28.04.2020
Therapie

Therapie per Videocall: Wie psychisch kranke Menschen und ihre Therapeuten in Corona-Zeiten zusammenfinden

Psychisch kranke Menschen sind ganz besonders von den Corona-Ausgangsbeschränkungen betroffen. Ihre Therapien finden derzeit vor allem per Video oder Telefon statt. Doch nicht bei allem ziehen die Krankenkassen mit. Zum Leidwesen vieler Patienten.
Notizen auf Papier

Gerhard B. (Name geändert) klingt gefasst: "Ohne meinen Psychotherapeuten wäre ich heute nicht da, wo ich bin." Für den schwer depressiven und lungenkranken Münchner ist eine regelmäßige Therapie lebensnotwendig. In Zeiten von Corona noch mehr als sonst. Spazierengehen, frische Luft schnappen oder gar seinen Therapeuten sehen - das kann und will B. derzeit nicht mehr. "Eine Corona-Ansteckung wäre für mich als Hochrisikopatienten wahrscheinlich tödlich." Also schalten sich er und sein Psychotherapeut jeden Dienstag per Video zusammen.

Gerhard B. wirkt erstaunlich ausgeglichen und ruhig, als er über seine aktuelle Situation spricht. Doch das täusche, räumt der 58-Jährige ein. Das Coronavirus und die Ausgangsbeschränkungen hätten sein Leben auf den Kopf gestellt. Natürlich belaste ihn das zusätzlich psychisch; auch seine Medikation habe er in Absprache mit seinem Therapeuten erhöhen müssen. Auch seine anderen Ärzte, die ihm immer eine große Hilfe seien, könne er derzeit nicht sehen, dafür halte er Kontakt per Video. Gerhard B. ist gottfroh über diese unkomplizierte Alternative.

"Ich bin sehr dankbar, was die Technik heutzutage alles möglich macht."

Die Ausgangsbeschränkungen im Zuge der Corona-Pandemie treffen Menschen mit psychischen Erkrankungen hart. Einzeltherapien gibt es kaum noch, Gruppentherapien schon gleich gar nicht, auch Selbsthilfegruppen pausieren. Alternativen sind Psychotherapie per Video und Telefon. Doch letzteres unterstützen die Krankenkassen nur deutlich eingeschränkt, zum Leidwesen der weniger technikaffinen Klienten oder solchen ohne WLAN.

Bei Telefonpsychotherapie werden nur 200 Minuten im Quartal erstattet, also rund eine Stunde im Monat, wie der GKV-Spitzenverband, dem alle gesetzlichen Krankenkassen angehören, dem Sonntagsblatt auf Anfrage bestätigt.

Ludwig Klitzsch, Geschäftsführer des Gesundheitsunternehmens Ideamed mit Sitz in Bad Wiessee, das auch mehrere Zentren mit Schwerpunkt Psychosomatik in München unterhält, findet das unbegreiflich.

"In normalen Zeiten würde vieles gegen eine Therapie über Video und vor allem Telefon sprechen. Aber wir befinden uns gerade in einer absoluten Krisensituation."

Ein Drittel seiner insgesamt bis zu 2.000 Patienten sei mit der Technik überfordert oder habe keine stabile Internetverbindung. Für diese Gruppe komme nur das Telefon als Ausweichmöglichkeit infrage.

Der GKV-Spitzenverband weist die Kritik zurück. Zwar könnten viele Leistungen per Video und Telefon erbracht werden, "eine vollständige Substitution der zwischenmenschlichen Interaktion ist aber natürlich nicht möglich", teilt er dem Sonntagsblatt etwas sperrig mit. Neben der Gesprächsebene habe auch die non- und paraverbale Kommunikation eine große Bedeutung. Die gesetzlichen Krankenkassen gingen davon aus, dass die derzeit angebotenen Behandlungsmöglichkeiten die Versorgung sicherstellten.

Wie jetzt mit Depressionen umgehen?

Für Hildegard R. (Name geändert), die seit ihrer Jugend mit schweren Depressionen zu kämpfen hat, ist das Festnetztelefon derzeit der einzige Kontakt zur Außenwelt. Nachbarn kauften netterweise für sie ein, einen Partner habe sie nicht und die Enkelkinder bekomme sie derzeit gar nicht mehr zu Gesicht.

Die 64-Jährige besitzt kein Smartphone, sie schaffe es gerade noch, an ihrem Computer eine E-Mail zu verschicken. Videotherapie - darüber kann die Münchnerin nur müde lächeln. Zum Glück biete ihr Psychotherapeut ihr einmal in der Woche auf eigene Kosten Telefontherapie an. "Sonst wüsste ich nicht, was ich machen sollte", gibt Hildegard R. zu.

Gute Erfahrungen mit psychologischer Telefonberatung, die auch therapeutische Effekte hat, macht man auch bei der Inneren Mission München, wo man die Einwände der Krankenkassen nicht nachvollziehen kann.

Natürlich sei eine face to face-Therapie besser, aber über Stimme bekomme man sehr viel über die Emotionen der Klienten mit, sagt Diplompsychologin Angelika Loenicker vom Sozialpsychiatrischen Beratungsdienst Neuhausen/Nymphenburg. Ihre Klienten legten größten Wert darauf, dass ihre psychologische Beratung weitergehe, auch wenn es "nur" per Telefon sei. Selbst Spaziergänge mit den Klienten seien ganz offiziell erlaubt.

Problem der Finanzierung

Dass all das möglich ist, liegt aber vor allem an einem anderen Finanzierungsmodell: Der Beratungsdienst wird großteils über den Bezirk Oberbayern und mit einem Anteil vom Referat für Umwelt und Gesundheit der Stadt München finanziert und nicht über die Krankenkassen.

Die niedergelassenen Psychotherapeuten dagegen hoffen, dass die Krankenkassen die Telefontherapie doch noch großzügiger handhaben. Denn sie stünden auch vor einem ethischen Problem, betonte Ideamed-Geschäftsführer Klitzsch. Seine insgesamt 65 Psychotherapeuten wollten ihre Patienten gerade in der jetzigen Krisensituation natürlich nicht alleinlassen und böten dennoch Telefontherapie an. Man gehe derzeit massiv in Vorleistung. Doch auf Dauer dürfe man vor der Finanzierungsfrage nicht die Augen verschließen, sagt er.

Und Hildegard R. und Gerhard B. sagen unabhängig voneinander trotz aller Widrigkeiten: "Ich will nicht jammern. Es ist, wie es ist."

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Bayern

Tisch Bank leer Gastronomie Lokal Restaurant Cafe Krise
Autor
Besonders die Beschäftigten in der Gastronomie brauchen jetzt Hilfe in Form eines Corona-Zuschlags, erklärt die stellvertretende kda-Leiterin Sabine Weingärtner im Interview. Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt, eine Einrichtung der bayerischen evangelischen Landeskirche, hat in der Corona-Krise verschiedene Angebote ins Leben gerufen, um Menschen in ihrem Beruf zu begleiten.