12.05.2019
Alternativer Friedhof

Friedweinberg in Nordheim: Bestattung unterm Rebstock

Im unterfränkischen Nordheim finden rund 1.500 Naturliebhaber ihre letzte Ruhestätte im Friedweinberg. Reservierungen für die Urnenplätze auf dem alternativen Friedhof gibt es bereits aus der ganzen Republik.
Friedweinberg in Nordheim am Main

Die ersten Sonnenstrahlen spitzen über den Hügel, Vögel zwitschern, die Wiese ist noch taunass, im Hintergrund hört man einen Traktor Gas geben. Nordheim am Main ist ein idyllisches Fleckchen Erde - und ganz nebenbei eine der größten Weinanbaugemeinden Frankens. "Also, was lag näher", fragt Bürgermeister Guido Braun.

Viele Einheimische wollten sich nicht mehr auf dem normalen Friedhof bestatten lassen. Hauptargument: Die Grabpflege soll keinem zur Last fallen. Also kauften sich viele irgendwo in einem Friedwald ein. "Aber die Leute wollen am liebsten dort beerdigt werden, wo sie gelebt haben", sagt Braun. Also baute die Gemeinde einen Friedweinberg.

Bestattung auf dem ersten Friedweinberg Deutschlands

Die Idee kam Braun vor nicht ganz zwei Jahren, Anfang Dezember des vergangenen Jahres wurde der Nordheimer Friedweinberg mit seinen 186 roten und weißen Rebstöcken bereits eröffnet. "Dass das so schnell ging, war Glück", sagt Bürgermeister Braun. Denn die Fläche oberhalb des Friedhofs war bereits vor 20 Jahren als Erweiterungsfläche für den normalen Gottesacker eingeplant - es gab also ein Bodengutachten und auch schon eine Genehmigung des Landratsamtes, dort Menschen zu beerdigen.

Bis zu 1.488 eingeäscherte Leichname dürfen dort bestattet werden - acht Urnen im Abstand von je 60 Zentimeter rings um jeden Rebstock. In Nordheim sterben jährlich ungefähr zehn Einwohner.

Bisher sieben Gräber auf dem Friedweinberg

Brauns Intention, dass der Weinberg vor allem für Verstorbene der kleinen 1.000-Einwohner-Gemeinde ist, ging bislang nicht so ganz auf. "Ehrlicherweise stammt von den sieben derzeit beerdigten Personen keine aus Nordheim", sagt er. Einige kommen aus Nachbarorten wie der Stadt Volkach, doch die meisten Bestatteten sind von weiter her, etwa aus Bayreuth: "Die Menschen finden die Idee offenbar gut, sie suchen nach Alternativen zum normalen Friedhof."

Inzwischen gebe es Reservierungen für Bestattungsplätze aus ganz Deutschland, und natürlich seien da etliche Nordheimer dabei: "Bei uns gibt es viele Weinbau-Familien, da liegt die letzte Ruhestätte im Weinberg nahe."

Wie viel das Rebstock-Grab pro Jahr kostet

Dabei ist die Bestattung im Friedweinberg Nordheim nicht gerade ein Schnäppchen - jedenfalls wenn man sie mit den regulären Preisen auf dem Friedhof der Gemeinde vergleicht. Ein Rebstock-Grab kostet pro Jahr 49,60 Euro, die Mindestruhezeit für Urnen liegt in Deutschland bei zehn Jahren.

Eine Erdbestattung auf dem Friedhof hingegen kostet für die 20 Jahre Mindestruhefrist insgesamt 480 Euro - das sind gerade mal 24 Euro pro Jahr. Auch bei Familiengräbern ist die Differenz ähnlich. Im Friedweinberg kann man sich als Familien- oder Freundesgrab vier der acht Grabstätten rund um einen bestimmten Weinstock für um die 200 Euro pro Jahr sichern. "Das wird gut angenommen", berichtet Braun.

Was die Kirchen vom Friedweinberg halten

Nicht nur rechtlich gesehen, sondern auch theologisch wird der erste richtige Friedweinberg Deutschlands wie ein Friedwald behandelt. "Die Kirchen haben kein Problem damit", erzählt Bürgermeister Braun, der für die Gemeinde zuständige katholische Benediktinerpater und auch die evangelische Pfarrerin aus dem Nachbarort waren zur Einsegnung im Dezember dabei. Wichtig ist den Kirchen nur, dass die Grabstätte eines Toten klar verortet werden kann - also: Es muss zwar kein Name am jeweiligen Rebstock stehen, aber es ist klar geregelt, wo genau die Asche des Verstorbenen beerdigt wurde. Wo bereits Menschen beerdigt wurden, zeigen kleine Metallkreuze auf den Pfählen der Rebstöcke an.

Gegner habe es beim Projekt Friedweinberg nicht gegeben. Nur einen Anruf vom Weinbauverband. Der wollte sichergehen, dass die Trauben - allesamt pilzresistente Speisetraubensorten - nicht verarbeitet werden. "Das hatten wir ohnehin nicht vor", versichert der Bürgermeister: "Wir wollten kein 'Von der Asche in die Flasche'." Gegessen werden sollen die Trauben auch nicht. "Wir machen im Sommer einen Grünschnitt und entfernen die Fruchtansätze", erläutert Braun. Die Rebstöcke sollen ja nur die Optik eines Weinberges ergeben, nicht dessen Ertrag: "Reife oder gar faulige Trauben mit Tausenden Wespen will man an so einem Ort der Ruhe, der Besinnung und Trauer schließlich nicht haben."

In Reinland-Pfalz Bestattung unter Rebstöcken auf Friedhof möglich

Ein bisschen Ärger gab es rund um die Eröffnung im Dezember dann doch. Nämlich um die Frage, wer denn nun den ersten Friedweinberg Deutschlands hat. Im Norden von Rheinland-Pfalz gibt es in Ahrweiler nämlich seit Mitte 2017 auf einem normalen Friedhof einige Rebstöcke, unter denen man sich bestatten lassen kann. Allerdings eben nicht wie im unterfränkischen Nordheim direkt umringt von echten Weinbergen. Jedenfalls war man in Ahrweiler wenig amüsiert über die Nordheimer, die sich damals als Planer des ersten Friedweinberges in Deutschland wähnten. Bürgermeister Braun nahm's und nimmt's gelassen: "Ich hab' die Idee niemandem geklaut, ich hab' vorher nicht mal gegoogelt."

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