Die Philosophin und Theologin Anna Puzio von der Universität Bern forscht interdisziplinär zu aktuellen Themen der Ethik und Anthropologie. Im Podcast Ethik Digital spricht sie mit Rieke Harmsen über die Verbindung von Technologie, Menschenbild und Ethik. Sie erklärt, was Transhumanismus bedeutet und wie sie dazu steht, dass Menschen die Unsterblichkeit erlangen wollen.
Anna Puzio, was versteht man unter Transhumanismus?
Anna Puzio: Der Transhumanismus ist eine philosophisch-technologische Bewegung, eine sehr junge Bewegung des späten 20. und 21. Jahrhunderts, die den Menschen durch neue Technologien grundlegend transformieren möchte, bis hin zu Überwindungsfantasien, also bis hin zum Ersetzen durch die Maschine. Es geht beispielsweise darum, dass jede Krankheit und jedes Leid überwunden werden sollen.
Transhumanist:innen wünschen sich eine extreme Langlebigkeit, nicht nur 100 Jahre alt werden, sondern Hunderte von Jahren. Das Ziel ist die Unsterblichkeit.
Mit dem Transhumanismus ist auch die spekulative Vision des "Mind Uploading" verbunden, das ist die Idee, dass das Gehirn und damit der ganze Mensch auf eine Festplatte hochgeladen werden können und auf dieser Festplatte existieren. Was bereits realisiert wird ist die Kryonik – das Einfrieren des Körpers, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder auferweckt werden zu können, wobei dies zu großen Schäden im Körper führt und das Weiterleben heute so nicht funktioniert.
Was interessiert Sie als Theologin und Philosophin an diesem Thema?
Anna Puzio: Ich habe mich in meinem Buch damals intensiv mit dem Menschenverständnis des Transhumanismus auseinandergesetzt. Ich habe nicht nur geschaut, wohin der Transhumanismus eigentlich möchte, also wie sich der Transhumanismus eigentlich den Menschen der Zukunft vorstellt, sondern auch welches Menschenverständnis dem zugrunde liegt. Außerdem ging es auch aus ethischer Perspektive darum zu schauen, welche normative Grundlagen in den transhumanistischen Argumentationen und Visionen stecken.
In den letzten Monaten haben diese Themen durch Big Tech, Elon Musk, Peter Thiel natürlich eine ganz neue Bedeutung gewonnen, weil wir nun den Aufstieg von Technikideologien sehen, die auch von transhumanistischem Gedankengut beeinflusst sind.
Elon Musk will mit "Neuralink" KI und Gehirn verbinden, er will mit der Künstlichen Intelligenz verschmelzen. Ist das für Sie eine schöne Vorstellung?
Anna Puzio: Ich würde Elon Musk nicht als Transhumanisten bezeichnen, weil ich darunter mehr die Bewegung, wie sie organisiert ist, mit Institutionen und Vertreter:innen verstehe. Aber es ist wichtig, sich anzuschauen, was beide unter "Verbesserung" verstehen. Hier gibt es viele Überschneidungen. Verbesserung klingt ja erst einmal vielversprechend und etwas, was man nicht so schnell ablehnt. Aber was würde denn das bedeuten? Ist das, was Transhumanist:innen oder Musk unter Verbesserung verstehen, wirklich auch das, was wir für eine gute Verbesserung halten? Viele Menschen sicher nicht.
Außerdem begegnen bei diesen Verbesserungen viele Widersprüche. Zum einen ist für die "Tech Bros" der Körper immens wichtig. Einerseits wollen diese Techleute sich auf eine Festplatte hochladen und ihren Körper durch Technik ersetzen. Andererseits spielen aber gerade Körperoptimierung und Körpererfahrung eine große Rolle. Beim Transhumanismus gibt es absurde sexuelle Fantasien, ekstatische Gefühle und Körpererfahrung soll unendlich gesteigert werden. Hier widersprechen sie sich also auch.
Was macht denn den Menschen aus?
Anna Puzio: Eine Definition verweigere ich, denn das würde den Menschen festlegen. Wenn man sich mit dem Thema intensiver beschäftigt, dann merkt man, dass alle Merkmale, Charakteristika, die den Menschen auszeichnen könnten, niemals für alle Menschen gelten. Wenn wir mit zwei Händen, zwei Beinen anfangen, diskriminieren wir den Menschen schon. Was ist denn charakteristisch für die Menschen? – Da treffen wir schon eine normative Entscheidung. Selbst wenn wir nur sagen, jeder Mensch stirbt und jeder Mensch hat einen Körper, selbst dann bekommen wir es nicht hin, weil dann würden wir uns von anderen Lebewesen wie Tieren nicht unterscheiden. Dann haben wir immer noch kein Charakteristikum gefunden.
