31.03.2017
Passionszeit

Schauspieler Ben Becker spielt "Judas"

Der Schauspieler und Sänger Ben Becker spielt das Ein-Mann-Stück "Ich, Judas". Warum er etliche biblische Geschichten auch heutzutage noch für hochaktuell hält, erzählt er im Interview.
Ben Becker in dem Ein-Mann-Stück »Ich, Judas«.
Ben Becker in dem Ein-Mann-Stück »Ich, Judas«.

Herr Becker, Was war für Sie das Argument zu sagen: Ja, die Rolle des Judas übernehme ich?

Ben Becker: Das war die Textvorlage von dem großen Rhetoriker Walter Jens, die mich einfach emotional mitgerissen hat.


Ist das schwierig, in diese Rolle zu schlüpfen?

Ben Becker: Man schlüpft nicht in eine Rolle, man erarbeitet sich eine Rolle.


War es denn schwierig, die zu erarbeiten?

Ben Becker: Ja. Ja, natürlich, das ist eine sehr ernsthafte Auseinandersetzung, die da stattfindet, und erfordert viele Gespräche, viel Arbeit, genaues Lesen.


Hat sich durch die Rolle des Judas Ihr Bild von der Bibel verändert?

Ben Becker: Das wäre ja traurig, wenn sich aus der Auseinandersetzung mit Judas nichts verändert hätte. Aber die Bibel ist umfangreicher als die Geschichte von Judas. Ich habe viel gelernt und durchaus auch eine neue Sicht auf die Bibel bekommen.


Was bedeutet aus Ihrer Sicht der Glaube in der heutigen Zeit?

Ben Becker: Rettung in der Not, ein Festhalten an etwas, um nicht vollkommen zu kapitulieren. Ob ich das für richtig halte oder wie weit ich das für realitätsfremd halte oder wie weit weg das ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber auf jeden Fall hat der Glaube seine Berechtigung, egal welcher Art. Glaube ist immer ein ganz wichtiger Bestandteil des Menschseins überhaupt.

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Die Geschichte von Judas konfrontiert mit der Frage der Schuld und der Verantwortung. Mit welchem Gefühl möchten Sie Ihre Besucher aus Ihrer Lesung entlassen?

Ben Becker: Ich kann keine aktuellen politischen Probleme lösen. Ich kann ja nicht rüberfahren und den Trump absetzen. Ich kann auch einen Interessenskonflikt, der in Syrien stattfindet, nicht mit einem Theaterstück lösen. Ich kann nur Fragen stellen und versuchen, etwas anderes zu machen als das, was uns auf der dusseligen Fernsehmattscheibe präsentiert wird. Ich kann mich ja nur mit einer größeren Ernsthaftigkeit mit den Problemen auseinandersetzen und Fragen stellen: Wie kommen wir zusammen? Kommen wir überhaupt zusammen oder müssen wir wirklich bald auf den Mars, weil wir diesen wunderschönen Planeten dann doch kaputt kriegen? Ich weiß es nicht, ich kann Ihnen das nicht beantworten. Von daher bin ich auch kein Priester geworden, der sagt: Die Antwort steckt in Gott.


Sie sprechen eher wie ein Politiker. Sind Sie als Schauspieler Politiker?

Ben Becker: Nein, bin ich nicht, bin ich nicht. Ein Politiker würde Ihnen wahrscheinlich eine Antwort geben, und das tue ich nicht. Ich stelle Fragen, ich bin Künstler.


Als Künstler, haben Sie da auch noch einen Wunsch oder einen Traum, den Sie sich gerne erfüllen möchten?

Ben Becker: Ja, ich möchte noch viele schöne Abende bestreiten und den Leuten ganz viele Geschichten erzählen – als Künstler –, das ist mein Traum. Und ich habe noch viel zu erzählen. Aber momentan beschäftige ich mich mit großer Ernsthaftigkeit mit Judas. Mir bereitet das große, große Freude, auch dass ich damit einen solchen Zuspruch finde. Die Kirchen, in denen ich auftrete, sind Orte, wo man Fragen stellen darf, die offen sind für Gespräche, für Geschichten. Das macht mich glücklich. Ich finde es toll, dass der Berliner Dom zehn Mal rappelvoll ist, oder der Hamburger Michel, dass ich es schaffe, mit dieser Auseinandersetzung Kirchen zu füllen. Außer in München, da lassen sie mich nicht in die Kirche.

Die evangelische Kirche feiert in diesem Jahr 500 Jahre Reformation. Gibt es bei Ihnen einen solchen Luthermoment, wo Sie sagen: Hier stehe ich?

Ben Becker: Ich habe den Luther mal in einer Doku für arte gespielt – also anspruchsvolles Fernsehen – und habe mich deswegen auch immer mal wieder mit Luther auseinandergesetzt. Man feiert ihn unheimlich, aber wenn man etwas an der Fassade kratzt, ist auch Herr Luther eine sehr umstrittene Figur, der übrigens auch bei Walter Jens ganz gut was wegkriegt. Der Luther kommt nicht ganz ungeschoren davon bei diesem Abend.

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Jetzt sagen Sie mal, was kriegt er denn ab?

Ben Becker: Ja, da müssen Sie sich den Abend ankucken.


Ich berichte vorher, damit die Leute möglichst hingehen.

Ben Becker: Ja, die Art und Weise der Verurteilung des Judentums, die bei Herrn Luther auch stattgefunden hat, die wird natürlich schwerst infrage gestellt. Also Schuld ist der Jude, das ist auch Luther. Das wird infrage gestellt. Ich meine, ohne Luther keine Bauernkriege, so muss man es ja auch mal sehen. Diese Fragen hat sich Luther ja auch selber gestellt. Insofern glaube ich, hätte er da gar nichts dagegen, wenn man ihn angreift oder ihn infrage stellt. Luther war ein oft zerrissener Mensch, der hätte sich dieser Diskussion gestellt.


Judas ist eine negativ besetzte Figur. Sind Sie noch nie gefragt worden, warum Sie ausgerechnet eine solche Figur spielen?

Ben Becker: Nein, und ehrlich gesagt fände ich das auch vermessen. Also das wäre ja schon radikal, das wäre schon dem IS nahe, wenn man mir das verbieten möchte, diese Auseinandersetzung. Also dann muss man eine Macke haben. Da hört für mich auch der Glaube auf. Also wenn jemand sowas von weltfremd ist, da ist dann bei mir Schicht im Schacht. Also wenn wir uns nicht mehr unterhalten können, dann macht es doch keinen Spaß mehr.


Mit welcher Erkenntnis oder mit welchem Gefühl sollen die Besucher Ihre Judas-Vorstellung verlassen?

Ben Becker: Mir reicht es, wenn eine Beschäftigung stattfindet und ein ernsthaftes Nachdenken. Sprich: nicht Fernseher an, Fernseher aus und vergessen. Sondern, wenn die Leute nach Hause gehen und sich eventuell zwei Tage später noch damit beschäftigen, sich darüber unterhalten und sich auf irgendeine Art und Weise mit der Figur des Judas auseinandersetzen. Dann bin ich als Schauspieler und als Theatermacher glücklich. Mehr kann ich nicht erreichen.

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