Unter dem Hashtag "Sonntagsblues" vereinen sich eine neue, stille Gemeinschaft: junge Menschen, die meisten Singles, die den siebten Tag der Woche mit ähnlicher Beklemmung erwarten, wie andere den Montag. Nur subtiler. Während der Montag öffentlich bejammert wird, fast schon als kabarettistische Pflichtnummer der Montagmorgenkonferenz, bleibt der Sonntagblues privat. Und damit eine unsichtbare Belastung.

Der Sonntag gehört den Paaren

Denn Sonntag ist Pärchentag. Er ist der Tag des "Hyggeligseins": Sie kuscheln, kochen, sortieren gemeinsam die Wäsche, diskutieren mit "Alexa", weil sie statt "Chill morning music" wieder die Playlist "Soft Jazz Piano" spielt. Sie frühstücken spät – idealerweise mit Croissants und frischen Beeren, die man am Samstag noch rechtzeigt besorgt hat. Am Nachmittag spazieren sie noch schnell durch den Park, Hand in Hand.

Es ist ein Tag im Modus "Wir": Wir machen es uns schön. Wir gönnen uns Ruhe. Wir zwei "Gönnjamine", glücklich im Sonntagsschaumbad der Zweisamkeit.

Einsamkeit, die keiner sehen will

Für viele Singles ist dieser Sonntag keine Pause, sondern eine Zumutung. Für alle, die ihn allein verbringen – und am Abend nichts beim Vietnamesen bestellen, weil der Mindestbestellwert für eine Person zu hoch ist oder "2 für 1" kein verlockender Deal –, wird der romantisierte Bullerbü-Sonntag zur Zerreißprobe. Ein Tag, der die soziale Leerstelle nicht nur sichtbar macht, sondern grell ausleuchtet.

Single zu sein – das heißt eben nicht einfach nur: allein sein. Dann wäre man ja unabhängig, vielleicht sogar zufrieden und im Reinen mit sich. Nein, sagt die Stimme des "Wirs" von außen: Es heißt, einsam zu sein. Und gescheitert.

Was Singles – und überhaupt all die, die den Sonntag allein verbringen – tatsächlich fühlen, können sie oft selbst nicht mehr spüren. Zu laut, zu übermächtig ist das kollektive Ökosystem ringsum, das kuschelt, gemeinsam frühstückt und siamesisch atmet.

Wenn das Alleinsein zum Urteil wird

Und wenn die Single-Freundin oder der Solo-Mitbewohner überhaupt im Sonntagsidyll vorkommt, dann oft nur durch den Satz, der wie ein Streichelzoo aus Mitleid daherkommt: "Und was machst du heute?" Plötzlich ist man nicht mehr einfach allein – sondern einsam. Weil es einem das Wir-Kollektiv mit ihren Rehaugen einreden.

Was bei Singles unter der Woche noch als moderner Lifestyle durchgeht – achtsam, unabhängig, selbstbestimmt –, wird am Wochenende zum Tabubruch. Die Nebenwirkungen sind subtil: Vorwürfe, getarnt als Kompliment: "Du bist doch so toll, warum bist du überhaupt Single?" 

Der Effekt ist oft derselbe: Scham, Unsicherheit, Erschöpfung. Und tatsächlich das Gefühl: einsam zu sein. Niemand soll wissen, dass man sich auch mal so fühlt. Selbst wenn es die Ausnahme ist. Und am häufigsten eben an diesem einen Tag.

Instagram gegen den Sonntagsblues

Auf Instagram zeigen vor allem junge Frauen, wie sich digitale Räume in Orte echter Nähe verwandeln lassen – besonders am Sonntag. Sie versammeln andere Singles auf ihren Kanälen, tauschen sich aus, ermutigen einander. Vor allem aber schaffen sie, was oft fehlt: das Gefühl, verstanden und aufgefangen zu werden – ehrlich, verletzlich und spürbar. Und sie finden eine Sprache fürs Alleinsein – eine ohne Scham, ohne Defizitdenken.

"Lulunasha"etwa schreibt an einem dieser zahllosen Sonntage: "Wie du das Alleinsein genießen kannst, ohne dich einsam zu fühlen!" Sie ermutigt ihre Follower, auf ihre eigene Stimme zu hören: Bist du wirklich einsam – oder einfach allein? Und vielleicht sogar ganz zufrieden? "Du musst dich trauen - sei mutig und geh allein los. Lerne, dass das Alleinsein nicht gleich Einsamkeit bedeutet!"

Oder "marie_kummer", die unter dem Motto "(Gem)einsam" ihren Alltag teilt – zarte, ehrliche Momentaufnahmen vom Sonntagsgefühl, aus denen sie kleine Momente des "Wir" formt. Sie nimmt ihre Follower*innen mit auf einen "hot girl walk in der Sonne", ganz nach dem Motto: "(Gem)einsam – lieber Sonne genießen als Männer anbeten."