Ebendies kritisiere ich am Transhumanismus ebenso wie an den Gegner:innen des Transhumanismus: Beide Seiten gehen von einer Essenz des Menschen aus. Sie nehmen eine "Natur des Menschen" an, also etwas, was entweder transformiert werden soll (Transhumanist:innen) oder unbedingt bewahrenswert ist und durch Technik nicht angetastet werden darf (Gegner:innen des Transhumanismus). Und das ist immer eine enorme Verengung des Menschen und steht einem verantwortungsvollen Verhältnis zur Technik im Weg. Deswegen ist es mir immer sehr wichtig, diese Definition dynamisch zu halten und offen zu lassen.
Wir brauchen also ein offeneres Menschenbild?
Anna Puzio: Ja. Die postkoloniale Kritik von Sylvia Wynter etwa zeigt, dass die Menschen z. B. in Westeuropa und den USA sehr stark von einer bestimmten Vorstellung des Menschen geprägt ist. In Afrika oder Japan gibt es hingegen viele relationale Weltvorstellungen, die nicht auf diesem kantianisch-autonomen, individualistischen Menschenbild basieren. Unser Menschenbild wird also immer durch eine bestimmte Perspektive geprägt.
Und wie beschreiben Sie dann das Verhältnis zwischen Gott und der Technologie?
Anna Puzio: Aus christlich-ethischer Perspektive würde ich stützen, dass wir ein dynamisches Menschenverständnis brauchen. Da ist auch in der Theologie schon viel passiert, dort gibt es Ansätze, Identität als fragil, fluide zu verstehen. Henning Luther oder Vera Pirker haben Ansätze entwickelt, wie sich Identitäten dynamisch denken lassen.
Ich halte es für genuin-christlich, den Menschen nicht festzulegen. Also auch einen Gott zu haben, der die Veränderung des Menschen bejaht und dafür offen ist. Und gleichzeitig jemand, der für die Diversität der Menschen offen ist und nicht ausgrenzt.
Verändern sich mit der Technologie auch unsere Vorstellungen von Seele, Tod und Erlösung?
Anna Puzio: Ja, Menschenbilder und Menschenverständnisse verändern sich in Interaktion mit Technologien. Die Erfindungen unserer Zeit haben immer stark geprägt, wie wir den Menschen verstehen. So wirken sich heute Roboter und Large Language Models darauf aus, wie wir uns verstehen.
Viele Menschen haben auch Angst vor den Folgen von Künstlicher Intelligenz, gerade Kinofilme zeigen eher Dystopien. Was antworten Sie denen?
Anna Puzio: Der Transhumanismus ist eine sehr polarisierende Bewegung. Einerseits gibt es diese radikale Technikeuphorie, andererseits schüren sie Technikangst. Hinzu kommt die politische Dimension: Mit der zweiten Regierungszeit von Trump erleben wir gerade eine starke Verschmelzung von Big Tech und Politik, das birgt ein großes Gefahrenpotenzial.
Was wird noch aus dieser Verbindung von Technik, Mensch und Biologie?
Anna Puzio: Ja, da gibt es natürlich verschiedene Ebenen. Es gibt derzeit eine paradoxe Simultanität: Je mehr Künstlichkeit und Technik wir erleben, desto mehr suchen wir nach Natur und Natürlichkeit. Wir wollen Naturprodukte, Bio-Lebensmittel, wir wollen raus in die Natur. Wir sehen eine starke Natursehnsucht.
Die Forschung zeigt, dass Natur offenbar eine viel größere Bedeutung für uns hat, als wir es angenommen haben. Sie wirkt sich auf kognitive und neurologische Prozesse aus. Ein Spaziergang im Wald kann uns wirklich glücklich machen. Und das stundenlange Arbeiten am Computer kann sich schlecht auf unser Wohlbefinden auswirken. Wir müssen also evaluieren, was wir eigentlich wollen – und wie wir leben wollen.
Und woher kommt dann diese Sehnsucht nach Unsterblichkeit?
Anna Puzio: Damit verbunden ist ein starkes Kontrollbedürfnis. Die Kontrolle über unseren Körper können wir uns immer noch nicht ganz kaufen. Selbst die Tech-Elite kann sich nicht unsterblich machen mit ihrem Geld – die Menschen sterben, sie altern. Es ist daher auch eine Angst vor dem Tod, die da mitschwingt.
Der Text ist eine redigierte und stark gekürzte Fassung des Podcasts.
Anna Puzio
Wie verändern sich Mensch und Körper durch Technik? Und welches Menschenverständnis vertritt der Transhumanismus? Anna Puzio befasst sich in der ersten philosophischen Studie zur Anthropologie des Transhumanismus mit führenden Personen des Feldes, u. a. mit Nick Bostrom, David Pearce und Natasha Vita-More. Neben Körperoptimierung und Medizintechnologien beleuchtet sie auch Alltagstechnologien wie Wearables. Dabei entwickelt sie einen neuen Ansatz zur Technikanthropologie und ein neues inklusives Menschen- und Körperverständnis im Anschluss an Donna Haraway und den Kritischen Posthumanismus im amerikanischen Raum.
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