Die Fotografie eines Sommerausflugs zur Burgruine Flossenbürg im Jahr 1940 macht den Auftakt: Eine Familie durchreitet einen Torbogen. Im Hintergrund ist schemenhaft das Konzentrationslager zu sehen. Die Familie bekam die professionell arrangierte Aufnahme nach ihrem Ausflug zugesandt, ohne dass der Urheber der Fotografie benannt wurde. Wer hatte sie gemacht?
Unveröffentlichte SS-Fotos aus Flossenbürg erstmals untersucht
Vor einem Jahr wurde der KZ-Gedenkstätte die Aufnahme mit einem Erinnerungsbericht eines Seniors zugespielt. Das Foto sei aber nicht der Auftakt, sondern der Endpunkt des Publikationsvorhabens, sozusagen "ein letzter Impuls" für die Dringlichkeit des Themas, sagte KZ-Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit, der zugleich einer der beiden Leiter des Zentrums für Erinnerungskultur an der Uni Regensburg ist.
Er ist Mitherausgeber des neu erschienen Bandes "Inszenierung, Schnappschuss, Dokumentation. Fotografien aus dem Lagerkomplex Flossenbürg". Anhand von 300 bislang meist unveröffentlichten Fotografien erforschten Experten der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und des Zentrums Erinnerungskultur der Universität Regensburg erstmals die Geschichte der Fotografie im Lagerkomplex Flossenbürg - aus Sicht der Täter.
Täterperspektive der SS im Fokus
Die Bilder zeigen nicht die Gräueltaten und Morde, die die alliierten Befreier festhielten, sondern folgen dem machtorientierten Anspruch der SS und des Nationalsozialismus, der im Blick der damaligen Bevölkerung zur Normalität geworden war. "Wir dürfen den Bildern nicht ausweichen, wir müssen sie einordnen und dekonstruieren", sagte Skriebeleit.
In diesem speziellen Blick auf die "SS-Fotografie" liegt die Brisanz der Publikation und zugleich ihr Erkenntniswert. Ihr analytischer Blick richtet sich auf die Frage nach der Täterschaft:
"Wie konnten Menschen Menschen so etwas antun?", erläuterte Skriebeleit.
Aus den Bildungsprogrammen der Gedenkstätte sei bekannt, dass diese Frage immer wieder im Raum stehe. Auf den vielen jetzt gezeigten Bildern aus dem Umfeld der Täterschaft gehe es daher auch "um das ganze Spektrum der Sichtbarkeit einer Institution, die zur Vernichtung von Menschen gemacht war".
Archivierte Fotografien und neue Erkenntnisse
In den vergangenen Jahrzehnten habe sich eine bedeutende Anzahl an Fotografien aus der Urheberschaft der SS im Archiv der Gedenkstätte angesammelt. Der Band widmet sich erstmals den Fotos, die im KZ-Komplex im Auftrag der SS für ihre Akten und Archive entstanden oder von SS-Männern in ihrer dienstfreien Zeit gemacht wurden.
Denn es wurde massenhaft fotografiert "zu Verwaltungszwecken, zur Dokumentation der baulichen Entwicklungen des Lagerkomplexes, zu erkennungsdienstlichen Zwecken, medizinischen Versuchen, zu unnatürlichen Todesfällen", sagte Mitherausgeber Julius Scharnetzky. Hinzu kamen Fotos von Überlebenden, die sie als "Trophäen des Überlebens" sammelten, oder Fotografien, die in Prozessen als Beweismaterial eingesetzt wurden oder Bilddokumente von Angehörigen der SS-Männer, die sie in deren Nachlässen gefunden hätten.
Macht und Herrschaft im Lageralltag
Eines der frühesten Dokumente zeigt den Aufbau des KZ Flossenbürg 1938. Im Zentrum steht ein SS-Mann, der mit geschultertem Gewehr bedrohlich über eine Gruppe von Häftlingen wacht, die mit Bauarbeiten beschäftigt sind. Über der Szene wehen Sieg-Rune und Totenkopf-Fahne. Auch das Dorf Flossenbürg mit seiner Burgruine ist im Blick. Es verorte das Lager damit in eine idyllische Landschaft der "bayerischen Ostmark" und zeige sowohl den Herrschaftsanspruch der SS über die Häftlinge als auch die Dominanz des Lagers über den Ort, so die Forscher.
Dokumentation von Gewalt und Hinrichtungen
Weitere Bildwelten und Akteure sind die erkennungsdienstliche Behandlung von Häftlingen, ein Besuch von Heinrich Himmler in Flossenbürg oder die - erschütternde - von der SS dokumentierte erste Hinrichtung eines polnischen Zwangsarbeiters, Julian Majka, der in einem Wäldchen bei Michaelsneukirchen erhängt wurde, weil er sich in eine deutsche Frau verliebt hatte. Die fünf Bilder folgten einem "verwaltungstechnischen Ablauf, um die Lagereffizienz zu zeigen", sagte Scharnetzky.
Besonders schwierig werde der Umgang mit Fotos, wenn es um die Darstellung von Mord gehe, sagte Skriebeleit: "Werden die Opfer entwürdigt, wenn sie aus der Täterperspektive gezeigt werden?" Seine Antwort: Man müsse sich dem "Kern der Enthumanisierung" in allen Facetten aussetzen und die Bilder zeigen, weil sie durch Magazine oder Zeitungen bereits in der Welt seien.
Ideologische Inszenierung durch Fotografien
Wenngleich die Fotografien nur lückenhaft überliefert seien, dienten sie doch dem "SS-eigenen Narrativ". Die Fotografen hätten darauf geachtet, die Lager so ins Bild zu setzen, wie die SS sie sehen wollte - "als Orte von Ordnung und Effizienz unter Aussparung der katastrophalen Zustände", sagte Scharnetzky. So gesehen seien es auch keine Schnappschüsse, sondern "ideologisch instrumentalisierte Machtdemonstrationen".
Herausgekommen ist eine beeindruckende und zugleich erschreckende Dokumentation. Auf den ersten Blick muten die Bilder "normal" an, wie aus einem Fotoalbum entnommen. Bei genauerem Hinsehen entlarven sie das Erschreckende und werfen zutiefst verunsichernde Fragen auf, die in Begleittexten der Forschern aufgefangen werden. "In seiner Schrecklichkeit ein großartiger Band", befand Unipräsident Udo Hebel in einem Grußwort.