Asyl und Flucht
Solomon Chibuike wird in Nigeria verfolgt. Er gehört einer ethnischen Minderheit an, die von der nigerianischen Regierung gewaltsam unterdrückt wird. 2016 floh er nach Deutschland und beantragte Asyl. Warum der Asylantrag abgelehnt wurde und welche Hoffnung er noch hat, erklärt er im Sonntagsblatt-Gespräch.
Solomon Chibuike

Beim Thema Asyl und Abschiebungen denken die meisten sofort an Länder wie Syrien und Afghanistan. Aber es gibt noch weitere Regionen auf der Erde, aus denen Menschen zu uns fliehen - zum Beispiel Nigeria. So wie Solomon Chibuike, heute 33, der seiner Heimat als Mitglied einer verfolgten ethnischen Minderheit den Rücken kehrte und heute in Hammelburg lebt. Während etwa US-Behörden Nigeria als "besorgniserregendes Land" einschätzen, halten es deutsche Behörden und Gerichte für so sicher, dass Asylanträge abgelehnt und Geflüchtete abgeschoben werden.

Herr Chibuike, können Sie in wenigen Sätzen berichten, weshalb Sie 2016 aus Ihrer Heimat geflohen sind?

Solomon Chibuike: Ich gehöre zur Volksgruppe der Igbo, die im Südosten von Nigeria zuhause sind. Die Region ist auch als Biafra bekannt, vielleicht weiß der ein oder andere noch vom sogenannten Biafra-Krieg zwischen 1967 und 1970. Die heutigen Konflikte sind dieselben wie damals. Die Briten haben damals als Kolonialmacht den Vielvölkerstaat Nigeria auf dem Reißbrett "gegründet". Die Igbo wollen frei und unabhängig von Nigeria sein, sie werden aber von der nigerianischen Regierung von Militär und Polizei äußerst brutal mit Waffengewalt unterdrückt und ermordet.

Der Konflikt ist also Jahrzehnte alt - weshalb aber haben Sie sich dann im Juni vor fünf Jahren dazu entschlossen, zu fliehen?

Chibuike: Soldaten, Polizisten und Söldner der Regierung töten dort Tag für Tag Menschen. Völlig wahllos werden Menschen regelrecht abgeschlachtet. Alleine seit Januar 2021 sind mehr als 5.000 Biafra ermordet worden. Das sind Massaker, das ist ein Genozid. Bei einer friedlichen Demonstration sind mein Vater und ich für die Unabhängigkeit Biafras auf die Straße gegangen: Mein Vater und viele Freunde wurden getötet. Da wusste ich: Ich muss aus Nigeria fliehen, wenn ich weiter leben will.

"Das sind Massaker, das ist ein Genozid."

Warum hört man bei uns in Europa so wenig über diesen Konflikt?

Chibuike: Das hat sicher viele Gründe. Zum einen ist Nigeria weit weg - und so richtig interessiert sich ehrlicherweise ja niemand für Konflikte, die einen nicht direkt betreffen. Zum anderen sind wir Biafra davon überzeugt, dass gewisse Medien beispielsweise in England absichtlich nicht darüber berichten. Die britische Regierung hat viele Wirtschaftsbeziehungen nach Nigeria, in meiner Heimat gibt es viele begehrte Rohstoffe - da will man sich unangenehme Berichte über die Zustände in Nigeria ersparen.

All ihre bisherigen Asylanträge wurden auch von Gerichten abgelehnt - mit dem Hinweis, dass die Situation in Nigeria so schlimm nicht ist...

Chibuike: ...ja, und das lässt mich ratlos zurück - und macht mich auch wütend. Schauen Sie ins Netz, die sozialen Medien sind voller Videos, die die brutale Gewalt der Soldaten, Söldner und Polizisten in Nigeria dokumentieren. Die deutschen Behörden und Gerichte berufen sich immer auf die Einstufung Nigerias als sicheres Herkunftsland. Aber das ist eine Farce. Auch anerkannte Institutionen wie etwa Amnesty International oder die Konrad Adenauer Stiftung bestätigen die Gewaltexzesse. Nigeria ist nicht sicher, es gibt dort keine einzige sichere Gegend, zumindest nicht für Igbo und Christen.

"Die Behörden in Deutschland versuchen alles, um Geflüchteten aus Nigeria das Leben so schwer wie nur irgendwie möglich zu machen"

Fühlen Sie sich in Deutschland von den Behörden also missverstanden?

