6.05.2020
Diakonie

Rummelsberger Rektor Reiner Schübel: Lage in Griechenland für Flüchtlinge skandalös

Der neue Vorstandsvorsitzende der Rummelsberger Diakonie Reiner Schübel hält es für eine ungelöste, eigentlich skandalöse Situation, dass aus Griechenland junge unbegleitete Minderjährige nicht auf die europäischen Länder verteilt werden. Jetzt das ausführliche Interview im Sonntagsblatt lesen.
Reiner Schübel Rummelsberg 2020
Pfarrer Reiner Schübel ist seit Januar 2020 Rektor und Vorstandsvorsitzender der Rummelsberger Diakonie.

Er halte die jetzige Quote der Jugendlichen, die nach Luxemburg oder nach Deutschland gekommen sind, für viel zu gering, sagte Schübel in einem Gespräch mit dem Sonntagsblatt. Die Rummelsberger Dienste seien wie in der Zeit nach dem Sommer 2015 bereit, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben die Kapazitäten, wir haben das Know-how, sagte Schübel.

Reiner Schübel ist Vorstandsvorsitzender der Rummelsberger Diakonie

Vier Jahre lang war Reiner Schübel Persönlicher Referent beim Präsidenten des Diakonischen Werkes Bayern. Seit 2009 war der 55-jährige Theologe als Diakoniexperte im Münchner Landeskirchenamt tätig. Er weiß also, was Diakonie ist. Seit Anfang des Jahres arbeitet er sich als neuer Rektor bei den Rummelsbergern ein, besuchte Standorte, sprach mit den Mitarbeitenden. Seit März ist aber wegen der Corona-Krise bei dem Sozialunternehmen mit über 5.000 Beschäftigten alles etwas anders.

Seit Anfang des Jahres sind Sie Vorstandsvorsitzender und Rektor der Rummelsberger Diakonie. Kaum im Amt müssen Sie wegen der Corona-Krise einem Krisenstab vorstehen. Ist das ein Beginn mit Schrecken?

Reiner Schübel: Kein Anfang mit Schrecken. Aber ein Anfang in einer ungewöhnlichen und etwas unwirklichen Zeit. Es gibt hier in Rummelsberg sehr viel Fachlichkeit und Sachverstand. In der Altenhilfe oder der Behindertenhilfe ist der Umgang mit ansteckenden Krankheiten schon lange eingeübt. So sind die Maßnahmen gegen das Corona-Virus mit Ruhe und Sachverstand gut auf den Weg gebracht worden.

Denken Sie, Sie stehen wegen der Umstände unter verstärkter Beobachtung der Belegschaft?

Schübel: Ich erlebe sehr viel Offenheit, viele gute, offene Gespräche, die Signale, die direkt oder indirekt auf meine Anregungen kommen, sind positiv.

In welchen Arbeitsbereichen der Rummelsberger Diakonie gibt es derzeit große Herausforderungen. Wie sieht es beispielsweise bei den Angeboten für Menschen mit Behinderung aus? Hier betreuen Sie etwa 3.500 Menschen.

Schübel: Wir sind erleichtert, dass wir für die finanzielle Sicherung im Bereich der Behindertenhilfe momentan die eindeutigsten Signale von staatlicher Seite haben. Die Bezirke haben klar geregelt, dass die Finanzierungen fortlaufen. Ein Problem haben wir aber im Bereich der Jugendhilfe. Wir haben es in Bayern mit 96 Jugendämtern zu tun, die nach eigenem Ermessen Hilfeleistung gewähren. Da wünschen wir uns mehr Klarheit und Verlässlichkeit. Von staatlicher Seite sollte uns da wie beispielsweise in der Pflege ein Vertrauensvorschuss gewährt werden.

Werden Sie in Einrichtungen des Sozialverbands der Rummelsberger Kurzarbeit anmelden müssen?

Schübel: Wir haben erste Anträge gestellt. Die haben wir gemeinsam mit den Mitarbeitervertretungen erarbeitet. Das Mittel Kurzarbeitergeld hat zum Ziel, die betroffenen Arbeitsplätze über die Pandemie hinaus zu sichern.

