Ein alter, abgenutzer Koffer der Großmutter, mehr ist ihm nicht geblieben: Ernst stöberte schon als kleines Kind gern darin. In der notdürftigen Unterkunft der Familie in Nürnberg kurz nach Kriegsende stand der Koffer in einem Eck, beinahe unbeachtet. "Ich sollte ihn nicht gleich finden, genauso wenig wie den Notfallrucksack meiner Familie im Falle eines Bombenangriffs", sagt der 85-jährige Ernst Bayerlein heute rückblickend. Im Koffer lag die Sterbeurkunde seiner Großmutter und ihr Hochzeitsfoto. Doch was lange niemand ahnte: In Wahrheit wurde darin viel mehr aufbewahrt - die Familiengeschichte seiner Oma Anna Kurz, die er nie kennenlernen durfte.

Anna Kurz aus Großgründlach bei Nürnberg wurde mit nicht einmal 60 Jahren 1940 von den Nazis deportiert und durch Giftgas ermordet, weil sie psychisch krank war. So wie Tausende anderer Patientinnen und Patienten in Bayern, die in den damaligen Heil- und Pflegeanstalten der Nationalsozialisten untergebracht waren. Wegen ihrer psychischen Erkrankung oder geistigen Beeinträchtigung galten die Mitmenschen als "lebensunwert" und mussten qualvoll sterben.

Eine Ausstellung im Ansbacher Markgrafenmuseum erzählt jetzt von Anna Kurz und 13 weiteren Opfern aus Bayern. Etliche der Lebensgeschichten haben direkten Bezug zu den Anstalten in Ansbach und Erlangen. Von hier deportierten die NS-Schergen über 1.800 Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hartheim in Österreich. Dort kamen sie 1940 und 1941 im Rahmen der nationalsozialistischen "Aktion T4" ums Leben.

Zerbrochene Tasse erzählt vom brüchigen Dasein

Die Ausstellung rückt bewusst die Biographien der Menschen in den Mittelpunkt, nicht ihre Krankheit. "Fotografien, persönliche Dokumente, Krankenakten und Erinnerungen von Angehörigen geben den Ermordeten Namen und Gesicht", betonte Katrin Kasparek, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bezirk Mittelfranken, bei der Vorstellung der Sonderausstellung. Sichtbar würden Menschen mit Familien, Berufen, Beziehungen und persönlichen Krisen. Und so blickt Anna Kurz als junge Frau von einem großen Schwarzweiß-Bild mit ernster Mine. Unter ihrem Portrait steht ein Koffer, der von ihrem Schicksal erzählt. In der Ausstellung wird der Koffer zu einer Art Hörstück. Jeder symbolische Gegenstand darin berichtet dem Museumsbesucher von ihrem Dasein, etwa eine Spieluhr, eine zerbrochene Tasse oder eine Schnapsflasche, in der das Hochzeitsfoto schwimmt.

Schon in jungen Jahren hatte Anna Kurz mit manischen, teils depressiven Verstimmungen zu kämpfen. Dazu kamen Eheprobleme: Ihr Mann trank und schlug sie. Wiederholt kam sie ins Krankenhaus in Nürnberg und in die damalige Kreisirrenanstalt Erlangen. Als "fortwährend Geisteskranke" wurde sie nach der Scheidung von ihrem Mann 1927 endgültig in die Heil- und Pflegeanstalt Ansbach eingewiesen. Ihre Familie wusste oft nicht, wo sie war, mehrfach wurde sie verlegt. "Ihre Krankenakte endet mit 'Anna Kurz wurde abtransportiert und zu einem unbekannten Ort gebracht', erzählt Enkel Ernst Bayerlein. Erst 1940 kam die traurige Gewissheit: Die Großmutter und Mutter war in Hartheim gestorben, angeblich an einem Herzschlag.

"Das darf nie wieder passieren"

Aber niemand in der Familie sprach über den Tod, mit keinem Wort wurde die Großmutter erwähnt. Bis heute würden viele Familien die wahren Hintergründe vom Tod ihrer Angehörigen nicht kennen, hieß es bei der Ausstellungs-Präsentation. Lange verschwiegen, kämen sie nun ins Bewusstsein. "Erst vor fünf Jahren bin ich durch einen Vortrag auf die wahre Leidensgeschichte meiner Großmutter gestoßen", erzählt Ernst Bayerlein. Seine Tochter Sonja habe daraufhin alles, was sie an Informationen über die Urgroßmutter finden konnte, akribisch zusammengetragen.

Der alte, abgewetzte Koffer seiner Oma steht heute in Bayerleins Haus in Kalchreuth. "Für mich ist damit die Suche abgeschlossen", sagt er, "ich schaue nach vorn". Dennoch dürfe die schreckliche Vergangenheit niemals vergessen werden, mahnt der Zeitzeuge. "Dass eine Gesellschaft Menschen ausgrenzt, ausweist oder abschiebt, mache ihn traurig. Damit nie wieder passiere, was seiner Großmutter widerfahren sei, müsse jetzt jeder einen Beitrag leisten, sagt der 85-Jährige bestimmt. Er selbst engagiere sich deshalb auf Demonstrationen, schreibe und rede über seine Familiengeschichte: "Über Anna Kurz soll ab jetzt gesprochen werden."