Homosexualität & Kirche
Jesus wäre auf dem CSD unterwegs gewesen und hätte sich für den Schutz sexueller und geschlechtlicher Identität eingesetzt, ist der Münchner Pfarrer Wolfgang Scheel überzeugt. Ein Gespräch übers Queersein und die Initiative "Grundgesetz für alle".
Zwei Männerhände vor einer Regenbogenfahne
Zwei Männerhände vor einer Regenbogenfahne.

Mit einer Petition und einem Aktionstag am Sonntag (19. September) in München und anderen Städten wirbt die Initiative "Grundgesetz für alle" für den Schutz sexueller und geschlechtlicher Identität in der Verfassung. Neben der zweiten Bürgermeisterin der Stadt, Katrin Habenschaden (Grüne), wird auch der evangelische Theologe Wolfgang Scheel auf der Bühne sprechen. Mit dem Sonntagsblatt sprach der Münchner Pfarrer im Ruhestand und Vorstand der Münchner "Rosa Liste" übers Queersein und die damit verbundenen Probleme.

Herr Scheel, was bedeutet für Sie "queer"?

Wolfgang Scheel: "Queer" ist für mich der Oberbegriff für alle, die nicht oder irgendwie anders sind als "cis-hetero" oder "cis-hetera" (Anm. d. Red.: "cis" ist die Abkürzung von "cisgender" und meint die Übereinstimmung von Geschlechtsidentität und biologischem Geschlecht; das Gegenteil ist "transgender"). Ich würde mich selbst zum Beispiel als "queeren cis-schwulen Pfarrer" bezeichnen.

Was in der Sprache immer stärker zum Ausdruck kommt, soll nach dem Willen der Initiative "Grundgesetz für alle" nun auch in der Verfassung verankert werden: Artikel 3 des Grundgesetzes soll sexuelle und geschlechtliche Identität explizit schützen. Warum wäre das so wichtig und warum genügt nicht, was bisher dort steht?

Scheel: Das ist eigentlich eine juristische Frage: Alles, was im Grundgesetz steht, hat größeres Gewicht. Es standen in Artikel 3 immer schon Gruppen, die vor Diskriminierung besonders geschützt werden sollen. Eine ausdrückliche Erwähnung schützt diese Gruppe aber besser. Und bei anderen Mehrheitsverhältnissen ist es schwerer, diskriminierende Gesetze zu erlassen, wenn sie ausdrücklich der Verfassung widersprechen.

Was sind typische Probleme, vor denen queere Menschen geschützt werden müssen?

Scheel: Homophobe Gewalt gibt es noch viel zu viel, alle paar Tage. Abfällige, queerphobe Bemerkungen gibt es natürlich auch genug im Alltag. Mehr als die Hälfte der Menschen sind in der Arbeit nicht geoutet, also ist unsere Gesellschaft noch nicht überall entspannt mit Queers. Spezielle Diskriminierung erleben zum Beispiel Lesben, weil die Ehefrau nicht automatisch das Kind ihrer Frau adoptieren darf.

Was braucht es neben einer Änderung der Verfassung, damit queeres Leben selbstverständlich sein kann?

Scheel: Da gebe ich Ihnen eine typische Pfarrerantwort: Es braucht eine Änderung des Inneren, der "Herzen" der Menschen - am besten zu erreichen, wenn sich viele Queers outen und homophobe Menschen Queers persönlich kennenlernen.

Was sagen Sie als Theologe zum Thema Homosexualität und geschlechtliche Identität? Hätte Jesus die Petition auch unterzeichnet, wäre er auch auf dem Christopher Street Day (CSD) unterwegs?

Scheel: Ja, auf jeden Fall hätte Jesus beides getan! Homosexualität und Trans sind Schöpfungsvarianten.

Worüber werden Sie bei dem Aktionstag sprechen?

Scheel: Ich werde darüber sprechen, dass Eigenschaften, die zum unverwechselbaren Wesen, zur Kernidentität eines Menschen, gehören, wie Hautfarbe und Geschlecht, besonders geschützt werden müssen - durch das Grundgesetz. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand wegen einer veränderbaren äußeren Eigenschaft kritisiert wird, zum Beispiel seiner Kleidung. Das ist auch nicht nett, aber es trifft nicht den Kern einer Person, sondern änderbares Äußerliches.

Wenn aber jemand wegen seiner Kernidentität kritisiert wird, also "Du bist ein Untermensch", "Du bist minderwertig, weil du eine eine Frau bist, dunkle Hautfarbe hast oder schwul bist", dann ist die bösartige Energie viel höher, weil ein Mensch wegen seines Soseins abgewertet wird, das er oder sie nicht ändern kann. Kernidentitäten gehören durch Verfassungsrang hoch geschützt. Beleidigungen, die sich auf Äußerlichkeiten beziehen, sind durch normale Gesetze gegen Beleidigung geschützt.

Für wie realistisch halten Sie es, dass Ihr Anliegen umgesetzt wird?

Scheel: Wir brauchen eine Zweidrittel-Mehrheit. AFD und CDU/CSU werden zusammen wohl mindestens ein Drittel der Sitze bekommen, alle anderen Parteien dürften dafür stimmen. Wir brauchen also die CDU/CSU im Boot. Nach einer Wahlniederlage denkt die Partei vielleicht über ihre Positionen nach und ändert sie. Also die Ziele sind nicht total unrealistisch.

Pfarrer Wolfgang Scheel
Auf der Bühne: Pfarrer Wolfgang Scheel beim Aktionstag der Initiative "Grundgesetz für alle" am 19. September 2021 in München

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