30.10.2018
Brasilien

Brasilien nach der Wahl 2018: Was die Wähler denken

Der Rechtspopulist Jair Bolsonaro hat die Präsidentenwahl in Brasilien gewonnen. Und das, obwohl er über Frauen, Afro-Brasilianer und Ureinwohner hetzt und Schwule und Lesben verunglimpft. Was die Wähler denken.
Brasilien Wahlen Lutherische Kirche
Luiz Alberto França Alves, Maristela Lagemann und Carla Vilma Jandrez sprechen über den Ausgang der Wahlen 2018 in Brasilien.

Hans Zeller war bis 2017 Lateinamerika-Referent für MissionEineWelt. Er hat die Wahlen in Brasilien verfolgt. In dem Wahlkampf für das Amt des Präsidenten spiegelt sich die Polarisierung der Menschen in Brasilien wieder, meint Zeller. Jair Bolsonaro ist der Sieger der Wahl. Er hat Karriere in der Armee gemacht und ist Oberst der Reserve. Anfang des Jahres hatte niemand damit gerechnet, dass er sich für die Wahl aufstellen lassen würde. Doch verstand er es, den Hass der Bürgerinnen und Bürger gegen die Arbeiterpartei anzustacheln. Für viele Brasilianerinnen und Brasilianer ist die Arbeiterpartei schuld daran, dass es in Brasilien in den letzten drei Jahren wirtschaftlich rückwärts ging.

Zeller hat  die Reaktionen von drei WählerInnen eingefangen:

"Wir sind ein reiches wunderbares Land mit einem großen Reichtum an Ressourcen, aber dieser Reichtum ist ungerecht verteilt" - sagt Luiz Alves.

Luiz Alves ist in Sao Paulo aufgewachsen und besucht als Kind das Versöhnungszentrum der Evang.-Luth. Kirche in Sao Paulo. Später studiert er soziale Arbeit und gehört heute zur Leitung der Einrichtung, die vor allem Kinder, Jugendliche und auch Seniorinnen und Senioren ein Zuhause und Fortbildungsmöglichkeiten gibt, die aus der armen Bevölkerungsschicht kommen.

Für Luiz Alves ist klar, dass die Arbeiterpartei unter den Präsidenten Lula de Silva und Dilma Roussef vielen Menschen aus der extremen Armut geholfen hat. Den Grund, warum die Arbeiterpartei Brasiliens, die über 14 Jahre an der Macht war, so in Misskredit geraten ist, erklärt Alvez wie folgt: "Um an der Macht bleiben zu können, hat sie sich wie die anderen Parteien der Korruption bedient und dabei ihre eigene Ideologie verraten", sagt Alvez und fährt fort: "Aber was wir in Brasilien brauchen und wonach wir uns sehnen, ist eine glaubwürdige Politik, in der Gerechtigkeit herrscht und es keine Bevorzugung einiger weniger gibt. Wir sind ein Land, das, seit die Portugiesen gekommen sind, ausgebeutet wurde und diese Ausbeutungsmentalität ist bis heute in der Politik sehr stark gegenwärtig. Die Polarisierung zwischen arm und reich ist deshalb nichts Neues".

 

"Die Situation in meinem Land ist sehr angespannt. Die Gesellschaft ist gespalten und es gibt keinen Dialog zwischen den verschiedenen politischen Positionen" - sagt Maristela Lagemann.

Maristela Lagemann ist Koordinatorin einer Kindereinrichtung in Rio Grande do Sul. Die politische Situation in Brasilien empfindet sie als sehr aufgeheizt. "Überrascht bin ich über die Hetze, die es im Wahlkampf von Seiten des neuen Präsidenten Jair Bolsonaro gegen Minderheiten wie Indigene und Schwarze gegeben hat", sagt Lagemann. Bolsonaro wolle den sozialen Aufstieg von Millionen vormals armer Menschen und das neue Selbstbewusstsein von Frauen und Schwarzer wieder rückgängig machen, befürchtet sie. Aufgrund seiner konservativen Einstellung in Bezug auf Homosexualität und Abtreibungsverbot werde er von den mächtigen Pfingstkirchen unterstützt.

 

"Lutherische Kirchen können den Dialog fördern und Polarisierung vermeiden" - sagt Carla Jandrey

Wie schaut die Position der Evangelischen Kirche lutherischen Bekenntnisses in Brasilien aus? Carla Jandrey, Diakonin und Koordinatorin der diakonischen Projekte der Kirche, hebt den Einsatz der lutherischen Kirche für den Dialog in dieser Situation der extremen Konfrontation und Polarisierung als wichtigen Punkt hervor. Die Kirche habe die Aufgabe der Vermittlung, gerade in dieser Situation, in der alle meinen, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Im Dialog und gegenseitigen Respekt sollte die Politik sich dafür einsetzen, dass alle Menschen in Würde leben können und der gesellschaftliche Friede gestärkt wird. In ihrem Jahresprogramm hat die Lutherische Kirche das Zusammenwirken von Kirche, Wirtschaft und Politik thematisiert. Für Carla ist das Gebot der Stunde, dass die Gemeindeglieder motiviert werden, sich in der Nachfolge Jesu Christi zu sehen und sich dafür einsetzen, dass alle genug zum Leben bekommen.

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