Sie wollen nach Hause. Aber wo ist das? 1949 kommen Thomas Mann und seine Tochter Erika nach Deutschland, zum ersten Mal seit 1933. Anlässlich des zweihundertsten Geburtstags Goethes hält Thomas Mann, gefühlter Nachfahre des Dichterfürsten, in Frankfurt und Weimar eine Rede. Doch das Deutschland, das er repräsentieren soll, gibt es nicht mehr. Und die Erwartungen, die man an ihn im amerikanischen Westen und im sowjetischen Osten heranträgt, kann er nicht erfüllen. Mickey Mouse oder Stalin – was für eine Alternative.

Der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski hat mit "Vaterland" aus diesem Besuch ein filmisches Meisterwerk gemacht, in eindrücklichem Schwarz-Weiß. Gleißendes Licht und abgrundtiefe Schatten zeigen das zerstörte und moralisch bankrotte Deutschland. Die Begegnung mit dem ehemaligen Vaterland ist irritierend und verstörend. Die beiden Rückkehrer blicken in leere und oft feindselige Gesichter. Von den Verbrechen des Nationalsozialismus will man in der neuen Frankfurter Highsociety nichts wissen. 

Kinofilm Vaterland - Exil und Verrat?

Ob sein Exil nicht Verrat und mangelhafte Solidarität gewesen sei, muss sich Thomas Mann fragen lassen. Gustav Gründgens, Erikas Ex-Mann und Görings Protegé ist wieder obenauf. Die knallende Ohrfeige, die ihm Erika verpasst, ist mehr als verdient. Im Osten gibt sich der sowjetische Oberst Tjulpanow zwar kulturaffin, aber die totalitären Züge des Stalinismus lassen sich eben nicht verbergen. Buchenwald ist Lager für Dissidenten. 

Deutschland bleibt fremd. Willkommen fühlt sich anders an – da hilft auch die sozialistische Jugendgruppe mit militärisch-geleiertem "Wir grüßen unseren Thomas Mann" nichts.

Doch "Vaterland" ist auch ein Familiendrama. Der Suizid Klaus Manns liegt wie ein Schatten auf dem Besuch. Er hatte noch vor dem Besuch gewarnt: "Die haben alles kurz und klein geschlagen, und jetzt soll er ihnen helfen, ihr Gewissen zu erleichtern." Der Schmerz Erikas um den Lieblingsbruder und die vordergründige Kälte des "Zauberers", als Vater eher schwierig und unnahbar, werden von Sandra Hüller und Hanns Zischler großartig gespielt. 

Da wird es religiös

Bis in jede noch so kleine Mimik hinein können wir im Gesicht von Sandra Hüller lesen, wenn sie telefoniert oder die Fragen einer Pressekonferenz übersetzt. Und Hanns Zischler spielt das Großmeisterliche Thomas Manns so, dass wir ahnen: Diese Fassade wird bröckeln. 

Und da wird es religiös. Er glaube an nichts mehr, sagt der zu Tode erschöpfte Klaus Mann am Telefon. Nur noch die Musik Bachs ließe ihn vielleicht an Gott glauben. Zuletzt sitzen Thomas und Erika Mann in der Kapelle einer Schlossruine. Auf einer verstimmten Orgel erklingt Bach. Alles geht verloren, aber "Jesus bleibet meine Freude". Und da fließen die Tränen.

In Christopher Nolans ganz anderen und ebenfalls großartigen Film "Odyssee" kehrt der Held nach vielen Umwegen und einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit sich selbst nach Ithaka in seine Heimat zurück und findet endlich zu sich. Viel leiser und stiller zeigt Pawlikowski: Ithaka ging verloren ging. Zuhause – wo ist das?
 

Vaterland

Regie: Paweł Pawlikowski
Mit: Sandra Hüller (Erika Mann), Hanns Zischler (Thomas Mann)
Genre: Historisches Drama / Familiendrama
Deutschland 1949: Thomas und Erika Mann reisen erstmals nach ihrer Emigration zurück in das Land, das sie einst verlassen mussten. Zwischen Schuldabwehr, politischen Vereinnahmungsversuchen und persönlichen Verlusten erleben sie eine zutiefst verstörende Begegnung mit dem ehemaligen Vaterland. In eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern erzählt der Film von Heimatlosigkeit, Trauer und der Frage, ob eine Rückkehr überhaupt möglich ist.