Chibuike: Die Behörden in Deutschland versuchen alles, um Geflüchteten aus Nigeria das Leben so schwer wie nur irgendwie möglich zu machen und uns wieder loszuwerden - das ist zumindest mein Eindruck. Meine Aufenthaltsgestattung wurde zur Duldung herabgestuft, ich habe meine beiden Jobs verloren. Meine Arbeitgeber waren entsetzt. Sie haben meine Arbeit sehr geschätzt und wollen, dass ich zurückkomme - leider hat die Zentrale Ausländerbehörde deren Anträge auf Weiterbeschäftigung abgelehnt. Aktuell glaubt man mir nicht einmal, dass mein Vater und auch einige Freunde vor meinen Augen getötet wurden und dass ich wegen meines Glaubens und meiner Herkunft als Angehöriger der Igbo ab dem Zeitpunkt in akuter Lebensgefahr wäre, sobald ich Nigeria betreten würde.

Viele andere Länder bewerten die Lage in Nigeria inzwischen anders, Menschenrechtler warnen vor der Situation dort. Hilft Ihnen das nichts?

Chibuike: Nein, leider. Das Auswärtige Amt der Bundesrepublik warnt inzwischen sogar selbst vor Reisen nach Nigeria, aber gleichzeitig wird das Land bei Asylanträgen als sicher eingestuft. Das macht mich sehr traurig, es belastet mich wirklich. Meine aktuelle Situation ist Folgende: Ich setze meine Hoffnungen auf den Asylfolgeantrag - wird dem stattgegeben, darf ich noch zwei, drei Jahre bleiben. In dieser Zeit müsste sich die Bewertung Nigerias bei den hiesigen Behörden grundlegend ändern. Meine größte Hoffnung setze ich als Christ auf Gott, der mich durch diese sehr schwere Zeit stets begleitet hat und mir in der aktuellen Hoffnungslosigkeit immer wieder Trost schenkt...

"Dorthin kann ich nicht zurück, denn man wird mich dort umbringen."

...und wenn dem Asylfolgeantrag nicht stattgegeben wird, droht Ihnen die Abschiebung?

Chibuike: Ja, so wie es aktuell eben auch schon ist. Sollte dem Asylfolgeantrag - in dem ein Gutachter auf meine enorme psychische Belastung verweist - nicht stattgegeben werden, droht mir jederzeit die Abschiebung. Sie können sich vorstellen, wie kräftezehrend das ist. Ich will doch nur in Frieden leben, nicht mehr. Ich will fair behandelt werden, nicht mehr. In Nigeria baut die Regierung ein Terrorregime auf, zusammen mit Islamisten von Boko Haram. Dorthin kann ich nicht zurück, denn man wird mich dort umbringen.

Politische Situation in Nigeria

Nigeria ist mit mehr als 190 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas, ist der größte Öl- und Gasproduzent des Kontinents und verfügt mit mehr als 400 Ethnien über "die größte ethnische Diversität" aller afrikanischer Länder, schreibt die Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) in ihrem "Konfliktporträt Nigeria". Das Land befindet sich seit Jahrzehnten fortwährend im Krisenmodus, das Stadium des "unfertigen Staates" hat die einstige britische Kolonie seit ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1960 nicht überwunden, heißt es weiter.

Bei den letzten Wahlen im Februar 2019 kamen mehrere Hundert Menschen ums Leben, das Land befindet sich seither im politischen und wirtschaftlichen Krisenmodus. Während der Nordosten noch immer unter den Raubzügen der islamistischen Terrormiliz Boko Haram leidet und alleine mehr als zwei Millionen Binnenflüchtlinge in Lagern vor sich hinvegetieren, kommt es in Zentralnigeria und im Nigerdelta zu brutal ausgetragenen ethnisch-religiösen Verteilungskämpfen, Gewaltkriminalität und massiver Piraterie. Das Land erlebt eine zunehmende Militarisierung der Gesellschaft.

Hinzu kommt dem Konfliktporträt zufolge, dass das gesellschaftliche Leben von institutionalisierter Gewalt, Kriminalität und staatlicher Willkür geprägt ist. Der nigerianische Föderalismus, der von der Idee her als Instrument des Interessensausgleich in dem Vielvölkerstaat dienen sollte, entwickelte sich der bpb zufolge "schnell zum Synonym legalisierter Bereicherung". Damit wurden die teilweise krassen regionalen Strukturunterschiede zwischen dem wirtschaftlich starken Nigerdelta und dem Norden des Landes weiter verschärft.

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