Angebot für Wohnungslose
Mann weg, Wohnung weg, Kind unterwegs, auf das schon ein paar Geschwister warten. Die Rummelsberger Diakonin Annette Roß betreut von Wohnungslosigkeit bedrohte und wohnungslose Alleinerziehende in Nürnberg mit dem Projekt WinGS. Ihre Kollegin Katharina Jäckel holt mit dem "Übergangshaus Mutter und Kind“ die ganz dringenden Fälle erstmal von der Straße.
Katharina Jäckel (links) und Annette Roß mit gebastelten Kinderzimmern aus dem Übergangshaus des Projekts WinGS der Rummelsberger.

Katharina Jäckel lässt ihre Mädchen und Jungen, die sie mit deren Müttern in dem Haus der Rummelsberger Diakonie im Nürnberger Norden täglich betreut, immer wieder ein Phantasie-Kinderzimmer basteln. Mit am eindrucksvollsten seien für sie dann immer wieder die Wünsche der Kinder, die sie in den Pappkartons mit etwas Papier, Farbe und Klebstoff umsetzen. "Da steht dann keine Playstation, sondern einfach nur ein Sitzsack drin. Oder einfach nichts, weil sich die Kinder in erster Linie mal nach Privatsphäre sehnen", erklärt die Pädagogin. Einer habe schon mal einen Safe für sein Pausenbrot gebastelt.

In acht Wohneinheiten können jeweils zwei Personen in dem Haus für ein halbes Jahr leben, bis sie wieder eine neue Bleibe gefunden haben. "Meist werden es aber zwei bis drei Jahre", sagt Jäckel. Rund um die Uhr ist ein Hausmeister da, sie selbst hat ihr Büro vor Ort. Als Alleinerziehende mit teils mehreren Kindern in Nürnberg eine Wohnung finden, das sei gar nicht so einfach. Oft kommen zur Wohnungslosigkeit auch Schulden, manchmal Verständigungsprobleme mit deutscher Sprache, gepaart mit Existenzängsten bis zur Verzweiflung.

Alltagshürden wegräumen

Projektkoordinatorin Annette Roß kennt die Alltags-Hürden ihrer Klientinnen und Klienten (ja, es sind auch Männer betroffen, allerdings seltener), die für sie oftmals Gebirge sind. "Die Wohnung läuft auf den Mann, meist kassiert der auch das Kindergeld. Wenn Schulden vorhanden sind und ein Vermieter eine SCHUFA-Auskunft verlangt, ist es meistens schon vorbei", meint sie. Oft helfe es schon, jemandem die Adresse der Schuldnerberatung weiter zu reichen oder ein Anruf bei der Nürnberger Wohnbaugenossenschaft (wbg). Oder den Weg in die Privatinsolvenz aufzuzeigen.

Darüber hinaus seien sie und ihr Team aber auch für die Frauen und Kinder da, um ihnen die emotionale Belastung ein stückweit zu nehmen. Mit dem Verlust der Wohnung gehe meist auch der des sozialen Umfelds einher. "Und unser Übergangshaus bietet dann eben auch nur wieder andere Freunde auf Zeit", meint Jäckel. Viele Mädchen und Jungen schämten sich dann, andere Kinder in ihr Interims-Zimmer einzuladen.

Auch nach der Not begleiten

Von etwa einem Drittel der Frauen wissen die beiden Rummelsberger Mitarbeiterinnen, dass sie durch WinGS bereits wieder an eine Wohnung gekommen sind. Die größere Zahl an Menschen, die sich an das Patenschaftsprojekt gewandt haben, lasse sich beraten und irgendwann einfach nichts mehr von sich hören. Allerdings verstehen Annette Roß und Katharina Jäckel WinGS nicht nur als eine Hilfe beim Ankommen in der neuen Lebenssituation. Mit einigen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern begleiten sie ihre Schützlinge zudem auf dem Weg in die Zukunft.

Mit dabei ist Ruth Wagner, die schon oft mit dabei war, wenn Alleinerziehende auf ein Amt mussten oder sich bei einer Wohnungsbesichtigung vorstellten. Die Nürnbergerin hat vor allem in den von Lockdowns geprägten Monaten des vergangenen Jahres gemerkt, dass gerade die fortschreitende Digitalisierung noch einmal mehr Schwierigkeiten mit sich bringt. "Früher ging man einfach in das Büro der wbg, sprach mit einem Sachbearbeiter, dann ging was. Plötzlich waren die Beratungsstellen geschlossen. Und nicht jeder hat ein Smartphone oder Tablet zur digitalen Kommunikation, geschweige denn kennt sich damit aus", berichtet sie.

Zukunft ungewiss

Ende 2022 läuft die Förderung von WinGS durch die Aktion MENSCH und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern aus, für das rund 300.000 Euro veranschlagt waren. Wie es dann für die Menschen weitergeht, die im Übergangshaus leben oder die Beratungsstelle anrufen, ist derzeit ungewiss.

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