18.08.2020
Gastbeitrag

Theologieprofessor Anselm: Die elf Leitsätze "Kirche auf gutem Grund" negieren die evangelische Mentalität

Die Kritik an den elf Leitsätzen "Kirche auf gutem Grund" ist berechtigt, findet der Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm. Sie sei nur konsequent: Konsequent reformatorisch. Ein Gastbeitrag.
Schiffe Kirche Symbol

Auf den ersten Blick sind Protestanten  merkwürdige Zeitgenossen. Denn dass die Kirche immer reformbedürftig sei – ecclesia semper reformanda est – kann man allenthalben hören. Wenn dann aber ein Reformvorschlag wie die jüngst veröffentlichten Elf Leitsätze, hagelt es Kritik.

Doch wenn man die kritischen Beiträge zu den jüngst veröffentlichten Elf Leitsätzen mustert, dann ist diese Kritik nur konsequent, konsequent reformatorisch: Das Kirchenvolk wehrt sich gegen eine oktroyierte Reform von oben. Da scheint dann doch gleich wieder der Reformator durch. Gegen das Establishment, gegen die Hierarchie. Für die Parochie und die Pfarrerin vor Ort.

Die evangelische Kirche verliert ihre Mitglieder

Die Kirche verliert seit Jahren an Raum. Für viele Pfarrerinnen und Pfarrer nagt das immer mehr am Selbstwertgefühl. Sie arbeiten viel, sie engagieren sich – und sind zunehmend ratlos, warum die Kirchenmitglieder gehen und nicht bleiben. Und wenn nun in einem Reformpapier die Ortsgemeinde nur als Auslaufmodell vorkommt und Pfarrerinnen und Pfarrer gar nicht erwähnt werden, stärkt das – vorsichtig formuliert – nicht gerade deren Motivation.

Da macht es  kaum mehr etwas aus, dass mit einer "Kirche auf gutem Grund" getitelt wird, faktisch aber nur von der Spitze, nämlich von den Leitungsorganen her gedacht und das Fundament, die Gemeinschaft vor Ort ausgeblendet wird.

Nun kann man einwenden, es handele sich ja auch um ein Papier, das auf der Ebene der EKD und nicht der Landeskirchen ansetzt, eines, bei dem die Bundesebene mit gutem Beispiel vorangehen will. Doch es bleibt ein ungutes Gefühl zurück.

Denn der Duktus des Papiers geht eben schon von einem klaren Gefälle zwischen Leitung und Laien aus. So etwa im Blick auf das öffentliche Reden und die Stellungnahme zu politischen Themen.

Hier soll die Kirche sich auf das konzentrieren, was vom Evangelium her unbedingt zu sagen ist – und das bedeutet ja wohl im Wesentlichen: die kirchlichen Leitungsorgane sollen stärker in den Vordergrund gerückt werden gegenüber der zahlreichen Fachkompetenz ausgewiesener Fachleute, die sich in den Arbeitsstellen und ehrenamtlichen Gremien engagieren.

Die Hochschätzung des Laienelements ist hier nur Rankwerk, ebenso übrigens wie die halbherzige Erwähnung der akademischen Theologie – auch wenn selbstkritisch zu konstatieren ist, dass eine Theologie, die sich immer mehr als Kulturwissenschaft versteht, kaum mehr anschlussfähig ist für kirchliche Reformprozesse.

Dennoch: In der wissenschaftlichen Theologie geht es um mehr als nur die Zurüstung zu einem authentische Glaubenszeugnis, sondern um die Verankerung im Kontext der Gesellschaft und die Verortung gegenüber der Tradition und der Ökumene. 

Abwertung von etablierten Formen und der Parochie

Auch die Abwertung der etablierten Formen und der Parochie folgt nach diesem Muster, ebenfalls die Neuausrichtung der Sonderseelsorge, die nun in ökumenischer Zusammenarbeit erfolgen soll. Die Aufwertung des Digitalen, die Effizienzsteigerung durch ökumenische Zusammenarbeit mag in den Köpfen von Planungsstäben funktionieren.

Als höchstpersönliche Sache bleiben das Evangelium und der Glaube an die Weitergabe in persönlichen Kontakten und in vertrauten Kontexten angewiesen.

