Psychologie
Keine Umarmungen, wenig Berührungen, kaum Nähe: Seit einem Jahr beugt sich Deutschland den Abstandsregeln der Pandemie. Der Münchner Psychologieprofessor Dieter Frey erklärt, was das mit den Menschen macht - und wie Körperkontakt "nach Corona" aussehen könnte.

Die fehlende Nähe zu Freunden und Familie gehört nach Ansicht des Münchner Psychologieprofessors Dieter Frey für viele zu den gravierendsten Erfahrungen der Corona-Pandemie.

Der Mensch sei schließlich ein soziales Wesen, ohne Berührungen und Kontakte könne er sich nicht entwickeln. Im Gespräch mit Sonntagsblatt beschreibt der Sozialpsychologe, wie sich ein Jahr Abstand anfühlt.

Herr Professor Frey, wie geht es den Menschen nach einem Jahr Pandemie?

Frey: 90 Prozent der Menschen leiden. Wie stark, ist von vielen Faktoren abhängig: etwa ob man introvertiert oder extrovertiert ist. Ob man Ängste vor Arbeitsplatzverlust hat oder Konflikte mit engem Wohnen. Ob Home Schooling dazukommt. In den Phasen des Auf und Abs, der Öffnungen und Schließungen, erlebten die Menschen eine Achterbahn der Gefühle: von Verständnis, Akzeptanz, Verzweiflung, Wut, Ärger, Frustration, Ängsten und Depression. Menschen, die vorher ängstlich waren, sind noch ängstlicher geworden und verlassen das Haus nicht mehr. Zehn Prozent sagen aber auch, die Pandemie hat Vorteile: Soziale Verpflichtungen können reduziert werden.

Was fehlt den Menschen am meisten? 

Frey: Die fehlende Nähe wird schon sehr stark vermisst. Den meisten fehlt, dass man sich nicht gemeinsam treffen kann, in einem Café zu einer Tasse Kaffee mit Kuchen. Dass man nicht gemeinsam in Urlaub verreisen kann. Dass man Eltern, Großeltern oder Kinder nicht besuchen konnte. Das ist die gravierendste Erfahrung: die Ohnmacht, die Nähe seiner Lieben und Freunde nicht mehr zu haben und zu genießen. 

Diese Nähe fehlt jetzt seit einem Jahr. Was macht das mit Menschen?

Frey: Der Mensch ist ein soziales Wesen, er könnte sich ohne andere gar nicht entwickeln. Und zum sozialen Wesen gehört Nähe und Austausch - insbesondere mit Menschen, die man mag. Umarmen und Berühren sind Symbole von "Wir gehören zusammen", "Wir sind ein Team". Dieses Team ist Teil der sozialen Identität, das heißt ein Bestandteil der eigenen Identität.

Der Handschlag, die Umarmung, das Bussi-Bussi: Was steckt hinter diesen vermeintlich oberflächlichen Begrüßungsritualen? 

Frey: All diese Gesten sagen, dass sich zwei Menschen mögen und eine enge Beziehung haben. Wenn sie fehlen, spürt man das und entwickelt Sehnsüchte, dass sie zurückkommen. Und man muss sich ziemlich disziplinieren, dass man es nicht trotzdem macht. Gerade eine Umarmung ist etwas besonderes. Sie ist ein Zeichen der emotionalen Nähe, mehr als nur Zuneigung. Ellenbogen-Gruß oder Fußkick als Umarmungs-Ersatz würde ich eher als Akt der Zuneigung sehen, weniger als Akt der emotionalen Nähe. Eine Umarmung bedeutet so etwas wie eine emotionale Begegnung. Ich möchte durch die Umarmung ausdrücken, dass eine tiefe Verbundenheit vorhanden ist.

Dann gibt es noch die andere Nähe: das nah Beieinandersitzen, den Arm um einen Freund legen, jemandem auf die Schulter klopfen - auch diese Berührungen sind für viele nicht mehr existent. 

Frey: Die fehlenden Berührungen erzeugen beidseitige Unsicherheit. Es entsteht ein zwiespältiges Gefühl, das man meist zu überwinden versucht, indem man sagt, "Ja wir können uns heute nicht auf die Schulter klopfen, holen wir aber alles nach." Aber irgendwie merken alle: es fehlt was.

Ist Nähe allen Menschen gleich wichtig? 

Frey: Natürlich unterscheiden sich Menschen darin, inwieweit sie Nähe und Berührungen zulassen. Im Durchschnitt umarmen sich Frauen mehr als Männer. Männer tun sich da manchmal schwer. Auch die Jüngeren, insbesondere die Generation Y (Anm. d. Red.: Jahrgänge 1980 bis 1999), umarmt sich im Durchschnitt mehr. Deshalb leiden die jüngeren Leute auch mehr darunter, dass sie durch die Pandemie diese Berührungen nicht mehr so zeigen können und permanent Gefühle unterdrücken müssen. 

Es ist in gewisser Weise eine Generationenfrage: Die sogenannte ältere Generation tut sich diesbezüglich schwerer mit körperlicher Nähe. Aber grundsätzlich denke ich schon, dass der Wunsch nach Nähe und Berührung ein menschliches Grundbedürfnis ist, das immer wieder durchkommt. 

Gibt es Kulturen, in denen Berührungen im sozialen Miteinander keine Rolle spielen? Oder eine ganz große? 

Frey: Im Süden Europas spielen Familien und das soziale Miteinander eine stärkere Rolle als im Norden. Man kann sogar sagen: In katholischen Gegenden spielen die sozialen Beziehungen eine stärkere Rolle als im individualistischen, protestantischen Norden. Der Katholizismus ist eine eher kollektive Religion, der Protestantismus eine individuelle. Das zeigt sich auch im sozialen Miteinander: Familie, Feiern und auch Berührungen spielen im Süden Europas eine größere Rolle. 

Vieles wurde in der Pandemie versucht, digital zu kompensieren. Funktioniert das auch mit Berührungen?

Frey: Berührungen fallen natürlich ganz weg. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Nähe durchaus auch herstellen kann durch die Art, wie man interagiert. Ja, man kann Nähe auch digital herstellen. Durch gutes Zuhören, gutes Fragenstellen. Indem man den anderen öfter fragt, wie es ihm geht. Und selber seinen Gefühlszustand beschreibt. 

Wird die Social-Distancing-Erfahrung unser Zusammenleben dauerhaft verändern? 

Frey: Wenn Herdenimmunität erreicht wird und man keine Infektionszahlen mehr in den Zeitungen liest oder im Radio hört, wird vieles umso herzlicher zurückkommen. Nach dem Motto: Gott sei Dank, wir können uns wieder umarmen! Insofern glaube ich, dass sich im Zusammenleben nicht viel ändern wird: Die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit, Nähe und Wärme wird bleiben. Man wird sich an die Restriktionen zurückerinnern und die Sehnsucht, sich noch heftiger und herzlicher zu umarmen, wird stärker sein. Auch, weil man weiß, dass es wieder Zustände geben kann, wo man das wieder zurücknehmen muss. Meine Meinung ist: Man wird Umarmungen mehr schätzen - aber nur so lange man weiß, es ist ungefährlich

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