Das Leichte hat es schwer in der deutschen Literatur. Lange Zeit nahm die Germanistik keine Notiz von Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz oder gar Heinz Erhardt. Auch der Germanist Eugen Roth wollte "ernsthaft" schreiben. Erfolgreich machte ihn aber der Humor: Als er vor 50 Jahren starb, am 28. April 1976, war er einer der meistgelesenen deutschsprachigen Lyriker, aber ausschließlich wegen seiner populären humorvollen Verse.
"Das Komische wird vom klassischen Lyrikbegriff nicht erfasst, es steht unter Trivialitätsverdacht", sagt der Hamburger Literaturwissenschaftler Christian Maintz, Spezialist für komische Lyrik, dem Evangelischen Pressedienst (epd).
Heitere Verse im Zweiten Weltkrieg
Eugen Roth kommt 1895 in München zur Welt. 1914 zieht er begeistert in den Ersten Weltkrieg und wird nach wenigen Monaten schwer verwundet, was ihn zum überzeugten Kriegsgegner macht. Er studiert Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, promoviert 1922. Erste Gedichte erscheinen, meist düster-expressionistisch und pathetisch.
Davon kann er nicht leben, also tritt der Sohn eines stadtbekannten Journalisten in die Fußstapfen seines Vaters und arbeitet ab 1927 als Lokalredakteur bei den "Münchner Neuesten Nachrichten". Doch als 1933 die Nazis an die Macht kommen, wird er als "politisch unzuverlässig" entlassen. Eugen Roth verlegt sich auf heitere, unverfängliche Gedichte, findet nach langer Suche auch einen Verlag. 1935 erscheint der Band "Ein Mensch" und wird in der Nazizeit ein Erfolg. Keine zehn Jahre später sind mehr als eine halbe Million Exemplare verkauft.
Im Zweiten Weltkrieg wird er zum Militär eingezogen: Er soll mit seinen heiteren Versen die Moral der Truppe heben. Unter dem Titel: "Ein Mensch lädt Kameraden ein / mit ihm ein Stündchen froh zu sein" kommt sogar eine Sonderausgabe seiner Gedichte heraus.
Mensch und Unmensch
1948 erscheint "Mensch und Unmensch". Darin resümiert der Autor mit Blick auf die NS-Diktatur: "Kein Mensch will es gewesen sein. / Die Wahrheit ist in diesem Falle: / Mehr oder minder warn wirs alle!" Seine eigene Rolle in der NS-Zeit ist schwer zu beurteilen: War er ein Mitläufer? Ein innerer Emigrant? Literaturwissenschaftler Maintz: "Manches spricht für die zweite Variante; klären ließe sich diese Frage aber nur durch eine intensivere biografische Forschung."
1948 veröffentlichte Roth ein Gedicht, das er in der Nazidiktatur für sich behalten hat: "Ein Mensch, kein Freund der raschen Tat, / Hielt sich ans Wort: Kommt Zeit, kommt Rat. / Er wartete das Herz sich lahm - / Weil Unzeit nur und Unrat kam".
Grundtrauer als Fundament für Humor
Die Aussage von Gottfried Keller, dass aller Humor auf einer Grundtrauer beruht, wird für den Vater von zwei Söhnen fast zum Leitmotiv: "Die Grundtrauer sowohl wie eine wirkliche Liebe zu den Menschen sind die Grundlagen meines dichterischen Schaffens", erklärte Eugen Roth einmal.
Ein pessimistischer Grundton der heiteren Verse klingt bereits in dem Vierzeiler an, den Roth seinem ersten Gedichtband als Motto voranstellt: "Ein Mensch erblickt das Licht der Welt - / Doch oft hat sich herausgestellt / Nach manchem trüb verbrachten Jahr, / Daß dies der einzige Lichtblick war".
Spiel mit Redensarten
Im Nachkriegsdeutschland erreichen seine Gedichte, etwa die Bände "Gute Reise" (1954) oder "Neue Rezepte vom Wunderdoktor" (1959), Millionenauflagen. Er verfasst auch Schüttelreime und Limericks. Aus heutiger Sicht, urteilt Christian Maintz, wirke Roths Dichtung "zwar handwerklich solide, aber etwas epigonal", also unschöpferisch - zumal im Vergleich mit Großmeistern wie Wilhelm Busch oder Christian Morgenstern.
Robert Gernhardt (1937-2006) ist heute der bekannteste neuere komische Lyriker deutscher Sprache, seine Gedichte changieren oft zwischen intellektuell gefärbtem Nonsens, funkelnder Ironie, groteskem Humor und ätzender Satire. Für ihn war Roth "bieder".
Dennoch: Eugen Roth war ein großer Stilist. Gerne bildete er aus Substantiven Adjektive wie "krankenkässlich" oder "straßenbähnlich" und erzielte damit überraschende Effekte. Auch Wortschöpfungen wie "sich selbst verhelden" oder "kopfbogenstolzes Briefpapier" sind typisch für seine heiteren Gedichte. Er spielte mit Wortbedeutungen und Redensarten: "Ein Mensch, will er auf etwas pfeifen, / Darf sich im Tone nicht vergreifen".
Prosa wurde fast nicht wahrgenommen
Es hat den Dichter gekränkt, dass sein Schaffen jenseits der humorvollen Lyrik fast nicht wahrgenommen wurde. Gedichte, zuletzt in dem Band "Rose und Nessel" (1951), zeichnen Naturbilder, melancholisch oder farbenprächtig. Seine Prosa rührt häufig an existenzielle Themen wie Sterben und Tod oder Schuld, Sühne und Vergebung.
Die autobiografisch gefärbte Erzählung "Das Gespenst" aus dem Jahr 1938 schildert aus der Perspektive eines zehnjährigen Jungen das Leiden einer feinen und sensiblen Frau, die es mit ihrem grobschlächtigen Mann in der bayerischen Provinz nicht mehr aushält. Durch Zufall bewahrt sie der Ich-Erzähler vor dem Suizid.