12.08.2020
Kommentar

"Die 'Sea-Watch 4' kann die Zahl der Toten im Mittelmeer verringern - und das ist eine ganze Menge"

Corona hat die Arbeiten verzögert, aber in diesen Tagen geht es los: Das Seenotrettungs-Schiff "Sea-Watch 4" läuft aus, um Menschen in Seenot zu retten. Finanziert ist der Umbau des ehemaligen Forschungsschiffs durch Spenden, zum großen Teil aus kirchlichen Kreisen. Kirchensteuermittel seien nicht geflossen, beteuert die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD).
Rettungssschiff Sea-Watch 4

Seit die Europäische Union die staatliche Seenotrettungsmission Sophia eingestellt hat, sind auf dem Mittelmeer nur noch die Schiffe privater Organisationen unterwegs. Wenn man sie lässt.

Inzwischen seien "fast alle aktiven Seenotrettungsschiffe wegen angeblicher Sicherheitsmängel in Italien festgesetzt oder werden mit nicht erfüllbaren Auflagen am Einsatz gehindert", kritisieren die Hilfsorganisationen Sea-Eye, Sea-Watch und SOS Méditerranée in einer gemeinsamen Erklärung.

Die Folge: Derzeit ist kein ziviles Seenotrettungsschiff im Einsatz.

Viel Kritik am kirchlichen Seenotrettungsschiff

Rund ein Jahr hat es von der Idee, ein kirchliches Schiff zu schicken, bis zur Umsetzung gedauert. Kritiker haben im Vorfeld vor allem drei Argumente eingebracht:

• Es ist nicht Aufgabe der Kirche, sich als Reederei zu betätigen.
• Die Seenotrettung löst einen "Pulleffekt" aus; das heißt, die Menschen setzen sich in die Schlauchboote, weil sie davon ausgehen, gerettet zu werden.
• Die Kirche wird zum Akteur einer Migrationspolitik, die jedem Mensch das Recht zugestehen will, in dem Land seiner oder ihrer Wahl zu leben.

Doch die Gegenargumente stechen:
• Die Kirche ist nicht Reederei, sondern Teil eines Bündnisses von 500 Mitgliedern, das die Finanzierung gestemmt hat. Betreiber ist die Seenotrettungsorganisation Sea-Watch.
• Den Pulleffekt weisen Migrationsforscher seit Jahren zurück. Die Verzweiflung der Menschen sei so groß, dass sie trotz Lebensgefahr auf die Boote steigen.
• Die EKD ist sich sehr wohl bewusst, dass nicht alle Geretteten in Europa werden bleiben können. Aber sie haben ein Recht auf ein geordnetes Asylverfahren.

Problem: es gibt keinen geregelten Verteilmechanismus in der EU

Auch die Sea-Watch 4 wird bald vor dem Problem stehen, dass sie keine Erlaubnis zur Einfahrt in einen Hafen erhält. Dann wird das unwürdige Geschachere losgehen, welches Land sich zur Aufnahme der Menschen bereit erklärt.

Denn noch immer gibt es keinen geregelten Verteilmechanismus in der EU. Vielleicht gelingt es, durch das breite Bündnis von "United4Rescue" mehr Druck auf die Politiker auszuüben, die Flüchtlingspolitik human zu regeln.

Was bleibt, ist die traurige Tatsache, dass auch die Sea-Watch 4 das Sterben im Mittelmeer nicht beenden wird. Aber sie kann die Zahl der Toten verringern. Und das ist eine ganze Menge.

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