22.01.2018
Abschiebung

Der 20-Jährige Reza H. könnte am Dienstagabend in einer ihm fremden Stadt stehen und nicht mehr weiterwissen. Das fürchten seine Unterstützer in Niederbayern, die überhaupt nicht verstehen können, warum gerade dieser junge Mann mit einem Abschiebeflug nach Afghanistan gebracht werden soll.
Atlas Afghanistan

Reza H. soll nach Afghanistan - in ein Land, das er kaum kennt. Nach Angaben seiner Regensburger Anwältin Maral Noruzi sitzt er in Eichstätt in Haft, damit er sich nicht der Abschiebung entziehen kann.

Inge Ehemann, Diakonin im Ruhestand, die sich in Abensberg um H. gekümmert und ihn im Deutschkurs unterrichtet hat, ist tief erschüttert. Im Sommer hat sie noch versucht, für H. einen Schwerbehindertenstatus zu erreichen. Aber die Ärzte, die sie aufsuchte, wollten ihr nicht helfen, sagt sie.

Reza ist als Zehnjähriger nach einer Bombenexplosion in Afghanistan auf einem Auge erblindet. Er habe eine schwere Angststörung, sagen seine Unterstützer, er fürchtet sich vor Helligkeit. Die Familie von H. war nach dem Attentat mit ihm in den Iran geflüchtet.

In Afghanistan habe er keine sozialen Kontakte, kein Familienmitglied lebe dort mehr. Reza spreche besser Farsi als die afghanische Sprache, sagt Anwältin Noruzi.

Anfang Januar 2018 musste der Flüchtling, der seit 2015 in Deutschland ist, auch noch erleben, wie sich sein bester Kumpel in der Gemeinschaftsunterkunft in Abensberg das Leben nahm, berichtet Diakonin Ehemann. Der Flüchtling sprang aus Angst vor seiner Abschiebung aus einem Fenster der Unterkunft im zweiten Stock und starb.

»Alle sagen, dass Reza unter die Räder kommen wird«, sagt Ehemann. Denn Reza habe keine sehr hohe Auffassungsgabe. Eine Arbeit könnte er nicht aufnehmen. Dass er die Behörden bei seinen Papieren getäuscht haben könnte, traut ihm keiner zu. Eher sei der junge Mann bei seiner Anhörung naiv ehrlich gewesen. Seine Anwältin schildert ihn als »verwirrt«.

Das passt nicht zusammen mit der Ankündigung der Behörden, nur »Straftäter, Gefährder und hartnäckige Identitätstäuscher« würden abgeschoben.

Reza H. hat laut der Anwältin überhaupt keine Papiere und damit auch keine Möglichkeit, an eine sogenannte Tazkira zu kommen, mit der er einen afghanischen Pass erhalten könnte. Um sie zu erlangen, bräuchte er eine Vertrauensperson oder Verwandte in Kabul, die bei den Behörden die Tazkira beglaubigen lassen. Es sei bereits für afghanische Flüchtlinge, die eine Bleibeberechtigung haben, schwierig an afghanische Papiere zu kommen.

Reza H. abzuschieben sei auch deshalb grotesk, weil er vor seiner Verhaftung Familienanschluss in Bayern hatte, stellt Ehemann fest. Er lebte bei seiner älteren Schwester und deren Mann, die mit ihren vier Kindern, ebenfalls in Abensberg wohnen. Die Anwältin bereitete am Sonntag eine Verfassungsbeschwerde mit einem entsprechenden Eilantrag vor.

 

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