Verändert die Krise die Rummelsberger Diakonie?

Schübel: Schon jetzt ist für mich erkennbar, dass sich das bereichsübergreifende Vernetzen verstärkt. In Alten-, Behinderten- und Jugendhilfe kommt es zu schnelleren und tragfähigen Abstimmungen. Die Corona-Pandemie gibt uns da einen Push. Eine positive Auswirkung ist auch, dass mobiles Arbeiten und digitale Sitzungsformate ständig weiter entwickelt werden.

Wollen Sie sich in Zukunft politisch und gesellschaftlich in Debatten einbringen?

Schübel: Bei ethischen Fragestellungen, die unmittelbar mit unseren Handlungsfeldern zu tun haben, will ich die Herausforderungen, die sich aus der Praxis ergeben, in die Öffentlichkeit bringen: Das können zum Beispiel die Sterbehilfethematik oder die Belange von Menschen mit Behinderung sein. Ich höre von Menschen mit mehrfachen Einschränkungen und ihren Angehörigen, dass nicht jede Integration in den normalen Schulkontext sinnvoll ist. Eine normale Regelbeschulung führt zur Überforderung der Schule sowie der betroffenen Menschen und ihrer Familien. Sie wünschen bestmögliche individuelle Förderung. Diese Wünsche und Perspektiven will ich in die Debatte einbringen.

Ihr Vorgänger hat sich immer sehr klar zum Thema Asyl geäußert. Werden Sie das auch tun?

Schübel: Die Rummelsberger Diakonie steht für dieses Thema. Sie hat sich hier klar mit einem Thesenpapier positioniert und ich stehe voll dahinter. Ich halte es momentan für eine ungelöste, eigentlich skandalöse Situation, dass aus Griechenland junge unbegleitete Minderjährige nicht auf die europäischen Länder verteilt werden. Die jetzige Quote der Jugendlichen, die nach Luxemburg oder nach Deutschland gekommen sind, halte ich für viel zu gering. Die Rummelsberger stehen als Träger weiterhin dazu, unbegleitete Minderjährige wieder aufzunehmen. Wir haben die Kapazitäten, wir haben das Know-how. Wenn Bedarf da ist, stehen wir als Partner zur Verfügung.

In der Corona-Krise wird den Pflegekräften applaudiert. Werden sie Ihrer Meinung nach auch in der Zeit danach Helden sein?

Schübel: Es ist deutlich geworden, dass die Wertschätzung von Pflegekräften in der Vergangenheit nicht in dem Maße erfolgt ist, wie es nötig ist. Mir war es ein Anliegen, jetzt über meinen Osterbrief an alle Mitarbeitenden Dank zu sagen, dass sie umsichtig, ruhig, besonnen und diakonisch vernetzt gehandelt und dadurch Menschenleben gerettet haben.

Ich höre von Pflegekräften, dass das Wesentliche für sie ist, mehr Zeit für die Menschen zu haben, eine Hand zu halten, ein persönliches Gespräch zu führen oder einen Segen zu sprechen. Nicht an erster Stelle steht die Bezahlung. Aber es muss mehr Geld ins System.

Ich habe über Sondermittel der Landeskirche ein Modell mit angestoßen, das eine Art Springermodell ist. Pflegende sollen über zusätzliche Kräfte entlastet werden, damit Überlastungen gar nicht erst aufkommen, Urlaube genommen werden können, und Überstunden nicht anfallen. . Wenn sich das Modell bewährt, werde ich das gegenüber der Politik vertreten, damit solche Projekte auch von staatlicher Seite refinanziert werden.

Was wird der neue Rektor der Rummelsberger radikal anders machen als sein Vorgänger?

