Das "Race Across Germany" ist ein Ultramarathon, der hält, was der Name verspricht: einmal quer durch die Republik, in schnurgerader Linie – von einem geografischen Randpunkt zum anderen. Viermal im Jahr startet das Rennen, jedes Mal entlang einer anderen Himmelsrichtung. Die erste Etappe führt von Flensburg nach Garmisch-Partenkirchen – über 1100 Kilometer, 7500 Höhenmeter, drei Tage am Stück, Tag und Nacht.

Patrick Wolf fährt allein – ohne Begleitteam

Während bei der Tour de France in diesen Tagen Teamautos aufblitzen und Funksprüche durch die Kolonnen peitschen, heizt Patrick Wolf allein auf deutschen Asphalten entlang. Der Vorsitzender des Stiftungsvorstands der Evangelischen Jugendarbeit in Bayern (EJB) startete am Donnerstag, 10. Juli, um exakt 18:24 Uhr als "Solo non-supported"-Fahrer von der Hafenspitze im Norden in Richtung Süden. Ziel: Garmisch-Partenkirchen.

Keine Begleitfahrzeuge, keine Helfer*innen, kein Windschatten. Nur er, sein Rad – ein Cube, natürlich, ein Hersteller aus Oberfranken – und ein bisschen Gepäck. Verstaut in der sogenannten "Arschrakete": diese längliche Tasche hinter dem Sattel, perfekt windschnittig. Und sein großer Traum, der ihn antreibt: die Vorbereitung auf die Challenge Roth im kommenden Jahr – das Mekka der deutschen Triathlon-Szene.

Am Wochenende zuvor war Wolf erst dort, hat sich das Spektakel im fränkischen Seenland angeschaut – und, viel wichtiger, einen der heiß begehrten Startplätze ergattert. Ganz neu ist der Extremsport also für ihn nicht. Wolf hat Erfahrung mit langen Distanzen. Schon letztes Jahr fuhr er beim sogenannten "Super-Brevet", knapp 800 Kilometer von Berlin nach München – spontan, wie er sagt: "Ich gehe das sehr pragmatisch an. Letztes Jahr bin ich einfach mal drauflosgefahren."

Patrick Wolff Challenge Roth Triathlon
Patrick Wolf hat ein Ticket für die Challenge Roth ergattert, die Langdistanz im Triathlon, im Jahr 2026.

Taktik, Training, Tankstellen: Vorbereitung auf die Extreme

Jetzt, kurz vor dem Start, treffen wir ihn beim Suchen eines Cafés. Noch schnell etwas zwischen die Kiemen schieben, dann beginnt das Abenteuer. Der gebürtige Nürnberger, der größtenteils im Donau-Ries aufgewachsen ist, wirkt ruhig, fast schon zu gelassen. "Stress bringt ja nichts", sagt er schulterzuckend. 

"Der Mensch macht Pläne und Gott lacht darüber."

Trotzdem rollt auch Wolf nicht einfach so von der Startlinie weg. Die Strecke einmal abscannen, Gels und Riegel testen, die den Blutzucker hochhalten, ohne Magenkrämpfe zu verursachen. Tankstellenstandorte auswendig lernen, als Unterschlupf bei Starkregen oder zum Nachladen der Glykogenspeicher.

Ultracycling, das wird schnell klar, heißt nicht nur stur kurbeln, sondern auch klug kalkulieren: Kalorien, Kilometern, Schlaf und vor allem: sich vom Unvorhergesehenen nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.  

Mentale Stärke auf dem Rad: Gespräche mit Gott und Oma

Für die Nacht auf Samstag hat Wolf sich vier Stunden Schlaf vorgenommen – irgendwann zwischen 22 Uhr und vier Uhr, irgendwo vor dem gefürchteten Harz. Danach wartet nämlich noch das Härteste auf ihn: die letzten 100 Kilometer vor Garmisch. "Körperlich und mental die größten Brocken."

Seine Strategie: wenn’s zäh wird: Musik hören – und zwar querbeet, von Pop bis Metall. Hauptsache kein Schlager. "Letztes Mal kam eine Ballermann-Playlist – das war wirklich furchtbar."

Oder er führt stumme Monologe, ein Zwiegespräch mit seiner Oma – oder mit Gott. "Du suchst dir Gesprächspartner, wo keine sind."

Eine Art mentale Begleitung, die hilft, wenn der Körper in den Energiesparmodus wechselt. Kraft allein, so Wolf, bringe ihn nicht weiter. Es gehe um Ausdauer. Und um Support – von innen wie von außen.

Was Patrick Wolf antreibt – und was ihn trägt

Sein großes Vorbild: niemand Geringeres als der deutsche Extremsportler Jonas Deichmann. Bekannt wurde er durch seine Ultra-Langdistanzprojekte, wo man schon beim Zuhören ins Keuchen kommt: etwa seine Triathlon-Weltumrundung 2020/21 oder die "Challenge 120", bei der er 120 Ironman-Distanzen an 120 aufeinanderfolgenden Tagen absolviert hat. Kurz: ein Mann ohne Limits.

"Was manche da auf sich nehmen – egal ob Profis oder Amateure – finde ich total beeindruckend", sagt Wolf. "Diese Belastung. Und auch die Zeit, die fürs Training draufgeht."

Wobei auch er regelmäßig trainiert und nichts dem Zufall überlässt – schon gar nicht der Tagesform. Wolf weiß: Wer sich auf die eigene Motivation verlässt, kann gleich im Bett bleiben. Woche für Woche stellt ihn sein Trainer Michael Krell einen Plan zusammen, selbst ehemaliger Langdistanz-Triathlet, der dafür sorgt, dass Wolf bei diesem Rennen nicht einfach nur durchhält, sondern vorbereitet ist – auf genau das, was kommt.

Ultracycling mit Support: allein fahren, aber nicht allein sein

Doch auch ohne Coach steht Wolf nicht allein da. Der Halt kommt aus dem Umfeld, von Familie und Freund*innen, die mitfiebern und ihn unterstützen.

"Ich bin dankbar, dass ich so viele Menschen um mich habe, die mich pushen und sogar das Live-Tracking verfolgen."

Wolf hofft, auf diese Weise auch andere anzustecken. "Es muss ja nicht immer gleich ein Ultra-Rennen sein", sagt er. "Manchmal ist ’ne Runde spazieren gehen genau richtig. Oder ein Ausflug in die Berge."

Sein Ziel? Lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

"Wenn ich am Sonntag im Laufe des Tages in Garmisch ankomme, bin ich einfach nur überglücklich."

Dort wartet seine Mutter. Bis dahin heißt es: Playlist an, Wasserflaschen auffüllen, die Waden nochmal kräftig lockern – und ab auf‘s Rad. Für mindestens 40 Stunden. Genug Zeit, um sich mit jedem Muskel zu unterhalten – oder mit dem inneren Schweinehund.

Update nach dem Rennen: Ankunft nach 76 Stunden – mit neuer Teilnehmerzahl

Und tatsächlich: Am Sonntagabend, genau um 22:30 Uhr, rollte Patrick Wolf über die Ziellinie in Garmisch-Partenkirchen – nach exakt 76 Stunden und 2 Minuten Fahrzeit. 

Außerdem stellte sich heraus, dass die Teilnehmerzahl deutlich höher lag als zunächst angenommen. Über 170 Fahrer*innen waren beim Race Across Germany dabei – denn die Staffel-Teams, die zu zweit gefahren sind, wurden in der ersten Zählung nicht mit berücksichtigt.