10.01.2019
Kultur

Der japanische Literatur-Exportweltmeister Haruki Murakami wird 70

Haruki Murakami fasziniert seine weltweite Lesergemeinde mit fließenden Übergängen zwischen dem Alltäglichen und Surrealen. Von sich selbst zeichnet er das Bild eines Eigenbrötlers – den ein Erweckungserlebnis während eines Baseballspiels zur Schriftstellerei brachte.
Haruki Murakami
Haruki Murakami.

In fast jedem Murakami-Buch dringt irgendwann das Übernatürliche in die Realität des Alltags ein. Die Protagonisten überschreiten – wie beiläufig – Grenzen des Rationalen. "An einem gewissen Punkt einer zeitlichen Schiene wurde eine Weiche umgestellt", beschreibt es der Sektenführer Tamotsu Fukada in Murakamis Monumentalroman "1Q84". Murakamis Entwürfe paralleler Wirklichkeiten, mit unverschnörkelten Sätzen herausgearbeitet, haben ihn zum literarischen Superstar gemacht. Am 12. Januar wird er 70 Jahre alt.

"Wilde Schafsjagd", "Mister Aufziehvogel", "Kafka am Strand" – die Romane Murakamis, geboren 1949 in Kyoto, sind inzwischen Klassiker der gehobenen Unterhaltungsliteratur. Allein die deutsche Gesamtauflage beträgt mehr als sechs Millionen Bücher. In Europa und den USA ist wohl kein japanischer Autor bekannter als er. Das könnte auch daran liegen, dass er keine typisch japanischen Texte verfasst. Murakami ist stark von der US-Literatur beeinflusst. Seine meist recht überraschende Szenengestaltung und seine unterhaltsamen Plots kommen bei westlichen Lesern gut an.

Die Idee Romane zu schreiben kam ihm bei einem Baseballspiel

Murakami, studierter Theaterwissenschaftler, gibt selten Interviews, arbeitet zurückgezogen und nach eigener Darstellung äußerst diszipliniert, geht fast täglich laufen. In dem Band "Von Beruf Schriftsteller" zeichnet er von sich selbst das Bild eines unkonventionellen Individualisten, der als junger Mann etwas planlos eine Jazz-Kneipe betrieb – bis ihm eines Tages die Idee kam, einen Roman zu schreiben.

Den Entschluss beschreibt er als Erweckungserlebnis, als "Epiphanie" (Erscheinung) während eines Baseballspiels, das er 1978 als Zuschauer im Stadion verfolgte. Im Moment eines "schönen Two-Base-Hits" des Schlagmanns Dave Hilton sei ihm wie eine Offenbarung der Gedanke gekommen: "Das ist es, ich werde einen Roman schreiben." Diese Anekdote erzählt er immer wieder, sie ist zur biografischen Legende geworden.

Am Küchentisch verfasst er "Wenn der Wind singt", sein erstes Werk. Es enthält bereits Strukturen und Motive, die in späteren Büchern immer wieder auftauchen. Murakamis Protagonisten sind häufig Männer in ihren 20ern oder 30ern, die ihren Weg noch nicht gefunden haben und sich in einer Phase der Nachreifung befinden.

"Ganzwerdung des Individuums"

"Sie stoßen häufig oft auf Brunnen und Höhlen, die in Unterwelten führen, die sich leicht als Metaphern des Unterbewussten deuten lassen, als Orte abgespaltener Traumata", erklärt die Frankfurter Japanologin Lisette Gebhardt. Es gehe in Murakamis Büchern meist um eine "Ganzwerdung des Individuums", wie sie der Psychoanalytiker C. G. Jung beschrieben habe.

Murakami ist auch ein Nostalgiker, der zum Beispiel die Epoche der Studentenunruhen idealisiert. "Obwohl seine Texte nicht in diesen Zeiten spielen, gibt es viele Verweise auf den Kampf gegen das Establishment und die alten Machtstrukturen", sagt Gebhardt. Auch seine Protagonisten, die in den Tag hineinlebten und auf alle Fälle keine Lohnsklaven sein wollten, verkörperten dies.

Die Expertin für japanische Literatur sieht darin einen Grund für die Beliebtheit Murakamis: "Heute ist der Zeitgeist ja eher bedrückend, nachdem sich die neoliberale Globalisierung größtenteils durchgesetzt hat – darum liest man Murakami mit Vergnügen und kann sich im Hinblick auf seine nonkonformistischen Protagonisten sagen: Ja, so ein Menschsein hat es auch mal gegeben."

Literarischer Global Player

Der Erfolg Murakamis habe aber auch mit einer geschickten Verlagspolitik im Westen zu tun: Der Eintritt Murakamis in den englischsprachigen Markt sei von amerikanischen Literaturwissenschaftlern und Übersetzern gefördert worden. "Sie haben erkannt, dass er sich gut als literarischer Global Player vermarkten lässt."

In Deutschland wurde der Murakami-Boom durch die Besprechung des Romans "Gefährliche Geliebte" in der Fernsehsendung "Das literarische Quartett" ausgelöst – dabei kam es im Jahr 2000 zum Zerwürfnis zwischen Marcel-Reich Ranicki und Sigrid Löffler. Löffler kritisierte allzu plumpe Sex-Darstellungen in dem Roman, geißelte "Männerfantasien" und "literarisches Fast Food". Reich-Ranicki hielt dagegen: "Jedes hoch erotische Buch wird von Ihnen total abgelehnt. Sie können die Liebe im Roman nicht ertragen."

Nobelpreis-Dauerfavorit

Die damals besprochene Fassung der "Gefährlichen Geliebten" war eine Übertragung der amerikanisch-englischen Übersetzung ins Deutsche. Die gesamte Atmosphäre des Romans sei in der amerikanischen Version missinterpretiert, sagte Ursula Gräfe, die etliche Murakami-Romane direkt aus dem Japanischen übertrug, später der taz. Gräfe legte 2013 eine deutsche Neuübertragung mit dem Titel "Südlich der Grenze, westlich der Sonne" vor.

Murakami gilt als ewiger Favorit für den Literaturnobelpreis. Jahr für Jahr räumen die Buchmacher ihm hohe Chancen ein – bislang lagen sie jedes Mal daneben. Vielleicht spielt der japanische Erfolgsschriftsteller deshalb gern die Bedeutung von Literaturpreisen herunter und zitiert in "Von Beruf Schriftsteller" den ebenfalls von der Nobeljury ignorierten Raymond Chandler mit den Worten: "Sie geben den Nobelpreis zu vielen zweitklassigen Autoren, als dass ich mir daraus etwas machen würde."

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