9.02.2019
Fasching

Wurst statt Kamelle: Nürnberger Schembart-Läufer erhalten Tradition des ältesten Fastnachtszugs

Der älteste organisierte Fastnachtszug der Welt kommt aus Nürnberg: Bis die Schembart-Läufe 1539 verboten wurden, waren sie in der Stadt das gesellschaftliche Ereignis schlechthin. Seit 1974 wird der Schembart-Lauf wieder regelmäßig aufgeführt – inklusive ungewöhnlicher Leckereien für die Zuschauer.
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Auf diesen Tag fiebern die Schembart-Läufer seit Monaten hin: Traditionell führen sie den Nürnberger Faschingsumzug an, der sich am Sonntag vor Faschingsdienstag durch die Gassen der Stadt schlängelt. Rund 40 Mitglieder der Schembart-Gesellschaft stecken derzeit mitten in den Proben. Es ist der Endspurt für den großen Auftritt am 3. März. Mit prächtigen Kostümen in Rot und Weiß mit kleinen weißen Flammen darauf ziehen sie dann durch die Stadt.

Horst Kaufmann gibt dabei mit der Trommel den Takt an. Vier laute Schläge erklingen, dann setzt erst die Musik ein, anschließend der Tanz und dann geht das Spektakel auch schon los. "Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn man mitmacht. Für mich geht damit ein Kindheitstraum in Erfüllung. Es ist großartig", schwärmt Kaufmann, der zweite Vorsitzende des Vereins.

Die Schembart-Läufer stechen einem sofort ins Auge.

Ihr Gesicht bedeckt eine Maske, die nur kleine Schlitze hat und den Karnevalisten das Sehen erschwert. Sie tragen traditionell Glocken an den Knöcheln. Zur Sackpfeifenmusik tanzen sie im Kreis besondere Figuren, die Mühle oder Schlange heißen.

Der 65-jährige Ingenieur Kaufmann hat viele Bücher gewälzt und kann die Geschichte des Schembart-Laufs - volksetymologisch Schönbart, daher auch Schönbart-Lauf - mittlerweile auswendig. Das Faschingsbrauchtum an sich sei uralt, sagt er: "Aber der Schembart-Lauf ist der älteste Fastnachtsumzug in organisierter Form, belegt sei 1449."

Spontane, wilde Läufe vor Beginn der Fastenzeit habe es schon im 12. und 13. Jahrhundert gegeben, sagt Daniela Sandner, wissenschaftliche Leiterin des Deutschen Fastnachtsmuseums in Kitzingen. So berichte die Braunschweiger Stadtchronik bereits im Jahr 1293 von "Teufelsgestalten, die durch die Stadt liefen". Umzüge mit einem Prozessionscharakter seien aber erstmals in den illustrierten Büchern über den Schembart-Lauf beschrieben worden.

Die "Hölle" wurde durch die Straßen der Stadt gezogen.

Der Erzählung nach wurden die Nürnberger Metzger nach einem Handwerkeraufstand für ihre Treue zum Nürnberger Rat mit dem Privileg belohnt, an Fastnacht einen Tanz abhalten und Gesichtsmasken tragen zu dürfen. Dieser Tanz war eine Aufführung, bei der die tanzenden Männer eine verschlungene Kette bildeten. Als Bindeglied von Mann zu Mann wurden Wurstringe benutzt. Doch die patrizische Jugend aus Nürnberg habe die Aufführungen neidvoll betrachtet, sagt Kaufmann. Sie erkaufte sich das Recht zur Teilnahme und nutzte so die Möglichkeit zur fantasievollen Selbstdarstellung. Ab 1475 zogen die Schembart-Läufer auch eine "Hölle" durch die Nürnberger Gassen, ein Gefährt auf Schlittenkufen, mit dessen Symbolik sie die gesellschaftlichen Zustände verspotteten - wie es die heutigen Karnevalswagen tun.

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1539 kam es zum Eklat, weil die Läufer den protestantischen Prediger Osiander übelst verspotteten. Daraufhin verbot der Nürnberger Rat den Schembart-Lauf. "Somit hatte der Spuk ein Ende", sagt Kaufmann. Dadurch, dass Nürnberg sehr früh protestantisch geworden sei, sei nach 90 Jahren auch der Fasching zum Erliegen gekommen: "Und so haben wir zwar den ältesten Fastnachtszug, aber keine durchgängige Tradition."

Rund 40 Mitglieder zählt der heutige Schembart-Verein, der 1974 gegründet wurde und die Tradition wiederbelebt. Die Historie spielt eine große Rolle: "Wer nicht weiß, was sich damals abgespielt hat, kann auch nicht verstehen, was wir heute machen", sagt Kaufmann. Sein ganzer Stolz ist ein Basilisk, ein Fabeltier, das eine Mischung aus einem Huhn, einem Drachen und einer Schlange darstellt. "Das Publikum sollte jedoch tunlichst vermeiden, ihm in die Augen zu sehen. Sein Blick versteinert", erzählt Kaufmann und lacht.

Ein Job für jedermann sei der Schembart-Lauf nicht.

Widerstandsfähig müsse ein Läufer schon sein, schließlich sehe er unter der Maske nichts und auch die Luft darunter sei dünn. Indes: "Es macht Riesenspaß. Und wenn man so viel Schweiß in die Vorbereitungen steckt, ist man natürlich stolz auf seine Leistung und will sich auch präsentieren."

Seit 23 Jahren hat sich auch Agnes Graf-Then, die erste Vorsitzende des Vereins, dem Schembartlauf verschrieben. "Ich bin aus purem Heimweh zu der Gesellschaft gekommen", erinnert sich die Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin. "Ich komme aus dem Badischen, dort haben wir ein tolles Brauchtum, das Aufwachen in Nürnberg ist hart gewesen." Sie hat die Tanzleitung bei der Schembart-Gesellschaft übernommen. Wobei der Schembart-Lauf nur einen Teil des jährlichen Programmes mit Musik und Tanz der Renaissance-Zeit ausmacht: Hinzu kommen das Winteraustreiben, sommerliche Hofkonzerte und Veranstaltungen auf der Burg.

Highlight aber bleibt der Fastnachtsumzug, bei dem es traditionell zugeht wie vor fast 600 Jahren: Wenn sich in wenigen Wochen der Umzug wieder in Bewegung setzt, werden die Schembart-Läufer von der Metzgerinnung begleitet. Und die Metzger, erzählt Kaufmann, sorgen dafür, dass es nicht nur Bonbons regnet: Sie werfen Würste ins Volk.

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