Der derzeit erfolgreichste Film in Deutschland ist weder ein futuristischer Blockbuster noch ein gesellschaftskritisches Drama – sondern "Das Kanu des Manitu". Bully Herbig greift damit sein zwanzig Jahre altes Western-Slapstick-Format wieder auf – und das Publikum strömt ins Kino.
Man lacht über ulkige "Indianer", über Kostüme, die mit der Realität der indigenen Bevölkerung Nordamerikas so viel zu tun haben wie Fasching mit Geschichte. Für viele ist das harmlos, nostalgisch, unzeitgemäß vielleicht, aber doch ein feiner Spaß.
"Das Kanu des Manitu": "Indianer"-Witze als deutsches Kulturerbe?
Nur: Die Witze über "Indianer" sind nicht unschuldig. Sie beruhen auf kolonialen Fantasien, die in Deutschland seit Jahrhunderten gepflegt werden – von Karl May bis heute.
Fantasien, die indigene Völker als Projektionsfläche darstellen: edel, wild, lächerlich, alles zugleich. Was dabei ausgeblendet wird, ist die reale Geschichte von Zwangsumsiedlungen, Landraub, kultureller Auslöschung. Dass Deutsche mit nach Amerika ausgewanderten Siedler*innen Teil dieser Geschichte waren, gehört ebenfalls zu den Leerstellen.
Kurzum: In deutschen Kinosälen der Gegenwart wird über Stereotype gelacht, deren Grundlage eine sehr reale Gewalt ist.
Wenn Anerkennung keine Verantwortung bedeutet
Diese Bereitschaft, Unterhaltung von Verantwortung zu trennen, zeigt sich nicht nur in der Popkultur. Sie spiegelt sich auch in der Politik. Die Bundesregierung bekennt sich zwar offiziell zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, lehnt aber Reparationen an die Nachfahren der Opfer ab. Begründung: Völkerrechtliche Verpflichtungen habe es zur Zeit der Kolonialverbrechen nicht gegeben.
Formalistisch sauber, moralisch fragwürdig. Denn zwischen 1904 und 1908 führten deutsche Truppen in Namibia einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama, bei dem rund 100.000 Menschen ums Leben kamen.
2021 wurden diese Gräueltaten offiziell als Völkermord anerkannt. Doch statt Konsequenzen zieht man sich auf Spitzfindigkeiten zurück – und verweist auf Hilfsprogramme, deren Umsetzung noch immer stockt.
Der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer nennt das zweierlei Maß. Beim Holocaust sei Wiedergutmachung selbstverständlich, beim Kolonialismus aber nicht. Lange herrschte in Deutschland, so Zimmerer, eine "völlige Amnesie".
Erst in den letzten Jahren, verstärkt durch die Black-Lives-Matter-Proteste 2020, geriet das Thema stärker ins Bewusstsein. Doch mittlerweile überwiegt wieder ein konservativer Rollback.
Eine Straße, ein Name – und ein langer Kampf
Und dennoch: Veränderungen sind möglich. Der zähe Kampf um die Umbenennung der Berliner Mohrenstraße zeigt es. Jahrzehntelang forderten Aktivist*innen, dass die koloniale Abwertung im Straßennamen verschwindet. Nun wird die Straße nach Anton Wilhelm Amo benannt, dem ersten bekannten Philosophen afrikanischer Herkunft in Deutschland.
Ein Erfolg – aber einer, der gegen erhebliche Widerstände erkämpft wurde und der nicht aus gesellschaftlichem Konsens, sondern nur unter beharrlichem Druck von unten möglich war.
Die kolonialen Bilder prägen weiterhin den Alltag – im Kino, in den Köpfen, in den Straßennamen. Und die wenigen, die an Veränderung arbeiten, tun das gegen den Strom. Deutschland hält auch 20205 noch an den Bildern des Kolonialismus fest, drückt sich aber um dessen Folgen. Es lacht über "Indianer", es erklärt Völkermorde für abgeschlossen und es verschleppt Anerkennung und Wiedergutmachung.
Update vom 22. August 2025: Das Berliner Verwaltungsgericht hat die Umbenennung der Mohrenstraße vorerst erneut gestoppt. Anlass war der Eilantrag einer Bürgerinitiative.
Update 2 vom 22. August 2025: Das zuständige Bezirksamt Mitte hat gegen den Stopp der Umbenennung seinerseits das Oberverwaltungsgericht angerufen und geht weiter davon aus, dass die Umbenennung stattfinden kann.
Update 3 vom 23. August 2025: Das Oberverwaltungsgericht hat die Entscheidung des Verwaltungsgerichts aufgehoben, die Umbenennung kann stattfinden.