10. Juni 2021
Kommentar

Warum Kardinal Marx’ Rücktrittsankündigung ein Warnschuss für den Vatikan ist

Rücktritte haben oft einen faden Beigeschmack. Wenn Konzernchefs nach kostspieligen Fehlern ihr Amt abgeben, denkt man sich oft: Zur Verantwortung gehört doch das Beheben des Schadens – und nicht die Flucht in eine sorgenlose Frührente. Warum die überraschende Rücktrittsankündigung des Münchner Kardinals Reinhard Marx von anderem Kaliber ist. Ein Kommentar von Redakteurin Susanne Schröder.
Kardinal Reinhard Marx

Hier zieht ein Mann Konsequenzen für das (Nicht-)Handeln seiner Institution, obwohl er selbst nicht direkt im Feuer von Anschuldigungen steht. Mit Blick auf den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und dessen halbherziger Aufarbeitung attestiert der Bischof von München und Freising seiner Kirche ein "systemisches Versagen".

Die katholische Kirche sei an einem "toten Punkt" angelangt, der nur durch Reformen und einen synodalen Weg zum Wendepunkt werden könne, schreibt Marx in seinem Rücktrittsgesuch an Papst Franziskus. Die Stoßrichtung solcher Sätze ist klar: Bremser wie der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, die die Reformbemühungen der deutschen Bischofskonferenz regelmäßig torpedieren, verbauen der Kirche die Zukunft.

Marx benennt Systemfehler, der die Kirche überall auf der Welt betrifft

Doch auch der Vatikan bremst die deutschen Bischöfe in ihrem Versuch, die Kirche für die Bedürfnisse der Menschen zu öffnen. Die Angst vor einem – nach Luthers Reformation – zweiten deutschen Schisma geht um. Immer wieder betont Rom, die deutschen Katholiken seien nur ein kleiner Teil der weltweiten Kirche.

Doch der Systemfehler, den Marx benennt, trifft eben nicht nur die Kirche in Deutschland. Er zieht sich wie eine Laufmasche über das globale katholische Netz. Viel zu oft entsteht in den aktuellen Debatten um sexuellen Missbrauch der Eindruck, die Fälle lägen Jahrzehnte zurück.

Tatsächlich darf man davon ausgehen, dass sexueller Missbrauch durch Priester und Ordensangehörige weiterhin stattfindet. Überall auf der Welt, wo diese Männer durch ihr Amt und ihre Institution vor Entdeckung geschützt sind. Überall, wo Kinder, Jugendliche, Untergebene noch viel weniger den Mut und die Möglichkeit finden, sich gegen ihre Peiniger zu wehren, als hierzulande.

Katholische Kirche muss verkrustete Strukturen aufbrechen

Der Vatikan muss seine kleingeistige Angst vor Macht- und Deutungsverlust endlich besiegen und die deutschen Reformbischöfe nach Kräften unterstützen. Wenn die katholische Kirche das Evangelium ernst nimmt, kann sie nicht länger durch Untätigkeit ermöglichen, dass in ihrem Namen Verbrechen an Wehrlosen verübt werden. Sexueller Missbrauch und Machtmissbrauch sind Phänomene, die es in geschlossenen Systemen besonders leicht haben. Es wird Zeit, dass die katholische Kirche alte Seilschaften kappt und ihre verkrusteten Strukturen endlich aufbricht.

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