14.02.2018
Valentinstag

Liebesbriefe sind altmodisch und kitschig, finden viele. Ganz und gar nicht, sagen die Sprachwissenschaftlerin Eva Lia Wyss von der Universität Koblenz-Landau und der Münchner Geschäftsmann Markus Madlener. Und zwar nicht nur zum Valentinstag am 14. Februar.
Handgeschriebene Liebesbriefe sind selten geworden.
Handgeschriebene Liebesbriefe sind selten geworden.

Rote Herzchen und gefühlvolle Worte an den Partner in verschnörkelte Schreibschrift: Handgeschriebene Liebesbriefe auf Papier sind selten geworden, sagt die Professorin für Sprachwissenschaft, Eva Lia Wyss, von der Universität Koblenz-Landau. Sie muss es wissen – hat sie doch 1997 das Projekt Liebesbrief-Archiv gestartet, das inzwischen rund 17.000 Liebesbotschaften umfasst.

Griffen Verliebte im 19. Jahrhundert noch regelmäßig zu Stift und Zettel, um sich ihre Liebe schriftlich zu versichern, verschicken Menschen heutzutage nur noch zu besonderen Anlässen wie Jahrestagen oder Geburtstagen Liebesbotschaften auf Papier, erläutert Wyss.

Liebesbriefe werden zunehmend digital

Interessant sei aber, betont die Schweizer Forscherin, dass die Digitalisierung dazu führe, dass sich die Menschen wieder mehr Liebesbotschaften schrieben. "Paare sind dazu übergegangen, mit WhatsApp oder anderen Chat-Diensten zu kommunizieren." Gleichzeitig würden die Texte immer knapper, weil auf den Plattformen vor allem Bilder und Emoticons im Vordergrund stünden. "Das sind keine ausführlichen Texte mehr."

Der Münchner Unternehmer Markus Madlener will dem Liebesbrief nun mit seinem Start-up wieder zu mehr Popularität verhelfen. Der Clou seines Geschäftsmodells: Der Absender schreibt den Brief in der Gegenwart, der Adressat erhält ihn jedoch erst Monate oder Jahre später. "Wir übernehmen den Service, die Briefe einzulagern und erst zum gewünschten Zeitpunkt zuzustellen", sagt Madlener und zieht eine Schublade des grauen Stahlschranks heraus, in dem er unzählige versiegelte Briefumschläge aufbewahrt.

Warum Liebesbriefe als Zeitkapseln besonders wertvoll sind

Um den Dienst anbieten zu können, musste er eine Postlizenz bei der Bundesnetzagentur beantragen. „Zeitbote AG“ ist nach eigenen Angaben nun der erste Postdienstleister in Deutschland, der zeitversetzt Briefe zustellen darf.

Ersten Kontakt mit der Idee sogenannter Zeitkapselbriefe hatte er bei der Evangelischen Jugend in München. In einem Seminar für Jugendleiter sollte er einen Brief an sein zukünftiges Ich richten, erzählt der heute 41-Jährige. "Leider habe ich den Brief nie zurückbekommen."

Das Konzept, Briefe über Jahrzehnte versetzt zu überbringen, hat Madlener trotzdem überzeugt. "Die Botschaft wird wertvoller, je älter sie ist", findet der promovierte Betriebswirt. Paare könnten sich beispielsweise am Hochzeitstag schreiben, wie gern sie sich haben, und sich dann Jahre später daran zurückerinnern. "Das kann sehr berührend sein." Und die Briefe seien eine Versicherung, dass das, was man zu einem bestimmten Anlass sagen wolle, tatsächlich gesagt werde.

Liebesbriefe gegen das "verflixte siebte Jahr"

Auch das Erlanger Start-Up "DeinBriefschatz" lagert bereits seit 2012 Liebesbriefe ein und stellt sie zum Wunschtermin zu. Allerdings habe man auch schon Trennungen erlebt und daher auf Wunsch der Paare Briefe geschreddert, verrät Jungunternehmer Nader El Ali. Aktuell bietet "DeinBriefschatz" Fragebögen mit witzigen und herzlichen Fragen über die Vergangenheit und Zukunft des Paares an, die beide Partner getrennt ausfüllen sollen. Nach sieben Jahren erhalten sie die Antworten des anderen dann in ihren Briefkasten.

In seinem Online-Shop bietet Madlener zahlreiche Varianten der Zeitkapselbriefe an, unter anderem das "Liebesbrief-Paket": Für 49 bis 79 Euro erhalten Liebespaare eine schwarze Geschenkbox mit zwei weißen Kuverts, Briefpapier und Stiften. Sie können wählen, nach wie vielen Jahren sie ihre Liebesbotschaften erhalten wollen. "Der Renner ist das Paket für sieben Jahre", sagt Madlener. Hintergrund sei das "verflixte siebte Jahr", das in einer Partnerschaft als besonders schwierig gilt.

Liebesbotschaften per Post, Telegramm, E-Mail oder WhatsApp

Seit der Gründung 2016 hat "Zeitbote" insgesamt rund 10.000 Briefe verwahrt oder bereits zugestellt. Wie viele Liebesbriefe darunter waren, weiß Madlener nicht genau. Denn den Inhalt der Briefe kennt er natürlich nicht.

Für die Gründerin des Liebesbrief-Archivs Wyss ist der Inhalt dagegen zentral. Zusammen mit zwei Kolleginnen der Universitäten in Darmstadt und Freiburg liest sie die Briefe, Postkarten, Zettelchen, Telegramme, E-Mails sowie SMS, die ihr von den Dachböden und aus den Kellern des Landes zugesendet werden. Ist es komisch, die intimen Gespräche zu verfolgen? "Ich habe mich daran gewöhnt", sagt Wyss und lacht.

 

Sie wollen dem Liebesbrief-Archiv Ihre Korrespondenzen zur Verfügug stellen?

Projekt Liebesbrief-Archiv

Die Sprachwissenschaftlerin Eva Lia Wyss ist zusammen mit ihren Kolleginnen Professorin Antje Dammel und Professorin Andrea Rapp von den Universitäten Freiburg und Darmstadt weiterhin auf Suche nach Liebesbriefen für das Archiv. Wie Sie den Forscherinnen Ihre Briefsammlungen, E-Mails oder Postings am besten zuschicken, erfahren Sie auf der Website des Projekts unter diesem Link.

 

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