14.07.2020
Weißer Bio-Zucker aus Franken

Regionaler Anbau von Bio-Zuckerrüben ist noch eine Marktnische

Bio, regional und fair - so wünschen sich viele ihre Lebensmittel. Beim Bio-Zucker allerdings steht Regionalität oftmals hintan. Denn in den Bioregalen findet man meist nur Rohrzucker aus Übersee. Dabei gibt es auch heimische Bio-Zuckerrüben.

Benedikt Endres steht auf einer kleinen Anhöhe im Ochsenfurter Gau in Unterfranken und blickt über sein Feld. Vor ein paar Jahren hat der Landwirt seinen Betrieb auf Bio umgestellt. "Dass hier Bio-Zuckerrüben wachsen, kann man vom Weg aus nicht erkennen", sagt er und deutet auf die saftig-grünen Rübenblätter. Aber man hört es: Es summt, vor allem dank des Blühstreifens am Feldrand.

Auf der anderen Seite des Feldwegs werden auch Zuckerrüben angebaut, allerdings konventionell. Während dieses Feld gespritzt und gedüngt wird, damit der Ertrag stimmt, muss Endres mit vielen Stunden Arbeit auf dem Feld dagegen halten.

Zuckerrüben-Anbau

Der Agrar-Ingenieur aus der Nähe von Würzburg gehört zu einer kleinen Minderheit. Auf ungefähr 800 Hektar werden in Franken Bio-Zuckerrüben angebaut, das sind gut drei Prozent der gesamten Anbaufläche von mehr als 24.000 Hektar in der Region.

Deutschlandweit lag der Anteil an Bio-Zuckerrüben-Anbaufläche 2018 noch darunter, bei wenig mehr als einem Prozent von insgesamt rund 390.00 Hektar. Die Gründe dafür sind vielfältig.

"Für viele konventionelle Landwirte ist das Thema Beikräuter ein Schreckgespenst", sagt er.

Was er Beikräuter nennt, nennen andere Unkraut. Rund ein Drittel der Bio-Zuckerrüben komme über das Keimblattstadium nicht hinaus, der Ertrag beim Bio-Anbau liege bei etwa 60 Prozent des konventionellen: "Dafür liegt der Preis für die Rüben bei mehr als dem Dreifachen."

Seit Jahren steigen die Umsätze in der Bio-Branche, zwischen 2006 und 2017 haben sie sich auf mehr als zehn Millionen Euro verdoppelt. Doch nur das Bio-Siegel sei zum Beispiel kein Garant für eine gute CO2-Bilanz oder auch für nachhaltiges Wirtschaften, sagt Endres: "Wer in den Läden nach Bio-Zucker sucht, findet in der Regel Bio-Rohrzucker."

Rohrzucker aus dem Ausland

Der wird quer über den Globus geschifft, zum Beispiel aus Paraguay nach Deutschland. Dabei gibt es auch biologischen Zucker aus der Region. Das aber wüssten die wenigsten, sagt Endres. Für rund vier bis fünf Euro das Kilo kann man ihn bei einigen Bio-Anbietern für den Haushalt kaufen.

Einer der vier großen Zuckerhersteller in Deutschland ist Südzucker mit Sitz in Mannheim. Ein Konzernsprecher bringt das Problem auf den Punkt: "Weißer Biozucker entspricht nicht der Erwartungshaltung vieler Kunden."

Für viele Bio-Konsumenten sei ein "ökologisch einwandfreier Zucker" mit der bräunlichen Farbe des Rohrzuckers verbunden.

Damit aber kann Rübenzucker nicht dienen. Außerdem sei er einiges teurer. Denn Rohrzucker komme meistens aus Ländern mit extrem niedrigen Lohnkosten. Selbst wenn er fair gehandelt sei, komme man damit nicht annähernd an europäische Lohnkosten heran, sagt der Sprecher.

Weißer Biozucker

Das weiß auch Landwirt Endres. Pro Hektar muss er mindestens 130 Arbeitsstunden einplanen, um etwa die Beikräuter in Schach zu halten. Das macht Bio-Rübenzucker teurer. Es gebe aber auch Lebensmittelhersteller, die neben Bio auch bewusst auf regional setzten, erläutert Endres, die Neumarkter Lammsbräu und Bionade etwa. Dort werde für Erfrischungsgetränke nur regionaler Biozucker eingesetzt.

Wolfgang Schürger, Umweltreferent der bayerischen Landeskirche, kennt das Problem: Optimal sei der Dreiklang: bio, regional und fair.

"Wenn ich ein regionales Bioprodukt habe, brauche ich kein Fairtrade - das ist da quasi inklusive",

sagt er und ergänzt: "Bio-zertifizierter Rübenzucker aus Europa, am besten aus der jeweiligen Region, hat natürlich eine viel bessere CO2-Bilanz als jeder Bio-Rohrzucker vom anderen Ende der Welt."

Bio-Rübenzuckerabsatz

Und trotzdem stagniert der Bio-Rübenzuckerabsatz, sagt der Sprecher von Südzucker: "Das ist aktuell eben kein Wachstumsmarkt." Bislang wird nur in einer Südzucker-Fabrik Bio-Rübenzucker hergestellt.

Aber dass es ein Wachstumsmarkt werden könnte, davon ist Landwirt Endres überzeugt. Dazu allerdings bräuchte es die Industrie, die regionales Bio aktiv vermarkte.

Daran fehlt es zurzeit in seinen Augen. Er liefert einen Teil seiner Bio-Zuckerrüben an die regionale Bioland-Erzeugergemeinschaft rebio, die daraus in einer Schweizer Zuckerfabrik Biozucker herstellen lässt.

Kann Bio-Zucker weiß sein?

"Wir machen das erst seit 2011 - und die Entwicklung ist rasant", sagt Andrea Greule von rebio, die dort für das Zuckergeschäft verantwortlich ist. 2013 wurden erstmals 100 Tonnen Bio-Zucker in Verbandsqualität, also etwa nach den Vorgaben von Bioland oder Demeter, wieder zurück nach Deutschland importiert.

2019 waren es schon rund 3.000 Tonnen. Trotzdem herrsche in den Köpfen der meisten Verbraucher noch die Vorstellung: Bio-Zucker kann "nicht weiß sein".

Landwirt Endres hat sich aus Überzeugung für Bio entschieden - allen Problemen und Hindernissen zum Trotz: "Man muss sich fragen, was man will: Feldfrüchte auf dem Weltmarkt zu verschleudern und auf Masse gehen zu müssen, oder man schlägt einen anderen Weg ein."

Dass ihn mancher konventionelle Bauer belächele, wenn er bei der "Kampagne" - so nennt man die Rübenernte - die meist etwas kleineren Bio-Rüben mit den großen konventionellen vergleiche, ficht ihn nicht an:

"Das ist wie bei uns Menschen: Wenn die Rüben zu viel Nährstoffe bekommen, werden sie zwar dick, aber die Pflanze nicht unbedingt gesünder."

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