11.10.2020
Haus der Bayerischen Geschichte

Schnelle Autos, ein grüner Kaktus und der braune Putsch: Eine Ausstellung über das Bayern in den 1920er Jahren

Die Ausstellung "Tempo, Tempo - das Bayern der 1920er Jahre " im Museum des Hauses der Bayerischen Geschichte in Regensburg wurde am 26. September eröffnet. Mit 100 Exponaten auf 400 Quadratmetern zeigt die Ausstellung ein Kaleidoskop dieser Ära, seiner politischen Geschichte, aber auch seines kulturellen, sozialen und industriellen Lebens.

Nach Kriegsende und November-Revolution weiß um 1919 niemand in München so recht, wie es weitergehen soll.

Die Zeichen der Weimarer Republik stehen auf Umbruch. Der Putsch der Nationalsozialisten von 1923 kann zwar niedergeschlagen werden, doch die junge Demokratie bleibt durch politische Radikalisierung von links und rechts bedroht.

Die Ausstellung "Tempo, Tempo" in Regensburg

In der Ausstellung "Tempo, Tempo" mit ihren 100 Exponaten auf 400 Quadratmetern wird bis 7. Februar 2021 ein Kaleidoskop dieser Ära gezeichnet, seiner politischen Geschichte, aber auch seines kulturellen, sozialen und industriellen Lebens - eindrucksvoll nacherlebbar in einem mehrdimensional angelegten Raum:

einem Laufsteg, auf dem Vitrinen mit Exponaten sitzen, dahinter in einer zweiten Ebene Gemälde, Lithographien, Plakate, und oben ein Laufband mit Filmen. Aber immer gibt es Durchblicke zu den nächsten Teilen.

Die Gesellschaft der 1920er Jahre

Die Wirtschaft kommt nur dank US-amerikanischer Hilfe in Gang. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. In jedem fünften Haushalt leidet ein Mensch an Tuberkulose. Das heizt die angespannte Stimmung weiter auf.

Zeitgleich gibt es überall technische Neuerungen und Rekorde, in den Salons ausschweifende Partys und Feste.

Der Kaktus avanciert zum Symbol der 20er Jahre. Es gibt Kakteenvereine, das Lied "Mein kleiner grüner Kaktus" wird zum Ohrwurm - und befriedigt die Fernweh-Sehnsucht.

Das Lebensgefühl der wilden 1920er Jahre kommt auch mit neuer Musik und Mode daher. Josephine Baker tanzt in Berlin, nicht in München, weil ihre Auftritte dort verboten sind.

Dann bricht die Weltwirtschaftskrise 1929 herein, mit Hyperinflation und erneut ansteigender Arbeitslosigkeit - und schafft so den Nährboden für den Aufstieg der NSDAP.

Der Aufstieg der NSDAP

Zum Einstieg in die Schau werden Besuchskarten von Personen gezeigt, die dem Festungshäftling Adolf Hitler im Landsberger Gefängnis ihre Aufwartung machen: darunter die vermögende Helene Bechstein aus Berlin, das Verlegerehepaar Hugo und Elsa Bruckmann in München oder der am Putsch beteiligte, einflussreiche Militär Erich Ludendorff.

Sie öffneten Hitler die Türen in die gehobene Gesellschaft und machten damit auch die NSDAP salonfähig.

"Die 20er Jahre sind keine Einbahnstraße gewesen, die zwangsläufig auf das Jahr 1933 mit der Machtergreifung Hitlers zulief. Die Menschen hatten immer wieder die Wahl für die eine oder andere Partei", sagt Wolfgang Jahn vom Haus der Bayerischen Geschichte.

 

Ein neues Frauenbild

Wie heute veränderten neue Medien den Alltag: Schreibmaschine und Telefon sorgten für neue Arbeitsplätze, besonders für Frauen im Büro.

Damit einhergeht eine Veränderung des Frauenbildes: Kurzer Bubikopf und der Topfhut gehören zum modischen Accessoire.

Frauen werden selbstständiger, übernehmen auch beruflich eine andere Position. Das kratzte am patriarchalen Selbstbild der Männer.

"Du siehst ja aus wie ein Mann, mein Schatz", steht auf einem ausgestellten Notentitelblatt im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Neue Technik: das Automobil

Und die Sehnsucht, auch der Motorradfahrer, richtet sich auf das Automobil, die Zahlen steigen rasant auf 178.000 stolze Autobesitzer im Jahre 1930 in Bayern an, damit auch die Unfallzahlen. Plakate und drastische Verkehrsfilme mahnen zu mehr Vorsicht.

Der Film "Wartesaal. Das Schauspiel zur Ausstellung"

Mit der Ausstellung geht das Haus der Bayerischen Geschichte neue Wege: In der einen Hälfte des Saals spielt die Bayernausstellung mit ihren Objekten und Inszenierungen, in der anderen Hälfte gibt es großes Kino.

Im Film "Wartesaal. Das Schauspiel zur Ausstellung" begegnen sich Schauspieler und Kabarettisten wie Christoph Süß, Max Uthoff, Luise Kinseher, Helmut Schleich und Christian Springer.

Vom Beamten bis zum ärmlichen Soldaten, von der kränklichen jungen Frau bis zum feinen Herrn, vom polternden Bayern bis hin zur Fotografin schlüpfen sie in die unterschiedlichsten Rollen und sind wie der Gesellschaft jenes Jahrzehnts entsprungen.

Ellen Ammann

Dabei kommt auch Ellen Ammann zu Ehren: Jene Landtagsabgeordnete, die die bayerische Demokratie vor Hitler rettet.

Die Sozialpolitikerin Ellen Ammann, die von der Aktion Wind bekommen hat, die nicht im Bürgerbräukeller festgehaltenen Regierungsmitglieder und alle möglichen Landtagskollegen in ihrer Frauenschule zusammentrommelt und eine später berühmt gewordene Proklamation durchsetzt: "Die verfassungsgemäße Regierung besteht weiter!"

Hier in der Frauenschule wird der Widerstand gegen den braunen Putschversuch organisiert.

Eine gespaltene Gesellschaft

"Was wir zu zeigen versucht haben, ist diese starke Spaltung in der Gesellschaft bei den Einkommen und bei den Verhältnissen. Es war eine Gesellschaft, die sich beschleunigt mit ständigen technischen Neuerungen umzugehen hatte. Und das Leben für viele Menschen sehr anstrengend gemacht hat", sagt Christoph Süß, Drehbuchschreiber und Erzähler des Films.
 

Parallelen zu unserer heutigen Zeit

Parallelen zur heutigen Zeit seien unübersehbar, findet Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte.

Er wolle aber nicht allein darauf den Fokus legen. "Da halten wir es mit Karl Valentin: Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie sich in die Zukunft richten. Die Leute sollen selber nachdenken, und dazu regt der Film natürlich nachhaltig an."

Das Titelblatt des Simplicissimus 

Die Ausstellung schließt mit einer Inszenierung des Titelblatts des Simplicissimus von 1927: "Eine hellsichtige und vorausschauende Karikatur", sagt Wolfgang Jahn, die die Zersplittertheit der "Republik ohne Republikaner" schon angedeutet habe.

Verschiedene Bürger tragen die Buchstaben der Republik. "Aber wer trägt den Geist der Firma", lautet die Schlussfrage. 

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