Journalismus gehört zur kritischen Infrastruktur Deutschlands und ist ein notwendiger Garant für Öffentlichkeit und Freiheit. Dass dies so bleibt, dafür tragen auch die Kirchen Verantwortung. Diese Aufgabe allein beim dualen Mediensystem anzusiedeln, das auf den zwei Säulen öffentlich-rechtliche Anstalten und private Medienunternehmen ruht, greift zu kurz. Den Kirchen kommt hier eine eigenständige Rolle zu – wobei mein Fokus auf die evangelische Kirche gerichtet ist.
Evangelische Publizistik ist Kernauftrag der Kirche
Publizistik gehört zweifellos zu ihrem Kernauftrag. Zusammen mit Diskurs-Bildung und Diakonie ist sie ein Garant dafür, dass Kirche in der Gesellschaft signifikant und kompetent wahrgenommen wird – über die abnehmende Zahl ihrer Mitglieder hinaus.
Publizistische Räume vorzuhalten, in denen authentische Informationen zu finden sind und den kritischen Diskurs befruchten, ist in Zeiten von Fake News aus politischen Gründen zwingend. Und es ist auch theologisch geboten, wie es der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945), der wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde, formuliert hat: "Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist."
Evangelischer Pressedienst ist älteste Nachrichtenagentur in Deutschland
Mit der Gründung des Evangelischen Pressedienstes (epd) im Jahre 1910 – er ist die älteste Nachrichtenagentur in Deutschland – hat die evangelische Kirche früh Gespür entwickelt und eine Innovation geschaffen. Diese kam zuerst dem Protestantismus selbst zu Gute. Er erlangte mehr mediale Sichtbarkeit. Die Entwicklung zeigte jedoch schnell, dass seine eigentliche Bedeutung darin liegt, publizistische Vielfalt zu sichern und auf diese Weise einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten und zum Gemeinwohl beizutragen.
Diese Einsicht hat auch den bayerischen Pfarrer Robert Geisendörfer (1910 – 1976) bewegt und nach dem Zweiten Weltkrieg publizistische Pionierarbeit leisten lassen, die bis heute wirkt, inhaltlich wie strukturell – in seiner Landeskirche sowie bundesweit in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Auftrag der evangelischen Publizistik: Öffentlich machen
Den Auftrag evangelischer Publizistik hat er weitsichtig so beschrieben: "Etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen." In dieser Funktion stärkt sie die Demokratie und fördert die Zivilgesellschaft. Eine Aufgabe, die – das zeigt die Entwicklung der letzten Jahre unmissverständlich – an Bedeutung gewonnen hat. Natürlich kann die Kirche die Konzentrationsprozesse in der Medienlandschaft in Deutschland nicht kompensieren.
Aber im Nationalsozialismus und später in der DDR bildete die evangelische Publizistik eine Gegenöffentlichkeit. Sie trotzte dem staatlichen Druck – soweit sie nicht verboten war. Sie schuf eine Nische, in der die Wahrheit ein Forum bekam: gegen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus.
Voraussetzung für Qualitätsjournalismus ist journalistische Professionalität. Das ist seit jeher ein Kennzeichen evangelischer Medienarbeit. Freiheit gehört auch dazu. Man kann nur hoffen, dass die "Kirche der Freiheit", so sieht sich der Protestantismus selbst – beides auch in Zukunft gewährleistet: professionelle Publizistik und Freiheit kirchlicher Medienarbeit.
Das letzte publizistische Gesamtkonzept hat die EKD 1997 vorgelegt. So professionell die Akteure arbeiten, so sehr fehlt seit langem eine qualifizierte Neufassung der Entscheider. Dabei war die evangelische Kirche über Jahrzehnte eine Stimme, die im medienpolitischen Diskurs Akzente zu setzen vermochte und ernst genommen wurde. Ob sie diese Kraft wieder gewinnt? Politik und Gesellschaft würde es in herausfordernden Zeiten helfen.
Aktion "Demokratie braucht viele Stimmen"
Unsere sonntags-Redaktion beteiligt sich an der bundesweiten Aktion "Demokratie braucht viele Stimmen". Wir haben prominente Autorinnen und Autoren um einen Gastbeitrag gebeten. Die Beiträge werden in der Woche vom 14. bis 19. September 2026 veröffentlicht.
- Susanne Breit-Keßler, Publizistin und frühere Regionalbischöfin für München und Oberbayern
- Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing
- Reinhard Mawick, Chefredakteur und Geschäftsführer von Zeitzeichen, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
- Florian Höhne, Professor an der FAU Erlangen
- Johanna Haberer, Publizistin
Allgemeine Informationen zur Aktion findet Ihr unter diesem Link.
Den Kommentar von Oliver Marquart zum Thema gibt es unter diesem Link.