Auch "therealpaulalambert", Autorin, Moderatorin und, wie sie sich selbst nennt, "Gefühlsexpertin", spricht offen über das, was sie "Scary Sundays" nennt. Aus eigener Erfahrung beschreibt sie, wie es sich anfühlt, wenn "die Stille in die Seele kriecht".
Sie bleibt aber nicht beim Gefühl stehen: Sie teilt Strategien, veranstaltet Retreats für Menschen, die ähnlich empfinden – und erreicht damit inzwischen über 200.000 Follower.

Fülle statt Mangel: Was Singles wirklich leben

Diese Beispiele sind nur ein Ausschnitt eines weitreichenden Phänomens, das weit über die sozialen Medien hinausreicht – und wissenschaftlich belegt ist. Nach aktuellen Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (2024) fühlt sich heute jede*r Dritte zwischen 18 und 53 Jahren zumindest zeitweise einsam – mit deutlich steigender Tendenz. 

Meine alte WG – heute enge Freundinnen von mir – besteht aus vier starken Frauen, drei davon aktuell single. Die eine ist Assistenzärztin, die andere Gründerin und Geschäftsführerin einer NGO, die andere Art Director. Ich bewundere sie alle: so wie ich jeden Menschen bewundere, der selbstbewusst, offen, zugewandt ist – und eben aufmerksam, spontan und verlässlich. Menschen, die trotz fordernder Jobs ihre Freundschaften pflegen wie andere ihren Vorgarten – mit Hingabe, mit Liebe, mit gesundem, fast altmodischem Altruismus.

Trotzdem: Das Thema Singlesein lebt auch bei ihnen vom Wechselbad aus Leichtigkeit, Lachen, Verletzlichkeit und Resilienz – und immer wieder dem gleichen Dreischritt:

  1. Das Hinge-Profil ist mal on, mal off.
  2. Eine kluge, fast soziologische Feldforschung darüber, warum Dating heute so kompliziert ist.
  3. Die Erkenntnis, dass das Date von heute Abend kurzfristig abgesagt wurde. Mal wieder.

Was am Ende zählt: Nähe, die man selbst definiert

Bei meinen Freundinnen sehe ich keinen Mangel, sondern echte Fülle. Sie haben Interessen, Hobbys, ein feines Gespür für ihre Bedürfnisse und die ihres Umfelds – und, oft unterschätzt: verlässliche, tragende Freundschaften. Sie sind selbstständig, erledigen ihre Steuererklärung eigenhändig, wissen, wie man den Umwerfer am Rennrad nachjustiert und, wie man Netflix-Abo abschließt. Sie sind spontan, neugierig und hilfsbereit.

Sie sind nicht einfach "autonom" – sie sind geerdet. Sie kennen sich, checken regelmäßig bei sich selbst ein und tragen diese innere Ordnung nach außen. Sie sind: vollständig.

Und manchmal sind sie auch traurig, verzweifelt, fühlen sich einsam. So, wie man sich auch in einer romantischen Beziehung einsam fühlen kann. Das ist kein Stigma des Singleseins – das ist ein gesellschaftliches Thema. Nähe hat viele Gesichter. Ob romantisch oder freundschaftlich – entscheidend ist das Bedürfnis nach Bindung.

"Viele Menschen sehen eine enge Freundschaft ähnlich wie eine Partnerschaft, nämlich als Beziehung in der wir sehr wohl individuelle Vorstellungen und Regeln aushandeln, Verletzungen anklagen und über unsere Emotionen kommunizieren", sagt die Soziologin Leoni Linek im Gespräch mit Deutschlandfunk Nova.

Das Problem ist: Wir wissen oft nicht, wonach wir uns wirklich sehnen – weil Erwartungen längst zu gesellschaftlichen Normen geworden sind. Ob wir eine Liebesbeziehung suchen, eine beste Freundin oder eine ganze WG voller Partymenschen – oder alles zusammen –, das fühlt man selbst. Und nur selbst.

Und eins ist sicher: Was ein Sonntag allein bedeutet, wissen nur die, die ihn tatsächlich erleben. Und nur sie haben das Recht, ihn auch mal gründlich zu verfluchen.

 

Kommentare

Florian Meier am Don, 10.07.2025 - 22:06 Link

Da gäbe es so ein Angebot am Sonntagmorgen - sehr flächendeckend und man ist nicht allein. Wenn man gesungen, zugehört, Kerzen entzündet und sich auf andere eingelassen hat, dann ist man wach für einen Spaziergang oder geht auf einen Kaffee und der restliche Sonntag ist schnell vorbei.