Blog #himmelwärts
Pfarrerin Sabrina Hoppe findet es schwierig, über das Thema Sexismus im Pfarrberuf zu schreiben. Die Gefahr sei groß, dass Erfahrungen in diesem Bereich umgehend kleingeredet und relativiert würden. In ihrem neuen #himmelwärts-Blogbeitrag nimmt sie sich trotzdem des traurigen, aber wichtigen Themas an.
Sabrina Hoppe über Sexismus im Pfarrberuf

"Manchmal bleibt es bei den Leuten bei mir nicht beim über den Rücken streichen. Da geht die Hand von den Frauen dann weiter runter." (Pfarrer, 36 Jahre alt)

"Überlegen Sie sich, ob sie als Pfarrerin Lippenstift und Ohrringe tragen wollen. Was Sie damit ausdrücken. (Studienleiterin, 45 Jahre, zu Pfarrerin, 31 Jahre alt)

"So jung und schön und dann Pfarrerin!" (Ein Mann Mitte 50 nach einer Trauung zu mir, 35 Jahre alt)

Es ist immer schwierig, über das Thema Sexismus im Pfarrberuf zu schreiben. Denn die Gefahr ist groß, dass jemand sagt: "Naja, das ist ja nicht so gemeint, das ist ja eigentlich ein Kompliment." Herabspielen, Beschwichtigen, Wegwischen. Oder auch: "Na, was sollen denn da Menschen in anderen Berufen sagen? Kellnerinnen zum Beispiel?" Das wiederum nennt man "Whataboutism" - wenn man sagt "Yes, but what about" - Ja, aber, was ist dann mit…

Erfahrungen mit Sexismus werden nicht ernst genommen

Auch damit nimmt man die Erfahrung, die jemand mit sexistischen Übergriffen macht, nicht ernst. Ich glaube, jede Kellnerin, die schonmal unter solchen Kommentaren leiden musste, wäre solidarisch mit Pfarrern und Pfarrerinnen, die ihr ähnliches erzählen. Und ja, auch Männer sind davon betroffen. Anders als Frauen, aber auch. Ihnen wird mit einem Taschentuch ein Krümel aus dem Gesicht gewischt beim Kirchenkaffee, Frauen aus dem Seniorenkreis sammeln für neue vernünftige Schuhe, weil der junge Pfarrer immer Sneakers trägt (wohlgemerkt ziemlich teure). Eine andere Art von Sexismus – bemutternd, bevormundend, kleinmachend.

In meinem vorigen Blogartikel habe ich darüber geschrieben, dass ich mit dem Talar auch einen Teil meiner Rolle als Pfarrerin ablege – genauso froh bin ich, mit ihm schützend angezogen zu sein. Er bedeckt alles, man hat darin keine Figur mehr, auch weniger Individualität. Trotzdem tragen ich und viele andere Kolleginnen Lippenstift, Ohrringe und lackierte Nägel. Und zwar aus demselben Grund, aus dem andere Frauen sich schminken – weil sie es so mögen. Weil sie sich wohlfühlen, wenn sie in den Spiegel schauen. Die Gedankenschleife von "Wie wirkt das auf die Menschen im Gottesdienst?" finde ich zwar angebracht – aber vor allem dann, wenn es um meine Wortwahl, meine Themen, meine Gesten geht.

Pfarrer*innen verkörpern das Heilige, das Gute

Mit derselben Haltung bewege ich mich auch sonst im Umfeld meiner Arbeit – und in meiner Freizeit. Mit dem Kassierer spreche ich über das Wetter, mit der Frau hinter mir in der Eisdielenschlange über ihren Hund – egal, was sie anhaben und ob sie Lippenstift tragen. (Na gut, beim Hund würde ich vielleicht zweimal hinschauen.) Der Unterschied zwischen solchen Alltagssituationen und meiner Wahrnehmung als Pfarrerin liegt jedoch darin, dass die Menschen im Gottesdienst, beim Kirchenkaffee usw. nicht nur mit mir, sondern auch mit meiner Rolle konfrontiert werden. Ich verkörpere mehr. Das Heilige, das Gute, eine ganze Institution.

Pfarrer*innen werden auf ihr Alter, ihr Aussehen, ihren Modegeschmack, ihren Charme oder auf ihre Attraktivität reduziert.