Schübel: Nichts. Es gibt Bereiche, wo es weiteres Entwicklungspotenzial gibt; etwa die Personalentwicklung. Wir wollen das Personalmanagement voranbringen: von der Akquise über das Hineinführen in die Diakonie, Mitarbeitertage, Schulungen, Ausbildung und Entwicklung. Das ist auch verbunden mit meiner zweiten Aufgabe als Rektor der Diakone und Diakoninnen. Wir bilden im Auftrag der Landeskirche aus und wollen Diakone und Diakoninnen so qualifizieren, dass sie bei den Rummelsbergern ebenso gut andocken können wie bei der Landeskirche und weiteren diakonischen Trägern. Es ist mir ein großes Anliegen, dass sie auch zwischen diesen Aufgabenfeldern gut wechseln können. Kirche und Diakonie werden davon profitieren.

Der Bereich Bildung und Entwicklung wird an Bedeutung gewinnen. Damit verbunden sehe ich weitere Vernetzungschancen in der ethisch-theologischen Qualifizierung von Mitarbeitenden. Beispielsweise ist eine ethische Fragestellung, wie man Algorithmen der Künstlichen Intelligenz für uns einsetzen kann und darf. Oder: Was heißt nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts Sterbebegleitung für Menschen mit Einschränkungen? Wie kann man damit so sorgsam umgehen, dass in dieser Phase des Lebensendes die Freiheitsrechte des Menschen gewahrt werden und andererseits Schutzrechte nicht verloren gehen? Ich würde mir wünschen, dass solche ethische Fragen mehr Raum finden und in fünf oder zehn Jahren Rummelsberg bayernweit als der Ort wahrgenommen wird, an dem solche Fragen aufgegriffen und diskutiert werden.

Die Rummelsberger wollen sich ja auch an dem geplanten großen Evangelischen Campus Nürnberg beteiligen. Was sagen Sie dazu?

Schübel: Ich halte viel von der Idee, das "B1" (Bayreutherstraße 1) als Bildungscampus zu entwickeln. Darin liegt sehr viel Potenzial. Wir sind als Rummelsberger in der Diakonen-Ausbildung mit der Evangelischen Hochschule unmittelbar vernetzt. Wir haben die Möglichkeit, über den Campus die Evangelische Hochschule mit unseren Fachakademien zu verbinden. In unserem Wichern-Institut betreiben wir Praxisforschung in enger Zusammenarbeit mit der Hochschule. 

Könnten Sie sich als Rummelsberger die Miete auf dem Campus leisten? Das Millionen-Projekt soll sich für die Landeskirche ja auch rechnen?

Schübel: Wir können uns nur eine Miete leisten, die wir auch sonst zahlen würden. Da sind unsere Mittel begrenzt. Mit der Landeskirche sind wir darüber im Gespräch.

Vor rund zehn Jahren gab es in der Rummelsberger Diakonie eine Krise, nachdem der damalige Rektor Körperverletzungen an Diakonenschülern begangen hatte. Wirkt diese Zeit noch nach?

Schübel: Das Thema der damaligen Turbulenzen ist in guter Weise aufgearbeitet. Man kann sagen, dass Rummelsberg sensibler geworden ist, genauer hinschaut und Mechanismen und Strukturen geschaffen hat, um solche Vorfälle zu verhindern. Beispielsweise gibt es eine Ombudsstelle Whistleblowing.

Sie sollten als neuer Rektor eigentlich zum Jahresfest der Rummelsberger Diakonie am Himmelfahrtstag (21. Mai 2020) offiziell vom Landesbischof in ihr Amt eingeführt werden. Die Corona-Krise erlaubt das jetzt nicht. Geht Ihnen die segnende Handlung ab?

Schübel: Ich bin ganz zuversichtlich, dass die Zeit kommen wird, wo das seinen Ort und seine Zeit hat. Ich habe da keinen inneren Druck. Ich weiß mich auch jetzt schon unter dem Segen dessen, der unser aller Leben hält und trägt. Ich spüre das im täglichen Miteinander und im stärkenden Gebet. Dieser Akt der gottesdienstlichen Einführung ist wichtig und ich freue mich darauf. Jetzt ist die Zeit, für die Menschen da zu sein. Alle Kraft darauf zu verwenden, dass die Menschen, die bei uns sind, gut begleitet werden.

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