Das gilt auch für die Seelsorge in schwierigen Situationen, bei der etwa im Blick auf die Themen von Ehe und Familie ganz unübersehbare Differenzen zwischen katholischer und evangelischer Herangehensweise bestehen - eingeschlossen das Faktum, dass  Frauen etwa in der Polizei eben nur evangelische Pfarrerinnen finden.

Professor Anselm: Dialog mit allen Ebenen ist nötig

Nichts kann Reformbestrebungen im Protestantismus mehr schaden als der Verdacht von Klerikalisierung und Hierarchisierung. Über die Köpfe bestimmen zu wollen, passt nicht zur evangelischen Mentalität. Daher ist es dringend an der Zeit, in einen offenen, vor allem in einen hörbereiten Dialog mit allen Ebenen einzutreten.

Dabei muss eines klar sein: Reformen sind unausweichlich. Die Kirchen müssen mit weniger Ressourcen auskommen, und die daraus resultierenden Verteilungsfragen müssen so gelöst werden, dass in größtmöglicher Transparenz und Partizipation einvernehmliche Antworten gefunden werden. Dann stünde die Kirche wirklich auf gutem Grund.

Elf Leitsätze "Kirche auf gutem Grund" - Zur Entstehung

Unter dem Motto "Kirche auf gutem Grund" hat ein Team insgesamt elf Leitsätze formuliert, die der Weiterentwicklung der evangelischen Kirche dienen sollen.

Entwickelt wurden diese Sätze von dem sogenannten "Z-Team" oder "Zukunftsteam". Es wurde 2017 von der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) berufen. Der Arbeitsgruppe gehören jeweils vier Menschen aus den drei Leitungsgremien und zusätzlich drei junge Erwachsene aus dem Umfeld der Synode an.

Das Zukunftsteam hat die Erfahrungen und Impulse aus dem Reformationsjubiläum weiter gedacht. Unter dem Motto "Kirche auf gutem Grund" wurden elf Leitsätze formuliert. Sie können unter diesem Link eingesehen und kommentiert werden.

Die elf Leitsätze können unter diesem Link als PDF kostenlos heruntergeladen werden.

 

Mitglieder des Z-Teams:

  • Andreas Barner, Mitglied des Rates der EKD, Ingelheim am Rhein
  • Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof und Vorsitzender des Rates der EKD, Hannover
  • Uta Henke, geschäftsleitende Oberkirchenrätin, Karlsruhe
  • Beate Hofmann, Bischöfin der Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck, Kassel
  • Friedrich Kramer, Landesbischof der Ev. Kirche in Mitteldeutschland, Magdeburg
  • Kristina Kühnbaum-Schmidt, Landesbischöfin der Nordkirche, Schwerin
  • Annette Kurschus, Präses der Ev. Kirche von Westfalen, Bielefeld
  • Andreas Lange, Superintendent und Mitglied der Synode der EKD, Lemgo
  • Irmgard Schwaetzer, Präses der Synode der EKD, Berlin
  • Christian Stäblein, Bischof der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg - schlesische Oberlausitz, Berlin
  • Susanne Teichmanis, Oberkirchenrätin, Ev.-Luth. Oberkirchenrat, Oldenburg
  • Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Bad Soden

Ständige Gäste

  • Anna-Nicole Heinrich, Vorstandsmitglied der aej, Regensburg
  • Karl Poerschke, humenta - Vorstand Rekrutierung & Jahrgänge, Berlin
  • Johanna von Büren, Wort des Lebens e.V., Berg

Vertreter der EKD

  • Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD und Leiter der Hauptabteilung "Kirchliche Handlungsfelder und Bildung", Hannover
  • Martin Hauger, (Geschäftsführung) Referent für Glaube und Dialog, Hannover
  • Johannes Wischmeyer, Referent für Studien- und Reformfragen der Kirche, Hannover
ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Gastbeitrag

Abendmahl online feiern Gottesdienst evangelisch Laptop
Derzeit wird diskutiert über die Frage, ob ein Gottesdienst online gefeiert werden kann. Die Münchner Theologieprofessoren Reiner Anselm und Christian Albrecht erklären, welche Elemente für einen Gottesdienst unverzichtbar sind.

Protestantismus

Professor Reiner Anselm Theologe München
Wie wirkt die Kirche in die Gesellschaft hinein? Und was muss sich an den theologischen Hochschulen ändern? Im großen Sonntagsblatt.de-Interview gibt Reiner Anselm, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der LMU in München, Antworten auf aktuelle Fragen unserer Zeit.