Gegen den Inhalt ihrer Petition für ein Ende der Gewalt in Israel und Palästina ist nicht viel einzuwenden. Anständig ist, das muss man bei diesem Thema betonen, dass die Autoren auf toxisch-falsche Begriffe wie "Genozid" oder "Apartheid" bewusst verzichten.
"Wir können nicht länger wegsehen und schweigen angesichts des unvorstellbaren Leids der palästinensischen Zivilbevölkerung", heißt es in dem offenen Brief zum Gazakrieg.
Bilder, die der Kontrolle der Hamas unterliegen
Die Rede vom "Wegsehen" (oder viel mehr Hinsehen) führt mitten hinein in die Frage der Bilder und ihrer Macht. Keiner der Initiatoren der Petition war wohl in letzter Zeit im Gazastreifen. Was uns und die Welt von dort erreicht, sind in der Regel sorgsam kuratierte Bilder – die der Kontrolle der Hamas unterliegen.
Wie entstehen Fotos, wie jene mit den hungernden Kindern und ihren leeren Blechschüsseln (siehe oben)?
Bilder "entstehen" nicht einfach, sie werden gemacht. Und die Theologen-Petition entstand Ende Juli, in einer Zeit, in der die Wahrnehmung des Gazakriegs in der westlichen Welt stark kippte. Es war die Zeit, in der "Qualitätsmedien" wie Stern, New York Times, Zeit oder Guardian das Foto eines ausgemergelten Kinds auf ihre Titelseiten hoben. Drei Milliarden Menschen sollen dieses Bild weltweit gesehen haben.
"So sieht Hunger aus"?
Der Rücken des kleinen Jungen aus Gaza ist so abgemagert, dass man Rückgrat und Rippen sieht, seine Arme sehen aus wie zerbrechliche Zweige. Das von der türkischen Agentur Anadolu verbreitete Bild ist eigentlich ein Farbfoto. Für den dramatischen Effekt verwandelte es die Zeit in Schwarz-Weiß und titelte "So sieht Hunger aus".
Inzwischen wird dieses Bild sehr kritisch diskutiert. Nirgends in den veröffentlichenden Medien erwähnt und erst von einem Blogger aufgedeckt wurde: Der kleine Junge, er heißt Mohammed Zakaria al-Mutawaq, hat mehrere Vorerkrankungen, die seine Muskelentwicklung stark beeinträchtigen, darunter zerebrale Kinderlähmung. Sein Zustand ist furchtbar, aber er ist nicht sinnbildlich.
Das Leid in Gaza ist echt, die Bilder sind trügerisch
Manche Redaktionen haben sich seither entschuldigt – allerdings weit weniger publikumswirksam. Manche verwenden das Bild trotzig weiter. Die (verzerrten) Eindrücke sind jedenfalls in der Welt, und sie dienen allein den Interessen der Hamas.
Das Leid in Gaza ist echt. Die Bilder, die uns von dort erreichen, sind trügerisch. Das so folgenreiche Foto vom angeblich verhungernden Mohammed erzählt eine Geschichte davon, wie schmal der Grat von der Wahrheit zur Lüge ist. Und die Lüge war schon immer schneller als die Wahrheit.