6.09.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Frau K. (69) fragt sich: »Warum erscheint, wenn die Freundinnen im Hauskreis Fotos von ihren Familien zeigen, dort immer alles so perfekt? Und warum ist es bei mir nicht so?«

In meinem Hauskreis sind drei ältere Ehepaare. Die zeigen oft Fotos von ihren Kindern und Enkeln herum. Neulich hat mal wieder eine der Töchter aus diesem Kreis geheiratet. Es war eine große Feier – und natürlich gab es wieder Fotos. Ich schaue sie mir an und merke, wie ich traurig werde oder manchmal auch wütend.

Ich bin schon lange geschieden. Meine Ehe war nicht gut. Mein Mann und ich haben uns getrennt, als meine Tochter noch klein war. Ich habe sie alleine erzogen, und jetzt studiert sie und geht ihren Weg. Sie tut sich nicht so leicht mit Beziehungen … Ich ermutige sie zwar, aber ich weiß ja selber, wie vorsichtig man sein muss.

Ich wünsche meiner Tochter ja, dass sie glücklich wird, aber manchmal stelle ich mir vor, dass ich, wenn sie mal heiratet, dann da auch ganz allein zwischen lauter Paaren sitze. Irgendwie habe ich richtig Angst davor. Es ist dann wie im Hauskreis, alle sind glücklich, nur ich weiß nicht, was ich sagen soll …

Frau K. (69)

 

Mir ist ein Gedicht von Mascha Kaleko eingefallen: »Warum, wenn ich reise, zu Wasser oder zu Lande, regnet es meistens? Aber wenn andere reisen, regnet es offenbar nie?« Doch am Ende muss sie zugeben, dass sie gar nicht so gerne zu denen gehören möchte, die ständig von ihren tollen Urlaubserlebnissen erzählen, denn: »Ich brötle gern eigen, im eigenen Stall. Und tanz ich schon mal, dann nur aus dem Reigen.«

Bei Ihnen geht es nicht um Urlaubserlebnisse, sondern um ein ganzes Leben. Ich kann mir vorstellen, wie viel Kraft es Sie gekostet hat, »aus dem Reigen« der scheinbar normalen Familien zu tanzen. Wie schwer es war, ganz alleine für den »eignen Stall« verantwortlich zu sein. Und womöglich schwingt immer noch Trauer und Wut mit, wenn Sie an die Trennung denken. Bei alldem könnte es sein, dass Sie noch gar nicht entdeckt haben, was Sie da eigentlich alles geschafft haben.

Dabei haben Sie Ihrer Tochter viel mitgegeben: Kraft – aber womöglich auch eine Portion Skepsis. Die macht es schwieriger, sich auf Beziehungen einzulassen. Die gibt einem aber auch ein Gefühl dafür, dass das Leben nicht nur aus Hochglanzbildern besteht.

Sie haben, da bin ich mir sicher, auch einiges zu erzählen und zu zeigen von dem, was Ihnen gelungen ist. Ich möchte Sie ermutigen, das in Ihrem Hauskreis zu tun – und daran vielleicht auch Fragen zu knüpfen: dass Sie sich zum Beispiel schon manchmal Gedanken machen, wie das Leben Ihrer Tochter weitergeht. Alle Eltern denken darüber nach, mit Hoffnungen, Fragen, Ängsten. Könnte sein, dass sich daraus ein Gespräch ergibt, das die »Hochglanzbilder« um eine Dimension ergänzt, die sonst gerne verschwiegen wird. Solche Gespräche im vertrauten Haus-Kreis können eine gute Vorübung dafür sein, sich auch bei anderen Gelegenheiten zu trauen, etwas von sich zu zeigen und zu erzählen.

Und was sagt eigentlich Ihre Tochter? Sie ist doch die, um die Ihre Gedanken kreisen. Es wäre gut, sie bei passender Gelegenheit einmal miteinzubeziehen und zu hören, wie ihre Sicht aussieht. Wovon träumt sie, was befürchtet sie – und welche Spuren hat die Trennung in ihr hinterlassen?

 

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