22.12.2020
Corona und Weihnachten 2020

Psychologe: Menschen sehen kleineres Ansteckungsrisiko in Familie

Der Psychologe Horst Heidbrink erklärt, warum Menschen das Ansteckungsrisiko für eine Corona-Infektion bei nahe stehenden Menschen geringer einschätzen als bei fremden Personen. Und was der Unterschied zwischen Familie und Freundschaften ist.
Familie Weihnachten Symbol

Menschen bewerten das Ansteckungsrisiko für eine Corona-Infektion nach Ansicht des Psychologen Horst Heidbrink bei ihnen nahe stehenden Menschen geringer als bei fremden Personen. Bei Menschen, denen man vertraue, habe man das subjektive Gefühl, dass das Risiko einer Ansteckung geringer ist.

"Wir glauben, diese Menschen - egal ob Verwandte oder gute Freunde - werden einen nicht anstecken", sagte Heidbrink Sonntagsblatt.de. Das sei paradox und virologisch betrachtet Unsinn.

Bei fremden Menschen würde man sich sogar eher seltener anstecken, weil man ihnen ohnehin nicht so nah komme. Von daher mache es, was das Ansteckungsrisiko angehe, nach Heidbrinks Vermutung keinen Unterschied, ob man sich mit Freunden oder Verwandten an Weihnachten treffe.

Weihnachten 2020: Menschen fühlen sich in Familien wohler und sicherer

Es gebe aber das Gefühl, dass man im Familienkreis vielleicht doch noch etwas sicherer sei vor Ansteckung als im Freundschaftskreis. Intuitiv fühlten sich die Menschen damit wohler.

Daher komme es, dass die Freiheiten an Weihnachten trotz aller Beschränkungen in den meisten Bundesländern doch etwas großzügiger in Bezug auf Familien seien als Silvester in Bezug auf Freunde, sagte Heidbrink, der zu Freundschaftsbeziehungen forscht.

Freundschaften hätten eine lange evolutionäre Tradition, die bis in die früheste Zeit der Menschwerdung zurückreiche. Freundschaften seien damals lebensnotwendig gewesen, weil sie auf Kooperation beruhten.

Familie übernimmt wichtigere Funktionen als Freundschaften

Evolutionsgeschichtlich betrachtet sei Verwandtschaft in der frühen Zeit des Menschen nicht wichtiger als Freundschaft gewesen, erläuterte Heidbrink. Die Vorrangigkeit der Familie habe sich aber als Vorstellung bis heute kultiviert. In der heutigen Gesellschaft übernehme die Familie viele wichtige Funktionen. Erwartungen an die Familie seien oftmals größer als an Freunde.

Freundschaften seien auf eine Balance aus Geben und Nehmen ausgerichtet. Freunde seien nach heutigen Vorstellungen Vertraute, von denen man sich vor allem emotionale Unterstützung erhoffe. "Das ist heute die wichtigste Aufgabe von Freundschaften - im Gegensatz zu einer eher existenziellen, materiellen Unterstützung im Bereich der Familie", sagte Heidbrink.

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