18.10.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Die zehn Jahre ältere Schwester von Frau H. war für diese eine Art Mutterersatz, nachdem die Mutter der Geschwister früh starb. Nun wird die jüngere Schwester selbst Mutter - und einiges kommt wieder hoch zwischen den beiden.

Meine Mutter hat die Familie verlassen, da war ich noch ein Kind. Meine zehn Jahre ältere Schwester hat sich um mich gekümmert. Unser Vater war depressiv und mit der Erziehung völlig überfordert. Meine Schwester und ich waren unzertrennlich. Als sie geheiratet und Kinder bekommen hat, bin ich in ihre Nähe gezogen. Ich hatte lange das Gefühl, dass ich ihr etwas zurückgeben muss für das, was sie für mich getan hat.

Aus beruflichen Gründen bin ich dann für ein paar Jahre ins Ausland gegangen. Meine Schwester hat mir immer vorgeworfen, dass ich nur an mich denke und nicht an meine Familie. Wir haben in dieser Zeit viel gestritten. Nun habe ich vor zwei Jahren einen Mann kennengelernt, wir sind verheiratet, ich bin schwanger. Es klingt wie ein Märchen – ich bin zum ersten Mal in meinem Leben absolut glücklich.

Meine Schwester kennt meinen Mann und mag ihn, aber unser Kontakt ist spröde. Immer bin ich die, die anruft. Neulich habe ich ihr einen Brief geschrieben und sie gefragt, wie es ihr geht mit unserem Kontakt. Sie hat geantwortet, dass sie viel um die Ohren hat und ich das alles nicht persönlich nehmen soll. Was kann ich denn noch machen?

Frau H.

 

Ich versuche mir vorzustellen, wie ungeheuer ernst Ihre Schwester die Aufgabe, Mutter zu sein, genommen hat. Die Vorwürfe, dass Sie »nur an sich denken und nicht an die Familie«, klingen für mich wie ein Versuch, so etwas wie Anerkennung für die enorme und sicher oft auch überfordernde Leistung zu bekommen, die Ihre Schwester erbracht hat. Aber »heranwachsende Kinder« (und das waren Sie ja irgendwie auch für Ihre Schwester), die sich nach einem eigenen Leben sehnen, wollen nicht jahrelang »dankbar« sein. Sie wollen irgendwann weg, und das haben Sie dann ja auch geschafft. Die äußere und vielleicht auch innere Distanzierung war wichtig für Sie beide.

Und nun werden Sie selber Mutter – und das »Mutter-Thema« bekommt wieder ganz neues Gewicht. Wie wollen Sie Mutter sein? An wem sich orientieren? Wen einfach mal fragen, wie das so ist, in der Schwangerschaft und dann, wenn das Kind auf der Welt ist? Natürlich gibt es Freundinnen – aber ich glaube, in solchen Lebensphasen wacht auch die Sehnsucht nach der eigenen Mutter wieder auf. Sie haben zwei »Mütter«: jene, die die Familie verlassen und Ihre Schwester, die die Mutter-Stelle dann übernommen hat.

Vielleicht geht es ja bei Ihrer Sehnsucht nach mehr Kontakt um viele Fragen, die sich in Ihrer gemeinsamen Geschichte angesammelt haben. Womöglich fragen Sie sich jetzt mehr als zuvor, wie es denn für Ihre Schwester war, so viel Verantwortung zu übernehmen, erst für Sie, später für die eigenen Kinder. Wie sie das Verhältnis zu Ihnen über die Jahre erlebt hat und Ihr Herauswachsen aus der Kind-Rolle? Vielleicht hat Ihre Schwester sich wirklich verlassen gefühlt, als Sie ins Ausland gegangen sind. Oder sie war erleichtert und hatte das Gefühl, dass sie es doch gut gemacht hat als »Mutter«? Sie beide hatten über lange Zeit eine so intensive, aber auch sehr ungleiche Beziehung. Nun gibt es die Möglichkeit, dass Sie als erwachsene »Mütter« neu miteinander in Kontakt kommen.

 

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