Studium
Seit fast einem Jahr sind Universitäten nun weitgehend geschlossen. Das hat massive Folgen für das, was man einst "Studentenleben" nannte. Und macht wütend, weil zu wenig darüber gesprochen wird. Student Paul Krauß schreibt in seinem Kommentar über die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen, die Frage der Generationengerechtigkeit und den Wunsch nach echten Perspektiven.
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Viele junge Erwachsene leben inzwischen wieder Zuhause. Zu teuer ist das Leben in der Stadt ohne den wichtigen Nebenjob. Zu einsam sind die dunklen Wochen in der neu bezogenen ersten eigenen Wohnung, als alle Kontakte wegbrechen und nur die Familie noch Halt geben kann.

Seit knapp einem Jahr ist das Studentenleben nicht mehr das, was es sein sollte.

Fleißig studieren, ja, das ist gefordert und erwünscht – nur mit dem Leben, da wird es schwer. Doch irgendwie ist das verkraftbar in diesen unfassbaren Zeiten. Wir alle müssen unseren Beitrag leisten zur Bewältigung einer historisch-schweren Aufgabe, da sind sich zum Glück viele einig, und ich pflichte bei. Und dennoch gibt es sie, die kleinen und großen Mürbemacher, die den studentischen Corona-Rucksack schwerer werden lassen in diesen Tagen – über die Maßen.

Die auf die Stimmung drücken und mich wütend machen, weil ich das Gefühl habe, übersehen zu werden im Lobby-Dschungel unserer Leistungsgesellschaft. Wenn der Wunsch nach Perspektiven untergeht im Diskurs um Wirtschaft, Handel und Gastronomie.

Frisöre first, Baumärkte second. Und wir Studenten?

Von "Generationengerechtigkeit" sprechen in diesen Tagen so manche Uni-Professoren. Sie führen bei der Debatte um passende Prüfungsformen ins Feld, alle Studenten müssten Anforderungen gerecht werden, die vergleichbar sind mit denen der vergangenen Jahre, aus Fairness. Nein, dieses große Wort dient nicht als Argument, die Leistungsnachweise in diesem Semester so zu gestalten, dass trotz Corona möglichst wenige auf der Strecke bleiben müssen.

Im Gegenteil: Die Führungsriegen einiger Fakultäten scheinen vielmehr die Gefahr zu sehen, uns Studenten würde es zu leicht gemacht. Und befürworten deshalb zum Beispiel, bei den Online-Prüfungen den Zeitdruck zu erhöhen. Zu viele reihen sich ein in den Kanon der akademischen Hardliner, die den Abgesang anstimmen auf uns als künftige "Bildungselite", sobald Althergebrachtes ausnahmsweise aufgebrochen werden soll. Der Universitätsbetrieb sei nun mal nicht die Villa Kunterbunt, wo jeder machen könne, was er will, so der Tenor.

Geschlossene Bibliotheken und schlechte Netzverbindung

Natürlich: Sie ist ein Zuckerschlecken, die digitale Klausur am heimischen Laptop, der bei schwacher Netzverbindung neben der Zoom-Schalte mit Kamera ("nur zur Aufsicht") noch die Online-Prüfungsplattform und das Word-Dokument mit den Antworten offenhalten soll. Geschenkt, diese Prüfung, die den Stoff eines Semesters abfragen wird, in dem kaum jemand seine Uni von innen gesehen hat. Und die doch mitentscheidend sein kann für den eigenen Werdegang.

Nach einem Jahr voller Bibliotheksschließungen, dem Vorlesungsstoff als Vimeo-Video ohne jede Interaktion und ohne Lerngruppen vor Ort. Übrigens: Auch sie gibt es noch, was schlicht absurd klingt im Corona-Semester 2.0: Präsenz-Prüfungen. Hunderte Studierende müssen anreisen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Eine Gefahr, trotz aller Sicherheitsmaßnahmen, für die Prüflinge und ihre Familien.

