9.05.2018
Vom Urknäuel zum Röntgenbild

Kunst oder Gekritzel? Kunstpädagogin erklärt Kinderzeichnungen

Ist das ein Elefant? Ein Superheld? Oder doch ein Ahornbaum? Kinderzeichnungen sind manchmal alles andere als eindeutig. Kunstpädagogin Christiane Winter verrät, was "Kinderkunst" so faszinierend macht, wie Erwachsene richtig auf die Gemälde reagieren und was sie über die Entwicklung der kleinen Künstler verraten.
Welche Farben Kinder benutzen, kann etwas über ihre Stimmung verraten.
Welche Farben Kinder benutzen, kann etwas über ihre Stimmung verraten.

Frau Winter, was verstehen Sie unter einer Kinderzeichnung?

Christiane Winter: Eltern verbinden damit zuerst die Gemälde, die sie aus dem Kindergarten mitgebracht bekommen. Tatsächlich beginnt "Kinderzeichnung" aber bereits im Säuglingsalter: Auf die "Schmier- und Sudelphase" mit etwa sechs Monaten folgt ab dem etwa neunten Monat die Kritzelphase, die sich in drei Phänomenen entfaltet: Vom "Urknäuel" spricht man in der Krabbelphase, vom "Urkreuz" mit der ersten Steherfahrung und von der "Zickzacklinie", wenn das Kind laufen lernt. Am Ende des vierten Lebensjahres setzt die "Schemaphase" ein. Formen wie Vierecke, Quadrate und Kreise werden zu Häusern, Bäumen, Menschen und Tieren. Mit zunehmenden Alter wird das Außen immer wichtiger. Bis die Kinder mit Beginn der Pubertät merken, dass ihnen die Ausdrucksformen fehlen, um die Realität entsprechend ihrer eigenen Ansprüche aufs Papier zu bringen. Die Jugendlichen scheitern letztlich an ihrer eigenen Perfektion. Damit enden die Kinderzeichnungen.

Was kann man sonst noch aus den Gemälden "herauslesen"?

Winter: Kinder versuchen mit ihren Bildern Geschichten zu erzählen. Das kann für Erwachsene skurril aussehen, denn häufig wird Bedeutung durch Größe hervorgehoben - ein Eis kann also viel größer sein als ein Haus. Spannend sind auch die sogenannten Röntgenbilder: Wenn ein Kind einen Menschen zeichnet und man sieht in seinem Magen ein Stück Kuchen. Kinder entdecken bereits in der Kritzelphase Farben, die sie je nach Laune gezielt einsetzen. Man kann also an Kinderzeichnungen festmachen, welche Stimmung das Kind gerade hat.

Zu welchem Umgang mit Kinderkunst raten Sie Eltern und Erziehern?

Winter: Kommen Sie mit dem Kind ins Gespräch! Was es gemalt hat, steht meistens gar nicht im Vordergrund. Mein Plädoyer ist: Nehmen Sie Kinderzeichnungen ernst, ohne sie überzubewerten. Kinder wollen Wertschätzung, also hängen Sie ihre Zeichnungen auf, das motiviert die Kinder. Kinder sollten die Möglichkeiten haben, sich und ihr Erleben auszudrücken, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Geben Sie ihnen nicht nur Bunt- oder Filzstifte, sondern auch Wassermalfarben, andere Papierformate oder auch Materialien wie Knete. Wissenschaftliche Studien zeigen: Eine feinmotorische Schulung im Rahmen von Kinderzeichnungen hat eine positive Auswirkung auf die weitere Entwicklung des Kindes.

"Kunterbuntl" von der dreijährigen Künstlerin Smilla
"Kunterbuntl" von der dreijährigen Künstlerin Smilla

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