute in dem Haus Naegelsbachs in München am Böhmerwaldplatz und kann nette Geschichten von ihr erzählen. Eine davon: „Amsel, wie sie ihre Freunde nannten, ging grundsätzlich auch bei Rot über die Ampel. Wenn sie deswegen kritisiert wurde pflegte sie zu sagen, dass Rot eben ihre Lieblingsfarbe sei“, so Greif. Zeitweise war Naegelsbach im Übrigen die Geliebte der berühmten Autorin Ina Seidel.

Eine offizielle Liste der Werke, die Naegelsbach in München und Umgebung ab den 1920er-Jahren gefertigt hat, gibt es nicht. In vielen Fällen wird es so sein wie in Augsburg, dass viele Menschen achtlos an einer Arbeit von „Amsel“ vorbei laufen. Nicht so an den „Sieben Werken der Barmherzigkeit“ in der Rummelsberger Philippuskirche, das die Geschichte von der Berufung der sieben Almosenpfleger mit dem Gleichnis Jesu von den Werken der Barmherzigkeit verbindet. Philippus ist einer dieser sieben Diakone, Namensgeber der Kirche und Stellvertreter für die Verbindung zwischen Verkündigung und praktischem Tun als Grundlage diakonischen Handelns. Werte, die sogar das Altarbild noch überdauern.

Informationen zur Ausstellung

Wer die Ausstellung "Kaiser, Kanzler, Rummelsberger. 21 Fußnoten deutscher Geschichte" im Diakoniemuseum Rummelsberg noch nicht kennt, hat zum Besuch noch bis 15. Juli Zeit. Öffnungszeiten sind donnerstags, freitags und sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr, Führungen an jedem zweiten Sonntag im Monat um 14.30 Uhr oder nach Vereinbarung.

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Rummelsberg ist überall. Oder war es zumindest: mit dabei auf den Schlachtfeldern von Verdun, beim Kniefall Willy Brandts in Warschau oder auf den großen Bühnen des Jazz und Rock. Anhand von 21 Fußnoten deutscher Geschichte macht die Ausstellung »Kaiser, Kanzler, Rummelsberger« den Werdegang des Diakonievereins deutlich. Eine spannende Zeitreise zeigt die Spuren der bayerischen Diakonie in der deutschen Zeitgeschichte.
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