Inkonsequente Arbeitgeber

Und langfristige Perspektiven, Orientierungshilfen in der Tristesse der digitalen Sphäre, der Ödnis des heimischen Schreibtisches? Bleiben bislang schmerzlich aus. Auch in einem größeren Kontext wirkt Corona hier einmal mehr wie ein Brennglas: Was ist Deutschland wirklich wichtig? Wer vertritt wie vehement wessen Interessen? Das, was für Studierende selbstverständlich sein soll, was wir hinnehmen sollen ohne Gezeter, scheint man vielen Unternehmen kaum zumuten zu können. Dass die Mitarbeiterschaft den Dienst in den eigenen vier Wänden tut – an vielen Stellen wäre das mindestens möglich.

Doch sogar der Bundespräsident muss Mitte Januar an die Arbeitnehmer appellieren: "Gehen Sie nicht ins Büro!" Denn die Homeoffice-Quote liegt Schätzungen zufolge bei gerade einmal 25 Prozent – während Experten davon ausgehen, dass gut das doppelte machbar ist, wenn man nur wollte. Deutlich gestiegen ist die Quote seither nicht mehr. 25 Prozent, nach knapp einem Jahr, das ich, wie Hunderttausende andere, vor dem Bildschirm zuhause verbracht habe, weil es vernünftig ist und wichtig.

Nur die Hälfte dessen, was ginge, nach so vielen Monaten für uns ohne Ausgleich nach getaner Arbeit. Ohne Gesellschaft, ohne Tapetenwechsel, ohne Bahnfahrt am Morgen. Schlicht ohne das Haus zu verlassen, bis sogar Sehnsucht aufkommt nach einem unbequemen Hörsaal-Stuhl. Nach so vielen Monaten voller Verzicht, die nicht ausreichen konnten, das Virus unter Kontrolle zu bringen. Auch, weil zu viele andere im Arbeitsalltag nicht konsequent mitziehen wollten, konnten oder durften.

Homeoffice für alle oder niemanden?

Aus dieser Misere ergeben sich zwei Handlungsmöglichkeiten. Entweder fordert die Politik von der Wirtschaft, was sie Schülern und Studenten seit Monaten abverlangt. Deutschland beißt noch einmal die Zähne zusammen, aber gemeinsam, und konsequent. Und ohne die Augen zu verschließen vor den Sorgen der Steuerzahler von Morgen. Damit unsere Gesellschaft nicht auf der viel zu langen Zielgeraden der "größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg" noch auseinanderbricht zwischen Alt und Jung, Wirtschaft und Bildung, Wachstum heute und Zukunft morgen.

Das bedeutet auch, deutlicher anzuerkennen, wie wertvoll die Opfer sind, die im Kampf gegen die Pandemie von jungen Leuten erbracht wurden und werden. Im Hochschulbetrieb muss sich das deutlicher niederschlagen. Muss es mehr Rückenwind geben, mehr Freiheit, um physische und seelische Einschränkungen wenigstens ein Stück weit auszugleichen.

Von der Politik braucht es klare Perspektiven, lebhafte Debatte um langfristige Lösungswege – nicht nur für Gastronomen, Einzelhändler und Frisöre, sondern auch für Studenten.

Oder aber, das wäre Möglichkeit zwei, man lockert die Beschränkungen für die Studentenschaft drastisch. Sorgt so in die andere Richtung für Gerechtigkeit. Homeoffice – eben auch nicht für die jungen Leute.

Letzteres ist angesichts der immer noch gefährlichen Lage wohl nur theoretisch eine echte Option.

Wort halten jedoch, konsequent und gemeinsam der Pandemie zu begegnen mit vergleichbaren Maßnahmen überall dort, wo es möglich ist, für alle, die Deutschland heute und in Zukunft mitgestalten – das erscheint dringend geboten. Um die Zeit der Entbehrungen mit vereinten Kräften so kurz zu halten wie nur irgend möglich. Schüler und Studenten haben bereits viele wertvolle Monate verloren.

Ernstgemeinte Perspektiven

An die Arbeitgeberverbände und Wirtschaftsfunktionäre: Mit einem Lebensjahr voller massiver Einschnitte haben wir unseren Teil der Rechnung bezahlt. Das ist unser Beitrag zum Schutz der Gesundheit in diesem Land. Ein Opfer, das mit Geld nicht aufzuwiegen ist. An die (Hoch-)Schulpolitik: Leistungsdruck und Lernerfolg sind keine Synonyme. Und an die Entscheidungsträger dieses Landes: Hunderttausende Studenten in Deutschland verdienen ernstgemeinte Perspektiven. Aus Generationengerechtigkeit.

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