7.04.2013
Filmgeschichte

Jean-Paul Belmondo: Gefühlvoller Draufgänger

Unnachahmlich die Mimik, körperbetont das Spiel: Jean-Paul Belmondo ist einer der profiliertesten französischen Schauspieler seiner Generation, Komödiant und knallharter Held zugleich.

Die Franzosen nennen ihn liebevoll "Bébel - Jean-Paul Belmondo, Charakterdarsteller und Actionheld, der so charmant grinsen kann. Ob "Außer Atem", "Die Millionen eines Gehetzten" oder "Der Profi" - in den 60er- bis 80er-Jahren reichte allein der Name Belmondo, um die Kinos zu füllen. Frankreichs Spitzenregisseure rissen sich um ihn. Am 9. April wird der Superstar des französischen Kinos 80 Jahre alt.

In Neuilly-sur-Seine kommt Belmondo 1933 zur Welt. Der Vater ist Bildhauer, die Mutter Tänzerin. Der junge Jean-Paul, ein schwieriger aufmüpfiger Schüler, begeistert sich fürs Boxen, bestreitet Kämpfe. Aber mit 16 erkrankt er an Tuberkulose. Schluss mit Boxen, ein neues Ziel, ein neuer Traum: Schauspieler werden. Belmondo schafft die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule, lernt dort mit Jean-Claude Brialy und Annie Girardot. Und bekommt den Spitznamen "Bébel".

Meisterwerk "À bout de souffle"

Mit seinen herben Zügen, der breiten Nase, der lässigen Haltung, dem berühmten Lächeln ist Belmondo unverwechselbar. Knallhart und komödiantisch zugleich, sinnlich, bisweilen naiv. Der gefühlvolle Draufgänger. Ein Gegenpol zum klassisch schönen, "eiskalten" Alain Delon, dem anderen Superstar dieser Generation. Beide Nachwuchstalente starten ihre Karriere 1958 im selben Film, der Krimikomödie "Sei schön und halt den Mund". Zwölf Jahre später stehen sie in dem Gangsterepos "Borsalino" (1970) erneut zusammen vor der Kamera.

Belmondo ist 26, als er mit Jean-Luc Godards "Außer Atem" (À bout de souffle) zum Star wird. Es ist der Beginn der Nouvelle Vague, die das französische Kino jener Zeit mit ihrer unkonventionellen Filmsprache prägt. "Außer Atem" erzählt von dem Autodieb Michel, der einen Polizisten erschießt, nach Paris flieht und mit einer Studentin (Jean Seberg) anbandelt, die ihn verrät. Belmondo porträtiert diesen Michel illusionslos und zynisch, als modernen Antihelden. Godard ist begeistert und engagiert den Jungstar auch für die Komödie "Eine Frau ist eine Frau" und "Elf Uhr nachts".

Das Komödiantische gepaart mit Action macht Belmondo sichtlich Spaß, etwa wenn er in "Cartouche der Bandit" (1961) den berühmten Räuber spielt oder in Philippe de Bro­cas "Le Magnifique" (1973) einen unbedeutenden Autor mimt, der sich im Frust in wilde Actionszenen hineinträumt.

Belmondo sei außergewöhnlich, könne einfach alles, urteilt Film-Noir-Regisseur Jean-Pierre Melville. Er setzt Belmondo in seinen legendären Gangster- und Abenteuerfilmen ein, so in "Der Teufel mit der weißen Weste" (1962) und "Die Millionen eines Gehetzten" (1963).

Geschätzt unter Kollegen

Auch Claude Chabrol ("Schritte ohne Spur"), Henri Verneuil ("100.000 Dollar unter der Sonne") oder François Truffaut schätzen Belmondos sensible, unbekümmerte Darstellung. Seine Helden leiden, kämpfen, siegen, lieben. In Truffauts "Das Geheimnis der falschen Braut" verliebt er sich in Catherine Deneuve, in Godards "Elf Uhr nachts" in Anna Karina. Bei Frauen kommt der durchtrainierte charmante Schauspieler auch im echten Leben gut an. Er heiratet früh, wird dreimal Vater und bald geschieden. Berühmt sind seine Beziehungen und Affären mit Filmpartnerinnen, etwa mit Ursula Andress oder Laura Antonelli.

Ab Ende der 70er-Jahre konzentriert sich Belmondo auf Filme, die ganz auf ihn als ­Action-Star zugeschnitten sind, Thriller wie "Angst über der Stadt" (1975), "Der Windhund" (1979) oder "Der Profi" (1981). Wie gewohnt macht er die Stunts selbst, katapultiert sich etwa in "Der Profi" von einem Hubschrauber aus durch eine Fensterscheibe in eine Wohnung hinein.

Als Belmondo sich bei Dreharbeiten zu "Der Boss" (1985) verletzt, hört er mit dem Action-Kino auf. Er besinnt sich auf seine schauspielerischen Anfänge, spielt wieder Theater und legt sich gar eine eigene Spielstätte zu, das "Théatre des Variétés" in Paris. "Schauspielen muss man lernen", urteilt er. "Es ist nicht allzu schwer, aber man muss es lernen."

Nach einem Schlaganfall 2001 kämpft er sich in die Normalität zurück, übt laufen, sprechen. 2002 heiratet Belmondo erneut, seine langjährige Lebenspartnerin Nathalie Tardivel, wird nochmal Vater. 2008 wird auch diese Ehe geschieden.

Sein Traum, noch einmal das Kommando "Action!" zu hören, erfüllt sich dagegen im Jahr 2008. In "Ein Mann und sein Hund" spielt er einen alten Mann, der mit seinem kleinen Hund obdachlos umherzieht. Belmondo ist markant mit seinen weißen Haaren, den mächtigen schwarzen Augenbrauen und seinem Lächeln: ein wenig wehmütig, aber unverkennbar.

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