An den Moment, als sie die Straßenbahn erfasst, erinnert sich Lilly Sellak nicht. Ihr Bewusstsein setzt erst ein, als sie halb unter der Tram liegt. Sie sieht Menschen auf sich zu rennen. Sie hört die Sirenen der Rettungskräfte. Und sie merkt: "Ich spüre meine Beine nicht mehr".
Heute, über sechs Jahre später, kann Lilly Sellak offen über diesen Tag im Mai 2019 sprechen. Sie will es sogar. Die 22-Jährige setzt sich für mehr Barrierefreiheit und Inklusion ein. Ihr steigender Bekanntheitsgrad hilft ihr dabei. Seit zwei Jahren spielt sie im deutschen Nationalteam für Rollstuhlbasketball.
Bei den Paralympics 2024 in Paris schaffte es die Mannschaft auf den sechsten Platz, bei den World University Games gab es heuer Gold. Jüngst wurde sie zur Sportlerin des Jahres ihrer früheren Heimatstadt Nürnberg gewählt.
"Ich verlasse die Reha laufend" – der Weg zurück ins Leben
Solche Erfolge scheinen nach dem Unfall unmöglich. Sie erleidet mehrere Knochenbrüche. Ihr Rückenmark ist teilweise durchtrennt.
"Ein Arzt sagte mir, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich wieder laufen kann, gegen Null geht", erinnert sich Lilly Sellak.
Aber sie hat Glück: Die Nerven sind weniger beschädigt als zunächst befürchtet. Noch während ihres Krankenhausaufenthalts in Nürnberg kann sie ihre Beine wieder leicht hin und her bewegen. Sie nimmt sich vor:
"Die Rehaklinik verlasse ich laufend."
Halt geben ihr in dieser Zeit ihre Familie und ihre Freunde. Immer ist jemand im Krankenhaus, versorgt sie mit Essen, lenkt sie ab oder ist einfach nur da. "Das hat mir super viel Kraft gegeben", sagt Lilly Sellak. Allein hätte ich das nicht geschafft." Auch während ihres dreimonatigen Aufenthalts in der Reha-Klinik in Murnau (Kreis Garmisch-Partenkirchen) reißt der Besucherstrom nicht ab.
Erste Begegnung mit dem Rollstuhlbasketball: Ein neuer Lebenssinn
In der Reha kommt sie zum ersten Mal mit dem Rollstuhlbasketball in Berührung. Der Sport macht Lilly Sellak Spaß. Und sie zeigt Talent. Gesche Schünemann, eine ehemalige deutsche Nationalspielerin, wird auf sie aufmerksam.
Ihr erstes Probetraining findet zwei Tage nach ihrer Entlassung aus der Klinik statt – die sie tatsächlich auf Krücken gehend verlässt. "Meine größte Einschränkung ist, dass ich von den Knien abwärts gelähmt bin", sagt Lilly Sellak. Dank sogenannten Fußhebe-Orthesen kann sie dennoch über einen längeren Zeitraum hinweg stehen und laufen. "Im Alltag komme ich gut zurecht."
Sport, Studium, Liebe – wie Lilly ihr Leben neu aufgebaut hat
Sechs Monate nach dem Unfall kehrt Lilly Sellak an ihre Schule zurück. 2021 macht sie Abitur. Sie fängt beim RSV Bayreuth an, heute spielt sie für die Nürnberg Falcons und im Nationalteam. Sie lebt mit ihrem Partner Lukas Gloßner – selbst Nationalspieler im Rollstuhlbasketball – in Erlangen und studiert im vierten Semester Humanmedizin.
Aktuell bereitet sie sich auf das Erste Staatsexamen vor. Später möchte sie sich eventuell auf die Neurologie, die Orthopäde oder die Rehabilitative Medizin spezialisieren.
Lilly Sellak: Ein Vorbild für Mut und Motivation
Mit ihrer Geschichte will Lilly Sellak Menschen Mut machen, die sich von einem lebensverändernden Schicksalsschlag erholen. Sie hält Vorträge, auf Einladung ihrer früheren Pfarrerin Simone Hahn auch beim Sportforum des Arbeitskreises Kirche und Sport am 25. Oktober ab 9.30 Uhr in der Christuskirche in München.
"So hatte ich mir meine Zukunft früher zwar nicht vorgestellt", resümiert Lilly Sellak. "Aber es ist trotzdem richtig schön."