5.04.2017
Kommentar

Den Impuls mitnehmen

Das Lutherjahr schafft Aufmerksamkeit – das sollte die Kirche nutzen. Kommentar von Andreas Jalsovec
Martin Luther als Professor - Porträt aus der Werkstatt Lucas Cranach d.Ä. 1529 (Ausschnitt)
Martin Luther als Professor: Porträt aus der Werkstatt Lucas Cranach d.Ä. 1529. Doch sah der Reformator tatsächlich so aus?

Natürlich kann man sich trefflich darüber streiten, ob das alles dem großen Jubiläum gerecht wird: 500 Jahre Reformation – und was fällt uns dazu ein? Lutherbier, Lutherkaffee, Lutherspeisen und Lutherspielzeug. Braucht man das alles wirklich?

Nein, braucht man nicht. Aber es schadet auch nicht. Denn all diese Luther-»Devotionalien« – wie sie der bayerische Koordinator für das Reformationsjubiläum jüngst genannt hat – sind doch vor allem eins: sehr beliebt. Und das wiederum zeigt: Das Interesse an Luther und der Reformation war selten so groß wie derzeit.

Das merken nicht nur die Tourismusbüros der Lutherstädte in Bayern. Aber die ganz besonders: Einen regelrechten Reiseboom in Sachen Reformation registriere man derzeit, heißt es etwa in Augsburg. Zwischenzeitlich gingen den Verantwortlichen dort wegen der hohen Nachfrage sogar die Begleiter für die Luther-Stadtführungen aus. Kurzerhand wurden neue ausgebildet.

Auch andere bayerische Kommunen, in denen die Reformation eine Rolle gespielt hat, tun einiges dafür, um das Jubiläum ins rechte Licht zu rücken. Und sie geben dafür Geld aus: Es gibt Themenführungen, Broschüren, Ausstellungen.

Die Deutsche Zentrale für Tourismus hat eigens eine Kampagne für das Lutherjahr aufgelegt. Und so wie es aussieht, scheint das zu fruchten. Man kann daher davon ausgehen, dass das Reformationsjahr dem deutschen Tourismus am Ende einen kleinen Boom bescheren wird.

Eine Riesenchance für die Kirche

Für die Kirche ist das eine Riesenchance. Wann bekommt man schon einmal so viel Schützenhilfe von Kommunen und Tourismusämtern, um den Menschen evangelische Geschichte nahezubringen? Aufgabe der Kirchengemeinden ist es nun jedoch, die Aufmerksamkeit, die dadurch entsteht, auf die evangelische Gegenwart zu lenken – und sie über das Jubiläum hinaus zu erhalten.

Der Einfallsreichtum, mit dem viele Pfarrerinnen und Pfarrer, Kirchenvorstände und Gemeindemitglieder an das Reformationsjahr herangehen, ist bemerkenswert. In den Veranstaltungskalendern der Dekanate zum Reformationsjahr wimmelt es nur so von Vorträgen, Ausstellungen, Konzerten und Aktionen, die oft erfrischend anders, vielfach auch kritisch an den eigenen Glauben herangehen.

Es wäre fatal, wenn diese Lebendigkeit nach dem Lutherjahr wieder einschlafen würde. Gerade in einer Zeit, in der sich Kirche oft nur schwer Gehör verschaffen kann, sollten die Gemeinden den Impuls, den das Reformationsjubiläum liefert, mitnehmen in die kommenden Jahre.

Und wenn ihnen dabei der Spielzeug-Luther helfen kann – warum nicht?

 

Was denken Sie? Schreiben Sie an Sonntagsblatt-Redakteur Andreas Jalsovec: ajalsovec@epv.de

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