22.12.2013
Weihnachtliche Verirrungen

Wir haben es zwischen Weihnachtsmännern, Konsumterror und Besinnungsstress schon immer geahnt: Das Weihnachtsfest, so wie wir es feiern, ist ein großes Sammelsurium an Missverständnissen. Die Kulturjournalistin Claudia Weingartner hat »24 populäre Irrtümer über Weihnachten« zusammengetragen.
Der rotbäckige Weihnachtsmann
Der rotbäckige Weihnachtsmann ist gar kein Coca-Cola-Produkt - einer von 24 Irrtümern rund ums Weihnachtsfest.

Kein Wunder, dass eine steigende Zahl von Kindern gar nicht mehr weiß, worum es an Weihnachten eigentlich geht. Immer dicker und schier undurchdringlicher werden die Schichten an Kulturmüll auf dem Fest der Menschwerdung Jesu.

Fangen wir mit jener Figur an, die das Weihnachtsfest am nachhaltigsten für sich geentert hat: Ein dicker, rotbackiger Typ mit rotem Mantel, der am Nordpol wohnt und in der Weihnachtsnacht mit einem Rentierschlitten umherfliegt, um Geschenke für die Kinder in aller Welt zu verteilen. Seine Rentiere haben Namen, und für eins davon gibt's sogar ein Lied, das als Big-Band-Adaption in der Adventszeit aus allen Ritzen quillt: »Rudolph, the Red Nosed Reindeer«.

Warum der ganze Quatsch? Weingartner zeigt auf, dass sich alle möglichen Länder und Kulturen über die Jahrhunderte ihre eigenen Weihnachtstraditionen gebacken haben. Manche Ideen gingen wieder unter, manche, wie die vom Weihnachtsmann, verselbstständigten sich bis ins Abstruse. Seinen Ursprung hat der Weihnachtsmann in den eingebürgerten Bräuchen niederländischer USA-Auswanderer, bei denen aus »Sinterklaas« (Nikolaus) irgendwann »Santa Claus« wurde, ein Nikolausklon ohne Bischofsmütze und Mitra.

Sein Aussehen und seine seltsamen Gepflogenheiten bekam der US-Weihnachtsmann dann 1823 in dem anonymen Gedicht »The night before christmas«. In Deutschland war der Maler Moritz von Schwind mit seinem »Herrn Winter« genreprägend.

Die Coca-Cola-Werbung machte »Santa Claus« zwar weltweit populär, hat aber den Weihnachtsmann nicht erfunden, und, das nur der Vollständigkeit halber, am Nordpol wohnt er auch nicht. Diese beiden Irrtümer fallen freilich bei der ganzen Weihnachtsmann-Verirrung kaum noch ins Gewicht.

Gewichtiger sind andere unbestreitbare Weihnachtsmythen: Die Idee von den »Heiligen Drei Königen« etwa, die in der christlichen Überlieferung auch noch die Namen Caspar, Melchior und Balthasar tragen. Die Bibel weiß nichts von ihnen: Im Matthäus-Evangelium ist nur von Sterndeutern die Rede, die Zahl drei ist erfunden, und die Namen auch. Selbst der Kern der Weihnachtsüberlieferung, die Geschichte von Jesu Geburt in der Krippe zu Bethlehem, kommt auf dünnem Eis daher. Denn in der modernen Jesusforschung herrscht inzwischen die Meinung vor, dass Jesus in Nazareth geboren wurde, und zwar nicht in einem Stall, sondern vermutlich in einer Art Höhle.

Nicht einmal die vermeintliche Wahrheit bleibt uns, dass Jesus an Weihnachten geboren wurde, und zwar, wie unser Zeitrechnungssystem nahelegt, im Jahre null. Alles verkehrt, aus mehreren Gründen: Der Urheber der christlichen Zeitrechnung, der Mönch Dionysius Exiguus, sah in seiner Zählung gar kein Jahr null vor. Außerdem verrechnete er sich - Jesus Geburt wird heute zumeist in den Jahren 7 bis 4 vor Christus vermutet.

Ein genaues Datum aber ist völlig unbekannt, die Bibel nennt keines, und selbst Papst Johannes Paul II. gestand 1994, man müsse »von einer zeitlich exakten Berechnung« hinsichtlich der Geburt Jesu absehen. Wahrscheinlich verdanken wir den Festtermin 25. Dezember dem römischen Bischof Hippolyt, der damit den Festtag des »unbesiegbaren Sonnengottes« (sol invictus) kaperte. Dass die Wintersonnwende nur ein paar Tage vorher stattfindet, half ebenfalls, vorhandene heidnische Traditionen christlich umzudeuten. Die Weihnachtstage sind ein Erinnerungsfest, aber kein historisches Datum.

Was bleibt also vom Weihnachtsfest und seinen Begleiterscheinungen? Weihnachtsgeschichten sind nicht besinnlich, schreibt Weingartner stets wohlbegründet (Loriot lässt grüßen), und Weihnachtsmärkte nicht romantisch. Weihnachtsgebäck ist gar nicht ungesund, und Weihnachten gar kein urchristliches Fest. Bescherung ist nicht am 24. Dezember (jedenfalls nicht überall) und der Knecht Ruprecht ist nicht der Gehilfe des Nikolaus.

Weihnachten ist nicht das Fest der Liebe, sondern lässt in vielen Familien die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit erst richtig schmerzhaft deutlich werden. Und das Christkind ist kein blonder weiblicher Engel, sondern Luthers christologisches Gegenprogramm zum Heiligen Nikolaus.

Was bleibt nach so viel Ernüchterung?

Abschied von Weihnachten?

Das wäre dann freilich Irrtum Nummer 25. Die Wahrheit ist genau andersherum: Weihnachten ist unverwüstlich, den Mythen sei Dank.

Buch-Tipp

Claudia Weingartner: Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

Theiss Verlag, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-8062-2686-7, 224 S., 16,95 Euro.

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Sonntagsblatt