Diese Gleichzeitigkeit beschäftigt junge Pfarrer*innen in der Ausbildung, ist Thema wissenschaftlicher Studien und eine tägliche Herausforderung. Denn allzu oft mischt sich eben jener Sexismus in diese Wahrnehmung hinein, den ich am Anfang meines Artikels zitiert habe: Pfarrer*innen werden dann aus Überforderung mit eben dieser Gleichzeitigkeit auf ihr Alter, ihr Aussehen, ihren Modegeschmack, ihren Charme oder auf ihre Attraktivität reduziert. Und zwar sowohl von Gemeindemitgliedern als auch von Vorgesetzten - männlichen wie weiblichen.

Die üblichen Etiketten: Zickig, empfindlich, überkorrekt

Ich frage mich, wie ich damit umgehen kann - und ärgere mich im selben Moment darüber, dass ich jetzt zwar darüber nachdenke, aber nicht die Menschen, deren Kommentare ich mir anhören muss. Ich habe mich noch nie getraut, auf einen Kommentar über mein Aussehen oder meinen Charme hin zu antworten: "Das ist sicher nett gemeint, aber Ihre Wortwahl ist nicht angebracht." Ich würde mit den üblichen Etiketten beklebt werden: zickig, empfindlich, überkorrekt.

Wie gehen ältere Kolleginnen und Kollegen mit diesen Vorkommnissen um? Ist ihnen Ähnliches passiert als sie jung waren? Vielleicht. Wir sprechen wenig darüber. Die Generation, die 15 oder 20 Jahre älter ist als ich, haben – soweit ich weiß – nicht mehr mit solchen Vorfällen zu kämpfen: Meine Kolleg*innen haben sich mit ihrem Alter Respekt erarbeitet. Sie genießen ab Mitte 40 eine stille Autorität und ich behaupte: Es ist eine Besonderheit unseres Berufes, dass uns in jungen Jahren der Ruf umgibt: "Studiert, vielleicht schlagfertig, vielleicht auch attraktiv, aber keine Lebenserfahrung. Und damit auch noch nicht bereit für Verantwortung."

Sexismus in der Kirche und gegenüber Pfarrer*innen hat viel mit fehlenden Vorbildern zu tun.

Eine Führungsposition im Alter von unter 40 Jahren in der Kirche? Ich glaube, diese Menschen kann ich in Bayern an zwei Händen abzählen. Eine Ausnahme, deren Wahl mich aus genau diesem Grund tatsächlich zu Tränen gerührt hat: Anna-Nicole Heinrich, die neue Präses der EKD-Synode. Sie ist 25 Jahre alt. Sie ist schlagfertig, klug, gebildet und hat jede Menge Erfahrung in kirchlichen Strukturen. Ich war beeindruckt vom Mut der Menschen in der EKD-Synode, die sie gewählt haben – dass sie so mutig sind, Anna-Nicole Heinrichs Kompetenzen zu trauen, ohne sich zu fragen, ob sie zu jung für das Amt sei. Sie verkörpert für mich die Möglichkeit, eine verantwortungsvolle Position in der Evangelischen Kirche einzunehmen, ohne dabei auf ihr Alter und ihr Aussehen reduziert zu werden.

Sexismus in der Kirche und gegenüber Pfarrer*innen hat für mich inzwischen viel mit fehlenden Vorbildern zu tun. Wahrscheinlich eine Zeitfrage, aber auch die Frage, ob wir gemeinsam in der Kirche ein Klima schaffen können, die das erlaubt: Pfarrer*in zu sein zwischen 25 und 40, mit einem Leben, wie es Menschen mit anderen Berufen auch führen: Yogastudio, Patchworkfamilie, Lebenskrise, Elternabend, Instagram, Klimaschutz, Netflix, Sternenhimmel. Und Gottesdienst am Sonntag, Notfallseelsorge am Dienstag, Kirchenvorstand am Donnerstag. Geschminkt, im Rock, mit Sneakern. Und so wie alle anderen in unserem Alter auch wollen wir ernstgenommen werden. Auf Augenhöhe sein. Ohne übergriffige Fragen nach Kinderwunsch, Gewicht und Abiturjahrgang. Die Wahl von Anna-Nicole Heinrich ist ein gutes Zeichen. Lasst uns mehr davon setzen.

 

Berufe in Kirche & Diakonie - Themenspecial

Ob Pfarrerin oder Pfarrer, Diakonin oder Diakon, Kirchenmusikerin oder Kirchenmusiker, Pflegekraft, Erzieherin oder Erzieher, Sozialarbeiterin oder Sozialarbeiter: In Kirche und Diakonie gibt es sehr verschiedene Berufe. In unserem Themenspecial stellen wir Berufsbilder vor und berichten über aktuelle Entwicklungen.

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